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Börse: Putins Politik kostet Investoren eine Billion Dollar

"Economist" rechnet vor  

Putins Politik kostet Investoren eine Billion Dollar

28.07.2014, 11:13 Uhr | Christian Rickens, Spiegel Online

Börse: Putins Politik kostet Investoren eine Billion Dollar. An der Moskauer Börse haben die Anleger derzeit wenig Freude. (Quelle: AFP)

An der Moskauer Börse haben die Anleger derzeit wenig Freude. (Quelle: AFP)

In welchem Land würden Sie derzeit am ehesten Ihr Geld anlegen: Russland, Iran, Argentinien oder Simbabwe? "Oh Gott, in keinem davon", dürfte eine ziemlich naheliegende Antwort lauten.

Mit einem Blick auf die Börsenstatistik in den jeweiligen Ländern fällt die Antwort differenzierter aus, wie die britische Zeitschrift "Economist" errechnet hat. Russland ist demnach am unbeliebtesten bei Investoren, dicht gefolgt von Iran und Argentinien. Simbabwe (wir erinnern uns: kleptokratisches Regime, frisch überwundene Hyperinflation) erweist sich im Vergleich dazu als Anlegers Liebling.

Blick auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis

Für seine Kalkulation hat sich der "Economist" das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der börsennotierten Unternehmen in den jeweiligen Ländern angeschaut. Die Ziffer besagt, das Wievielfache des jeweiligen Jahresgewinns Investoren bereit sind, für die Aktien eines Unternehmens zu bezahlen.

Je höher die Kennzahl liegt, desto mehr Zuversicht haben Investoren in die künftige wirtschaftliche Entwicklung eines Unternehmens. Beziehungsweise in die Volkswirtschaft eines Landes, wenn man das Kurs-Gewinn-Verhältnis aller börsennotierten Unternehmen anschaut.

Einst ein BRIC, jetzt ein DOG

Das ernüchternde Ergebnis dieser Betrachtung: Russische Aktien werden laut "Economist"-Berechnung mit einem KGV von 5,2 gehandelt. Der ebenfalls von Handelssanktionen betroffene Iran liegt bei 5,6. Argentinien steht kurz vor dem erneuten Staatsbankrott - und bei einem KGV von 6,1. Zimbabwe hingegen konnte sich 2012 aus dieser Todeszone befreien, das KGV der dortigen Unternehmen liegt nur noch knapp unter dem Durchschnitt der Schwellenländer ("Emerging Markets") von 12,5.

Auch Russland zählte einst zur Riege dieser Staaten mit angeblich hervorragenden Wachstums- und Zukunftsaussichten. Die Investmentbank Goldman Sachs sah in Russland neben Brasilien, Indien und China sogar eine von vier künftigen Wirtschaftsweltmächten ("BRIC"). Doch Putins Politik hat das gründlich geändert. Der Gesamtwert aller börsennotierten russischen Unternehmen beträgt laut "Economist" nur noch 735 Milliarden US-Dollar. Würden die russischen Aktien hingegen ebenso hoch bewertet wie die der übrigen Emerging Markets, also mit einem durchschnittlichen KGV von 12,5, dann betrüge diese Marktkapitalisierung 1,77 Billionen Dollar. Macht eine Differenz von gut einer Billionen Dollar oder rund 750 Milliarden Euro.

Putin bei Anlegern unbeliebter als Mugabe

Leicht überspitzt schlussfolgert der "Economist": Eine Billion Dollar, das ist die Summe, die Russland-Investoren entgeht, weil Wladimir Putin mit seiner Politik die Zukunft des Landes ruiniert. Mit typisch britischem Humor hat sich das Blatt sogar einen griffigen Namen für diesen Bewertungsabstand zwischen russischen Aktien und dem Durchschnitt der Schwellenländer ausgedacht: "DOG", den "Discount for Obnoxious Government", also den Bewertungsabschlag für unbeliebte Regierungen. Und der fällt bei Präsident Putin derzeit höher aus als bei seinen KollegInnen Hassan Rohani (Iran), Cristina Kirchner (Argentinien) und Robert Mugabe (Simbabwe).

Klar ist allerdings auch: Putins mieser DOG-Wert hat nur zum Teil etwas mit seiner aggressiven Politik gegenüber der Ukraine zu tun. Bereits vor der umstrittenen Annexion der Krim machten Investoren einen großen Bogen um den russischen Aktienmarkt. Immer wieder genannte Gründe für die Skepsis sind:

  • Die fehlende Rechtsstaatlichkeit, die zur Angst vor der willkürlichen Enteignung von Unternehmen führt.
  • Die verbreitete Korruption, die es schwierig macht, in Russland auf saubere Weise Geschäfte zu betreiben.
  • Eine verfehlte Wirtschaftspolitik, die die Modernisierung der Wirtschaft zentral vom Kreml aus zu steuern versucht, anstatt sie dem Markt zu überlassen.
  • Was wiederum dazu führt, dass sich an der einseitigen Abhängigkeit Russlands von der Rohstoff-Förderung und -Verarbeitung auf absehbare Zeit nichts ändern wird.
  • Und schließlich die niedrige Geburtenrate von 1,6 Geburten pro Frau, gepaart mit einer niedrigen Lebenserwartung von lediglich 70 Jahren (bei Männern sind es sogar nur 64 Jahre, alle Zahlen Stand 2012). Der dadurch absehbare Bevölkerungsrückgang wird das Wirtschaftswachstum in Russland langfristig weiter dämpfen.
  • Und schließlich die Angst vor Handelssanktionen des Westens, die sowohl den Zugang zu westlichem Kapital erschweren könnten als auch den Zugang für russische Unternehmen zu westlichen Exportmärkten.

An all diesen Punkten könnte kluge Politik etwas verändern. Doch die Kreml-Führung stürzt sich lieber in außenpolitische Abenteuer. Mit der Folge, dass der gesamte russische Aktienmarkt derzeit weniger wert ist als der addierte Börsenwert von Apple und Microsoft.

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