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Europas neues Sorgenkind: Angst vor Absturz in Finnland

Europas neues Sorgenkind  

Angst vor dem finnischen Fiasko

18.04.2015, 09:20 Uhr | von Konrad Fischer

Europas neues Sorgenkind: Angst vor Absturz in Finnland. Wälder und Seen, aber auch Nokia und PISA-Cracks - dafür stand Finnland viele Jahre. Doch das ehemalige Vorzeigeland steckt in der Krise. (Quelle: imago images/Helge Sobiki)

Wälder und Seen, aber auch Nokia und PISA-Cracks - dafür stand Finnland viele Jahre. Doch das ehemalige Vorzeigeland steckt in der Krise. (Quelle: Helge Sobiki/imago images)

Wenn am Wochenende in Finnland gewählt wird, steht Europa Kopf: Dem Land geht es inzwischen schlechter als manchem Mittelmeerstaat. Wie konnte die innovative Vorzeigeökonomie so tief fallen?

Oulu liegt 600 Kilometer entfernt von Helsinki, 2000 von Brüssel. Weit weg von allem, außer vom Polarkreis – und vom Kern der finnischen Krise. Vor ein paar Jahren noch war die Stadt ein wichtiges Zentrum der europäischen IT-Industrie. Allein Nokia beschäftigte hier knapp 5000 Menschen, rund um die Hochschule siedelten sich die Niederlassungen amerikanischer IT-Firmen und lokaler Start-ups an. Wachstum durch Bildung und Innovation, so lautete die Erzählung der Stadt, es war die des ganzen Landes.

2015 kommen aus Oulu vor allem schlechte Nachrichten. Microsoft baut Runde für Runde Mitarbeiter ab, jetzt schließt auch noch der traditionsreiche Kaufhauskonzern Stockmann seine Niederlassung. Die Arbeitslosenquote liegt inzwischen bei 18 Prozent Wieder steht Oulu für die Entwicklung des Landes.

Nur kündet diese jetzt vom Niedergang. Während in Helsinki am Wochenende ein neues Parlament gewählt wird, spitzt sich die wirtschaftliche Lage im Land dramatisch zu. Hinter Finnland liegen drei Rezessionsjahre, gerade hat die Regierung ihre Wachstumsprognose für 2015 von 1,0 auf 0,5 Prozent gesenkt. Am Ende dürfte sie froh sein, wenn überhaupt mal wieder ein Plus vorne steht. Denn nicht nur am Polarkreis ist die Arbeitslosenquote zuletzt stark angestiegen. Insgesamt sind derzeit zehn Prozent der Finnen ohne Job, unter den Jugendlichen sind es sogar 25 Prozent.

Reformen bleiben aus

Das sind Zahlen, die nach Südeuropa klingen. Doch während dort die Wirtschaft langsam auf die Beine kommt, dank zum Teil durchgreifender Reformen und gestützt durch das billige Geld der Europäischen Zentralbank, scheinen die Impulse aus Frankfurt irgendwo zwischen Kiel und Helsinki in der Ostsee unterzugehen.

So wie Oulu die Stadt zu den Wechselfällen der finnischen Wirtschaft ist, so ist Juha Sipilä ihr Gesicht. Sipilä stammt aus Oulu, 1998 gründete er dort das Telekommunikationsunternehmen Fortel und wurde durch den Verkauf zum Millionär. Er hat die Höhen voll ausgekostet, jetzt will er sich auch in der Krise nützlich machen. Am Wochenende könnte er Ministerpräsident werden. So sehen die Umfragen allesamt die Zentrumspartei vorne, die zwischen 23 und 26 Prozent der Stimmen erreichen dürfte. Deren Chef Sipilä führt auch alle Umfragen an, in denen es um die persönliche Eignung als Ministerpräsident geht.

Dahinter rangeln die liberale Koalitionspartei des aktuellen Ministerpräsidenten Alexander Stubb und die Sozialdemokraten um den zweiten Platz, auch die die Rechtspopulisten haben darauf noch Chancen. Hoffnungen auf einen Wahlsieg, wie noch bei der letzten Abstimmung, können sie sich aber nicht mehr machen.

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Der Staat verkauft Anteile an Mobilfunkkonzern

Nach der Wahl wird es daher wohl recht komplizierte Koalitionsverhandlungen geben, mit denen die Finnen aber Erfahrung haben. Das System ist hier zwar nicht so institutionalisiert wie in der Schweiz – aber auch in Finnland sind wechselnde Koalitionen bekannter Partner ein übliches Bild. Denn die großen vier Parteien und die Grünen sind sich schon jetzt im Kern darüber einig, was in Finnland getan werden muss: Ausgaben runter, Steuern rauf. So soll der Haushalt wieder ins Lot kommen.

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Denn längst schlägt die Krise auch auf die Staatsfinanzen durch. Die Neuverschuldung wird 2015 laut Finanzministerium auf 3,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen, ein Rückgang unter die Maastricht-Grenze von drei Prozent ist erst für 2018 geplant.

Selbst um das zu schaffen, muss vieles gelingen. Denn der Staat geht bereits heute an sein Tafelsilber. So muss die staatliche Beteiligungsgesellschaft Solidium in diesem Jahr mindestens eine Milliarde Euro zur Haushaltssanierung beitragen. Die Hälfte der Anteile am schwedisch-finnischen Mobilfunkkonzern Telia Sonera wird der Staat dafür verkaufen.

Finnische Arbeitnehmer sind teuer

In Oulu zeigt sich derweil die Mischung aus äußeren Einflüssen und eigenen Fehlern, die für die Krise verantwortlich sind. Als am Wochenende die IT-Konferenz Game Spring stattfand, knubbelten sich die Spieleentwickler auf der Suche nach jungen Talenten.

Mindestens 300 Spieleentwickler werden derzeit in der Stadt gesucht – ohne Erfolg. „Nachdem im IT-Sektor viele Ingenieure ihre Arbeit verloren haben, kamen internationale Firmen schlagartig nach Oulu, um sie abzuwerben“, berichtet Heikki Räisinen, Chefökonom des finnischen Arbeitsministeriums. „Das Angebot zieht die Nachfrage an wie der Honig die Bienen.“

Eine ziemlich optimistische Perspektive. Denn die finnischen Arbeitnehmer sind in der Masse zwar gut ausgebildet – müssen aber immer teurer bezahlt werden. Da Nokia in seinen besten Zeiten den Arbeitsmarkt fast leer kaufte, mussten andere Branchen nachlegen, um überhaupt eine Chance zu haben. Die Lohnstückkosten stiegen immer weiter, bis heute. Auch die Konditionen der Arbeitslosenversicherung sind gerade in den ersten Monaten so attraktiv, dass sie dem Arbeitsmarkt viel Dynamik entziehen.

Die in den fetten Jahren verwöhnten Gewerkschaften haben eine Flexibilisierung bisher erfolgreich abgelehnt. Das macht Finnland nicht nur im Vergleich zum Süden Europas unattraktiv, sondern auch gegenüber der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Schifffahrt von Helsinki ins estnische Tallin dauert nur gut zwei Stunden – die Lohnkosten sinken auf dem kurzen Weg um zwei Drittel.

Russlandkrise spitzt Probleme zu

Solange die finnische Wirtschaft hochprofitable Innovationen hervorbrachte und die Produktivität kräftig wuchs, konnte sie sich hohe Löhne leisten. Seit Nokia keine Rolle mehr spielt, bleiben die Innovationen aber aus.

Das liegt auch daran, dass der Staat in Finnland anders als in Schweden oder Dänemark selbst in der Unternehmenswelt kräftig mitmischt. Ein Vermächtnis aus der Zeit als Frontstaat zur Sowjetunion. An elf der 25 Unternehmen im Leitindex OMX hält der Staat Anteile – beim größten Mineralölkonzern, beim wichtigsten Energieversorger und bei der Fluggesellschaft Finnair ist er Mehrheitseigner.

Die Atomkraftwerke des Landes werden von einer Gesellschaft betrieben, die teils dem Staat, teils der finnischen Papierwirtschaft gehört. Diese Verbindungen blockieren eine dynamische Veränderung der Wirtschaftsstruktur. Bis heute hängt das Land stark von Unternehmen der Forst- und Papierwirtschaft oder den Werften ab, deren mangelhafte Produktivität viel zu lange geduldet wurde.

Durch die Russlandkrise haben sich diese strukturellen Probleme zuletzt zugespitzt. Einige der angeschlagenen Unternehmen des Landes aus dem Handel, der Milch- und der Forstwirtschaft hatten massiv in den russischen Markt investiert. Die Rezession dort gefährdet sie nun in ihrer Existenz.

Noch hat Finnland viele gute Argumente auf seiner Seite: Das ausgezeichnete Bildungssystem, effiziente Behörden und eine hervorragende Infrastruktur. Auch die Gelassenheit der finnischen Wähler gibt Grund zum Optimismus.

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