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Verschwörungstheorien in der Wirtschaft: Das Euro-Ende ist nah!

Verschwörungstheorien in der Wirtschaft  

Das Euro-Ende ist nah!

15.01.2015, 13:27 Uhr | Stefan Kaiser, Spiegel Online

Verschwörungstheorien in der Wirtschaft: Das Euro-Ende ist nah!. Ist die Euro-Krise eine große Verschwörung? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Ist die Euro-Krise eine große Verschwörung? (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Die nächste Währungsreform kommt bestimmt - und zwar bald: Ein Kreis von Hobby-Apokalyptikern wittert überall Anzeichen, dass heimlich bereits das Ende des Euro vorbereitet wird. Ihr Gegenrezept: Vorräte anlegen, Gold horten.

Die Theorie

Psst! Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass der Geldautomat Ihrer Sparkasse in letzter Zeit ziemlich häufig "defekt" ist? Werden Sie auch misstrauisch, wenn Christine Lagarde als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) auffällig oft von einem "Neustart des Finanzsystems" spricht? Schlimmes steht bevor! Banken, Politik und Medien bereiten die Währungsreform vor. Schon bald ist es so weit.

Der Tag X wird ein Freitag sein. Für diesen Tag wird man einen Börsencrash inszenieren ("Schwarzer Freitag", Sie wissen schon) und die Banken unter irgendeinem Vorwand schließen. Vermutlich wird es bis Dienstag dauern, bis sie wieder öffnen - dann mit einer neuen Währung. Von den Kundengeldern auf den Giro- und Sparkonten bleibt dabei nicht viel übrig. Vermutlich wird man rund 5000 Euro in die neue Währung eintauschen dürfen. Der Rest verfällt.

Doch das ist noch nicht alles: Es droht ein Absturz des gesamten Wirtschaftssystems. Haben Sie schon mal nachgeschaut, ob Sie ausreichend Lebensmittel zu Hause haben? Für mehrere Wochen sollten die Vorräte schon reichen. Können Sie gärtnern? Was ist mit Benzin? Sind die Leute, mit denen Sie sich umgeben, im Krisenfall verlässliche Mitkämpfer oder nur irgendwelche netten Bekanntschaften mit zwei linken Händen?

Wer sich auf Internetseiten wie hartgeld.com umschaut, findet viele solcher Warnungen und bange machenden Fragen. Auf der von Walter Eichelburg betriebenen Seite berichten Leser über ihre neuesten Erkenntnisse zur bevorstehenden Währungsreform. Manchmal sind es kleine, stutzig machende Beobachtungen aus einer Filiale Ihrer Hausbank, ein anderes Mal angebliche Insidertipps aus der Top-Etage großer Finanzkonzerne.

Auch in zahlreichen Blogs wird vor dem drohenden Währungswechsel gewarnt. Sogar in der deutschen Ausgabe der "Huffington Post" berichtet ein Autor von den "16 Anzeichen für eine Währungsreform". Als Schutz vor den Folgen eines solchen Finanzkollapses empfehlen die meisten Währungspropheten ein einfaches Rezept: Gold, Gold und Gold. Das Edelmetall sei schließlich auch dann noch etwas wert, wenn das alte Papiergeld seine Funktion als Zahlungsmittel verloren habe.

Was steckt dahinter?

Hinter dieser Verschwörungstheorie steckt viel Fantasie, häufig aber auch ein ausgeprägter Geschäftssinn. Doch zunächst zur Plausibilität: Währungsreformen sind in der Tat gar nicht so selten. Sie kommen normalerweise entweder dann, wenn ein Staat bankrott ist, oder wenn die Notenbank die Inflation nicht mehr in den Griff bekommt. In Deutschland gab es Währungsreformen zum Beispiel 1924 nach der Hyperinflation, 1948 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 1990 zur Vorbereitung der Wiedervereinigung. Damals wurde die Ostmark der in Auflösung befindlichen DDR in D-Mark umgetauscht.

Angesichts einer solchen Häufung in der Geschichte wäre es naiv zu glauben, dass es nie wieder eine Währungsreform geben wird. Die Eurokrise hat gezeigt, wie labil gerade eine Währungsunion verschiedener Nationalstaaten sein kann. In den turbulenten Monaten der Jahre 2010 bis 2012 waren sich selbst Top-Banker und renommierte Wirtschaftsprofessoren häufig nicht mehr sicher, ob der Euro noch lange halten würde. Die Notenbanken sind auf solche Notfälle durchaus vorbereitet und könnten in relativ kurzer Zeit neue Geldscheine drucken.

So weit, so richtig. Doch das reicht den Machern von Seiten wie www.hartgeld.com nicht. Bei ihnen ist ständig Währungsreform. Im Herbst 2013 etwa gingen die versammelten Untergangspropheten fest von einem Systemsturz im Winter aus - weil es im Winter kalt sei und sich nicht so viele Demonstranten auf die Straße trauten, wie es hieß. Dann verkündeten selbst ernannte Währungsexperten, die Reform werde wohl im Februar kommen, wenn die Menschen durch die Olympischen Spiele in Sotschi abgelenkt seien. Als auch das nichts wurde, markierte man sich ein Datum im April - das hatte schließlich ein gut informierter Insider aus der Schweiz vorausgesagt.

Richtig konkret wurden die Vorhersagen im Jahr 2010. Damals konnte man auf hartgeld.com Details über die "überfallartige Einführung einer neuen Währung" lesen. Der Termin für die Ansprache der Kanzlerin wurde bereits verkündet - und man sichtete angeblich mehrere Geldtransporter mit mutmaßlichen D-Mark-Scheinen. Am Ende wurde der Plan leider abgesagt.

Diesmal, meint der selbst ernannte Experte Eichelburg, gebe es "viel umfangreichere Vorbereitungen psychologischer Art": Durch die geplante Gläubigerhaftung bei Bankenpleiten in Europa würde den Menschen schon mal vorsichtig suggeriert, dass es normal sei, sein Geld zu verlieren. Also, und das ist die Schlussfolgerung fast aller Währungsreformprediger, solle man gefälligst Gold kaufen. Und zwar physisch, in Barren oder Münzen, nicht über irgendwelche Wertpapiere, die uns die Banken andrehen.

Wenn der Goldpreis trotz all der stichhaltigen Argumente doch mal fällt, können die Freunde der Währungsreform das natürlich auch erklären: In diesem Fall haben dunkle Mächte den Marktpreis künstlich gedrückt, um die arglosen Kleinanleger zum Verkauf zu bringen - und selbst noch mehr Gold einzusammeln.

Und wenn es wahr wäre?

Wenn alles wahr wäre, was Leute wie Walter Eichelburg behaupten, dann müssten wir uns ziemlich häufig an neues Geld gewöhnen. Klar, der Anfang wäre leicht, man könnte ja einfach die D-Mark zurückholen. Aber wenn man das zum Beispiel im Februar gemacht hat, wie nennt man dann die Währung, die im April kommt? Deutsche Lira? Deuro? Am besten, man lässt sich gar nicht auf solche Spiele ein und bleibt einfach nur beim Gold. Stange Zigaretten? Zahl ich mit einem Ein-Gramm-Barren. Fürs neue Auto ist dann schon eher ein Kilo fällig. Oder gibt es dann gar keine Autos mehr? Wer weiß, zur Not gieße ich mir eben ein Fahrrad aus Gold.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott" von Christian Rickens.

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