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IWF-Treffen in Washington: Deutschland wird zum Sorgenfall

IWF-Treffen in Washington  

Deutschland wird zum Sorgenfall

11.10.2014, 10:04 Uhr | Spiegel Online

IWF-Treffen in Washington: Deutschland wird zum Sorgenfall. Diskussionsrunde des IWF: Wirtschaftsräume entwickeln sich auseinander  (Quelle: Reuters)

Diskussionsrunde des IWF: Wirtschaftsräume entwickeln sich auseinander (Quelle: Reuters)

Beim Treffen der Weltfinanzelite gerät Deutschland unverhofft in den Fokus: Die schlechten Wirtschaftsdaten schüren bei Politik und Bankern Angst vor einer Rezession. Die USA fürchten, Europa könnte ihnen den Aufschwung verderben.

Jamie Dimon ist voll des Lobes: Diese tollen Unternehmen! Die großartigen Kapitalmärkte! Und erst die unglaublichen Innovationen überall! Nein, er sei wirklich sehr optimistisch, was die wirtschaftliche Entwicklung in seinem Heimatland angehe, sagt der Chef der größten US-Bank JP Morgan. Er ist mit dieser Ansicht nicht allein hier in Washington, wo sich an diesem Wochenende die Weltfinanzelite trifft. Die USA sind wieder wer, und das kann man ja auch ruhig einmal sagen.

Wenn die Rede auf Europa kommt, hört sich das meist leider ganz anders an. Die europäische Wirtschaft sei in einem "ziemlich besorgniserregenden Zustand", sagt etwa der ehemalige Bundesbank-Präsident Axel Weber, heute Verwaltungsratschef bei der Schweizer Bank UBS. "Man findet einfach kein Wachstum", klagt Anshu Jain, Co-Chef der Deutschen Bank.

Finanzexperten aus mehr als hundert Ländern sind an diesem Wochenende in Washington zusammengekommen, um über die Lage der Wirtschaft zu befinden: Banker, Notenbanker, Wissenschaftler und Politiker. Sie treffen sich auf der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF), beim Weltbankenverband oder im Rahmen der G20. Und das Hauptthema ist der Ärger mit Europa.

Die beiden großen Wirtschaftsräume der westlichen Welt sind gerade dabei, sich dramatisch auseinander zu entwickeln. In den USA brummt es. Die Wirtschaftsleistung wird laut IWF-Prognose im laufenden Jahr um 2,2 Prozent zulegen, im nächsten Jahr sogar um mehr als drei Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Täglich schlechte Nachrichten

In Europa sieht es dagegen düsterer aus. Die Eurozone droht nach 2012 erneut in die Rezession zurückzufallen. IWF-Chefin Christine Lagarde beziffert die Wahrscheinlichkeit dafür mit 35 bis 40 Prozent - und zählt damit wahrscheinlich noch zu den Optimisten.

Während das Wachstum in einigen Südländern wie Spanien oder Griechenland langsam wieder anspringt, sind es nun gerade die Kernstaaten der Währungsunion, die die größten Sorgen bereiten: Frankreich, Italien und ja, auch Deutschland.

Die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone wird derzeit fast täglich mit schlechten Meldungen überzogen: Fallende Industrieproduktion, sinkende Exportzahlen, düstere Prognosen. Mittlerweile gehen immer mehr Experten davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt auch im Sommerquartal geschrumpft ist. Es wäre der zweite Rückgang in Folge - und damit offiziell der Rückfall in die Rezession.

Es ist genau dieses Szenario, das die Wirtschaftswelt fürchtet. "Wir sind ziemlich besorgt über die Abkühlung in Deutschland", sagt Mahmood Pradhan, Europa-Experte des IWF. Es deute einiges auf eine anhaltende Schwäche hin. Der britische Finanzminister George Osborne sieht das ähnlich: Die Wirtschaftsdaten in Deutschland seien die größte Sorge in Europa, betont der Minister.

Angst in der Finanzwelt ist groß

In der Tat wäre es ein verheerendes Zeichen, wenn ausgerechnet jene Volkswirtschaft abrutschte, die bisher doch aller Verwerfungen auszuhalten schien. Wer sonst soll Europa aus der Krise holen, wenn Deutschland ausfällt? Zieht es die anderen Länder der Eurozone gar noch mit nach unten?

Die Angst in der Finanzwelt ist jedenfalls groß. Und so wird auf den Podien in Washington auch schon mal über deutsche Konjunkturbarometer wie den Ifo-Index gefachsimpelt. Als beim Mittagessen des Weltbankenverbandes die Gäste nach der größten Gefahr für die kommenden Monate gefragt werden, nennen die meisten von ihnen die drohende Rezession in Europa.

Besonders für die Amerikaner ist ein solches Szenario eine Horrorvorstellung. Sie fürchten vor allem einen schwachen Euro, der den Dollar und damit alle amerikanischen Exporte verteuern würde.

Gestraft mit schlechten Politikern

Jetzt, da die US-Wirtschaft gerade in Schwung gekommen ist, wäre es nämlich eigentlich an der Zeit, dass die Notenbank Fed die Zinsen erhöhte. Hohe Zinsen aber locken das Geld der Anleger aus aller Welt an und verteuern so die Währung. Nur wenn die Europäische Zentralbank (EZB) mitziehen würde, ließe sich der Effekt dämpfen. Doch die EZB ist von Zinserhöhungen weiter entfernt denn je. Stattdessen muss sie das Geld immer billiger machen, um so den Euro zu schwächen und der angeschlagenen Wirtschaft zu helfen. So driften die beiden größten Wirtschaftsblöcke der Welt immer weiter auseinander.

An guten Ratschlägen für die Europäer mangelt es nicht. Die meisten drehen sich darum, mehr Geld auszugeben. Die EU-Kommission sollte Ländern wie Italien oder Frankreich erlauben, höhere Defizite zu machen, fordert etwa Willem Buiter, Chefökonom der US-Bank Citigroup. Auch Deutschland solle mehr investieren, in Infrastruktur zum Beispiel: Straßen oder Brücken.

Die Bundesregierung hört so etwas derzeit zwar oft, aber gar nicht gerne. Gerade erst hat sich Finanzminister Wolfgang Schäuble seinen schuldenfreien Haushalt absegnen lassen, den ersten seit vier Jahrzehnten. Diesen Erfolg will er sich jetzt nicht von irgendwelchen Ökonomen verderben lassen. "Wir wären töricht, wenn wir das jetzt gefährden würden", sagt Schäuble. Investitionen findet er deshalb nur solange gut, wie sie ihn kein Geld kosten.

Vielleicht hat er damit ja auch recht und die schlechte Stimmung um Europas Wirtschaft ist völlig übertrieben. Darauf hofft zumindest Stephanie Flanders, Marktstrategin bei JP Morgan - und zitiert den Satz eines ihrer Kollegen: "Europa ist gestraft mit schlechten Politikern und einem maßlosen Pessimismus."

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