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Anreize zu mehr Konsum: Euro könnte per Lotterie entwertet werden

Anreize zu mehr Konsum  

Euro-Scheine könnten per Lotterie entwertet werden

12.06.2014, 18:11 Uhr | Von Bastian Benrath, Handelsblatt

Anreize zu mehr Konsum: Euro könnte per Lotterie entwertet werden. Gedankenspiele zum Euro: Banknoten könnten je nach Registrierungsnummern für ungültig erklärt werden (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Gedankenspiele zum Euro: Banknoten könnten je nach Registrierungsnummern für ungültig erklärt werden (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Erstmals in ihrer Geschichte verlangt die EZB Strafzinsen von Banken, die Geld bei ihr parken. Ökonomen gehen mit ihren Gedankenspielen sogar noch weiter: Bargeld könnte etwa per Lotterie entwertet werden.

Es klang wie eine Drohung. Als Mario Draghi Anfang Juni als erster Chef einer großen Notenbank überhaupt einen negativen Einlagenzins verkündete, machte der Italiener klar, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zum Handeln bereit ist: "Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen."

Geldscheine für ungültig erklären

Doch bereits der Strafzins auf geparktes Geld für sich genommen ist für Banken im Euro-Raum ein Novum. Draghi will es damit den Geldhäusern schmackhaft machen, Bares nicht einzubehalten, sondern verstärkt in Form von Krediten in die Wirtschaft zu weiterzureichen. Die Konjunktur könnte dadurch angekurbelt werden.

Ökonomen gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie üben sich in Gedankenspielen darin, wie auch Privatleute im Notfall zum Geldausgeben getrieben werden könnten. Eine naheliegender Anreiz: Wer sein Geld nicht ausgibt, läuft Gefahr, dass es wertlos wird. Dabei werden gleich mehrere Ansätze diskutiert.

Zum Beispiel könnten Geldscheine mit bestimmten Endnummern für ungültig erklärt werden. Welche Scheine das seien, würde durch Los entschieden. Eine weitere Möglichkeit: Jeden Tag, den ein Geldschein im Umlauf ist, verliert er an Wert. Dabei könnte der aktuelle Wert des Scheines auf einem Magnetstreifen festgehalten werden. Schließlich könnte man auch allen Barzahlern kollektiv an den Kragen gehen: Vorstellbar wäre, dass diejenigen, die cash bezahlen wollen, einfach mehr bezahlen müssten.

Vorerst bloße Gedankenspiele

Zur Erinnerung: Dies alles sind Gedankenspiele. Die negativen Einlagenzinsen, wie Draghi sie jetzt vorgibt, treffen nur die Banken – und die haben fürs Erste nicht vor, die Entwicklung an die Sparer weiterzugeben. "Es drohen keine negativen Einlagenzinsen für Privatleute", urteilt Gunnar Meyer von der Commerzbank.

Heikler würde es erst, sollte EZB-Chef Draghi als nächstes zum Großangriff gegen fallende Preise ausholen und einen negativen Leitzins verkünden. In diesem Falle würden Banken Zinsen dafür bekommen, wenn sie sich Geld von der EZB leihen. Gäben die Banken diesen Zins weiter, könnten auch Firmen daran verdienen, bei der Bank einen Kredit aufzunehmen.

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Investitionen könnten vorgezogen werden

Der radikale Anreiz findet in der Ökonomenwelt Befürworter. Mit einem negativen Leitzins könne man etwa erreichen, "dass eine Firma, die in ein paar Jahren eine neue Fabrik bauen will, diese Fabrik stattdessen heute baut", schreibt der US-Ökonom Kimball von der Universität Michigan in seinem Blog. "Wenn jemand der Firma nun zu einem Zins von minus 3,33 Prozent Geld leihen würde, könnte sie sich für den Bau der Fabrik heute eine Million Dollar leihen und in drei Jahren nur rund 900.000 Dollar zurückzahlen." Investitionen würden so ohne Zweifel attraktiver.

Ähnlich schreibt auch Willem Buiter von der London School of Economics (LSE) wörtlich: "Es gibt keinen theoretischen oder praktischen Grund, den Leitzins nicht bei, sagen wir, minus fünf Prozent zu haben." Unter bestimmten Umständen kann ein negativer Leitzins sogar die einzig effiziente Lösung sein. Als etwa die Forscher der amerikanischen Notenbank Federal Reserve im Frühjahr 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, nach einem bewährten Verfahren den optimalen Leitzins ermittelten, sagte der Computer: Minus fünf Prozent.

Bargeld lieber unter die Matratze legen

Die Idee ist nicht neu. Sie geht zurück bis auf den deutschen Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862-1930), der als erster eine Steuer auf die Geldhaltung forderte. Denn nichts anderes wären negative Leitzinsen: Da sich das Geld auf dem Konto selbst entwertete, hätte der am meisten von seinem Vermögen, der es möglichst sofort wieder ausgibt. Ein negativer Leitzins würde also so etwas wie eine künstliche Inflation hervorrufen. Sogar Ökonomen-Übervater John Maynard Keynes zitierte Gesell zustimmend.

Im Grunde sind sich Ökonomen darüber einig, dass der Leitzins nur positiv sein kann. Denn: Wer würde Geld verleihen, wenn er es nicht vollständig wieder zurückbekommt? "Anstatt das Geld zu einem negativen Zins zu verleihen, wäre es rentabler, sich Bargeld unter die Matratze zu legen", schreibt der renommierte Harvard-Ökonom Gregory Mankiw in einem Gastartikel für die New York Times. Denn Bargeld würde dann zwar nicht mehr, aber - zumindest nominell - eben auch nicht weniger.

Banknoten je nach Nummern ungültig

Die Lösung könnte schließlich eine Kombination aus negativem Leitzins und Entwertung von Bargeld sein. Ökonom Mankiw, der Fan von negativen Leitzinsen ist, heißt zum Beispiel die Idee eines seiner Studenten gut, dass die Zentralbank eine Lotterie ausruft: Die Währungshüter könnten ankündigen, in einem Jahr eine Zahl zwischen 0 und 9 aus dem Hut zu ziehen - alle Banknoten, deren Registrierungsnummern auf dieser Zahl enden, wären dann ungültig.

Jeder Mensch mit viel Bargeld müsste dadurch fürchten, in einem Jahr ein Zehntel seines Vermögens zu verlieren. Mit einem Mal würden negative Renditen attraktiv, schreibt Mankiw: "Die Menschen wären entzückt, Geld zu minus drei Prozent zu verleihen, denn drei Prozent zu verlieren ist besser als zehn Prozent zu verlieren."

Teil 2: Magnetstreifen auf dem Geldschein

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