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So tickt der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis


Radikaler Spargegner Varoufakis  

So tickt der griechische Finanzminister

31.01.2015, 17:19 Uhr | von Stefan-Kai Obst, t-online.de

So tickt der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis. Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis ist für seine kompromisslose Haltung bekannt (Quelle: Reuters)

Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis ist für seine kompromisslose Haltung bekannt (Quelle: Reuters)

In seinem Heimatland Griechenland gilt er als "Popstar" der Ökonomie. Sein Ego wird von Weggefährten als riesengroß beschrieben. Der linke Wirtschaftsprofessor habe eine scharfe Zunge und provoziere gern. Als Finanzminister der neuen Regierung unter Alexis Tsipras demonstrierte Gianis Varoufakis dies zuletzt eindrücklich bei seinen Treffen mit Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem am Freitag in Athen. Dabei wiederholte er das Wahlversprechen von Tsipras' Syriza-Partei, die Zusammenarbeit mit der Troika aus Internationalem Währungsfonds (IWF), Europäischer Zentralbank (EZB) und EU-Kommission zu beenden.

Seine wenig diplomatisch anmutenden Auftritte zeigen, dass Varoufakis mit Parteipolitik bislang kaum etwas zu tun hatte. Varoufakis trat zwar auf der Syriza-Liste an, ist aber kein Mitglied der Partei. In Abgrenzung zu den verhassten griechischen Oligarchen, deren korrupte Machenschaften Syrzia bekämpfen will, pflegt Varoufakis sein Rebellen-Image allein schon äußerlich: rasierter Schädel, Dreitagebart hochgestellter Sakko-Kragen und keine Krawatte. Von der griechischen Presse wird er als cool, überlegen und mit "James-Bond-Blick" beschrieben.

"Kreditgeber werden keinen Cent sehen"

Doch neben seiner äußerlichen Imagepflege provoziert Varoufakis vor allem mit deftigen Sprüchen: "Wenn es in Griechenland kein Wirtschaftswachstum gibt, werden die Kreditgeber keinen Cent sehen." Und genau darin steckt auch der Kern seiner Finanzpolitik. Als ihn die "New York Times" vor seinem Treffen mit Dijsselbloem fragte, wie er es bewerkstelligen wolle, die nächste Tranche an Notkrediten zu sichern, ohne die die Staatspleite wieder näher rückt, antwortete er: "Wir wollen die sieben Milliarden Euro nicht. Wir wollen uns zusammensetzen und das ganze Programm überdenken." Anschließend forderte er bei dem Treffen eine internationale Konferenz, die über einen Schuldenschnitt für Griechenland entscheiden solle. Dies lehnte Dijsselbloem strikt ab: "Es gibt bereits eine solche Konferenz, und die heißt Eurogruppe."

Seine schroffes Auftreten lässt nicht gerade erahnen, dass Varoufakis schon viel in der Welt herumgekommen und international gut vernetzt ist. Seine Laufbahn als Wirtschaftswissenschaftler begann er in Großbritannien. Als die "eiserne Lady" Margret Thatcher 1987 ihren dritten Wahlsieg feierte, "hielt ich es nicht mehr aus", wie er einmal schrieb.

Anschließend trat er eine Stelle an der Universität von Sydney an und blieb bis 2000 in Australien, er nahm neben der griechischen auch die australische Staatsbürgerschaft an. Erst im neuen Jahrtausend zog es ihn zurück nach Athen. Seine Tochter lebt zusammen mit seiner Ex-Frau auch weiterhin in Australien.

Als sein Heimatland ab 2008 immer tiefer in die Krise rutschte, "brach alles zusammen, was ich an der Universität schaffen wollte", erinnerte sich Varoufakis. Sein Dauer-Genörgel über die Rettungspläne und Sparauflagen trug ihm Todesdrohungen ein. Deswegen, aber auch weil sein Gehalt in Griechenland zusehends schrumpfte, kehrte er seiner Heimat wieder den Rücken. Von griechischen Journalisten wurde er im Exil an der Uni im texanischen Austin aber auch fortan angerufen, wenn diese einen neuen Kassandra-Ruf brauchten.

Praxiserfahrung im Wirtschaftsleben sammelte Varoufakis in der Spielebranche. Zwar behauptet er von sich, kein Gamer zu sein. Dennoch hat er ab 2012 als wirtschaftswissenschaftlicher Berater bei dem US-Entwicklerstudio Valve Software gearbeitet. Daneben betreibt er im Internet seit Jahren einen populären englischsprachigen Blog. Als Finanzminister werde er in Zukunft aber weniger bloggen, ließ er seine Leser nun wissen. Aufhören will er damit aber nicht.

Derber Vergleich mit "Waterboarding"

Mit markigen Worten brüskiert der selbsternannte "Gelegenheitsmarxist" regelmäßig die EU-Partner Griechenlands. So seien die vielen Milliarden von Deutschland und anderen Eurorettern ohnehin längst verlorengegangen, gab er vor der Wahl in einem Fernsehinterview zum Besten: "Es ist eine Tragödie, weil wir so viel Geld für ein schwarzes Loch aufgewendet haben. Und wir haben diese Gelder nur unter der Bedingung bekommen, die soziale griechische Wirtschaft zu zerstören (...)." Den Umgang Europas mit Griechenland bezeichnet er als "fiskalpolitisches Waterboarding". Bei der vom US-Geheimdienst CIA praktizierten Foltermethode "Waterboarding" wird das Ertränken des Opfers simuliert. Ebenso, so die Ansicht Varoufakis', werde auch mit Griechenland verfahren.

Besonders brüsk äußerte sich Varoufakis jüngst über Deutschland. Nachdem aus Kreisen der Syriza-Partei verlautete, dass man die griechische Sparpolitik innerhalb von 15 Tagen mit einem Vier-Punkte-Plan kippen wolle, brachte er den Plan in einem Interview mit der französischen Tageszeitung "La Tribune" auf den Punkt: "Was immer die Deutschen sagen, am Ende werden sie immer zahlen." Darauf scheint sich die absurd anmutende Regierungskoalition aus der linken Syriza-Partei und den rechtspopulistischen Unabhängigen Griechen zu verlassen.

Varoufakis: "Basis der Oligarchen zerstören"

Doch nicht nur gegenüber den EU-Partnern, auch gegenüber dem griechischen Establishment schreckt Varoufakis nicht vor Provokationen zurück: Die Zeiten des endlosen Konsumierens seien vorbei. Wohlstand sei nicht, "wenn viele Luxusautos auf den Straßen fahren", sagte er bei seinem ersten Presseauftritt im Athener Finanzministerium. Die Griechen seien glücklicher gewesen, als sie keine Kreditkarten gehabt und ihr Erspartes für die Bildung ihrer Kinder ausgegeben hätten.

Bei wohlhabenden Griechen lösen solche Sprüche Ängste aus. Und das weiß Gott nicht nicht zu Unrecht. So polterte Varoufakis schon vor der Wahl in einem Interview mit dem britischen Sender Chanel 4: "Wir werden die Basis zerstören, auf der die Oligarchen über Dekaden hinweg ein Netzwerk aufgebaut haben (...)." Dass Varoufakis von 2004 bis 2006 selbst zu den Wirtschaftsberatern des damaligen Regierungschefs Giorgos Papandreou gehörte, der das Land drei Jahre später an den Rand des Abgrunds steuerte, erscheint angesichts solcher Töne wie eine ironische Fußnote.

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