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Griechenland-Analyse: Nach dem "Grexit" kommt das Chaos


Griechenland-Analyse  

Nach dem "Grexit" kommt das Chaos

17.04.2015, 17:35 Uhr | rtr, t-online.de

Griechenland-Analyse: Nach dem "Grexit" kommt das Chaos. Griechische Fahne auf der Akropolis in Athen: Ein "Grexit" würde Chaos auslösen. (Quelle: dpa)

Griechische Fahne auf der Akropolis in Athen: Ein "Grexit" würde Chaos auslösen. (Quelle: dpa)

Griechenland stellt seine Partner weiter auf eine Geduldsprobe. Noch nie stand ein Land so nahe am Bankrott - und für so lange und ohne echte Hoffnung auf Fortschritte. Die EU will Griechenland in der Eurozone halten und damit eine Staatspleite und einen "Grexit" verhindern. Doch niemand kann derzeit sagen, ob das gelingen wird. Klar ist nur, die Folgen wären für Griechenland verheerend, das Land würde im Chaos versinken.

Noch wurschtelt sich die Athener Regierung finanziell durch, etwa durch beherzte Griffe in die Sozialkassen. Doch sollte das Geld ausgehen, bevor eine Einigung mit den Geldgebern erreicht ist, droht ein düsteres Szenario.

Die Rating-Agenturen würden die griechischen Staatspapiere auf den Status "default" (Verzug) setzen. Damit wären sie praktisch wertlos. In der Folge würden die Bilanzen der griechischen Banken kollabieren. Weil sie nicht mehr liquide wären und auch keine Sicherheiten mehr hinterlegen könnten, könnten sie sich auch bei der griechischen Notenbank keine Nothilfen (ELA) mehr besorgen, die bisher vom EZB-Rat genehmigt werden. Am Ende "käme schlicht kein Geld mehr aus dem Bankautomaten", brachte es jüngst der Chef des Rates der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, auf den Punkt. Die Folgen wären enorm, Griechenland drohe die "humanitäre Katastrophe".

Damit die Banken nicht gestürmt und die restlichen Euro ins Ausland gebracht werden, müsste die griechische Regierung Kapitalverkehrskontrollen erlassen und etwa Obergrenzen für Überweisungen anordnen. Um den Geld- und Wirtschaftskreislauf irgendwie in Gang zu halten, könnte sie außerdem gezwungen sein, Schuldscheine auszugeben, mit denen Unternehmen und Privatleute untereinander Rechnungen begleichen könnten. Das wäre dann faktisch eine zweite Währung und der erste Schritt aus dem Euro.

Griechenland drohen Chaos und Armut

"Griechenland würde ein paar Quartale lang durch eine ökonomische Chaos-Phase gehen, das ist aus meiner Sicht unvermeidbar", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Was genau heißt das? "Griechenland würde verarmen", warnt er.

Jeder Versuch, die Folgen eines Zahlungsausfalls zu begrenzen, müsste bei den griechischen Banken ansetzen, sagen die Ökonomen. Dreh- und Angelpunkt wäre dabei die Europäische Zentralbank, die die Geldschleusen irgendwie offen halten müsste. Außerdem bräuchten die Geldinstitute frisches Kapital, um zahlungsfähig zu bleiben. Aber woher sollte es kommen? Die griechische Regierung wäre pleite - und die Euro-Partner zahlen nur gegen Reformauflagen.

Volkswirte wie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, warnen vor der Illusion eines gesteuerten "Grexit": "Das lässt sich nicht kontrollieren." Auch der Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe, Jörg Zeuner, sieht so gut wie keine Chance, dem Chaos zu entgehen, wenn die Reformverhandlungen scheitern: "Das ist jenseits meines Optimismus." Die Vorstellung der Griechen, man könne eine kontrollierte Staatspleite organisieren, sei "sehr gefährlich".

"Grexit" wird auf jeden Fall teuer

Und dann kommt auch wieder die EU ins Spiel, denn eine Griechen-Pleite würde zwar nicht notwendigerweise andere Euro-Sorgenländer mit in den Strudel reißen, aber dennoch Schockwellen in die Gemeinschaft aussenden. Mittel- und langfristig wären die wirtschaftlichen und politischen Kosten eines "Grexit" jedenfalls mit Sicherheit enorm.

Den finanziellen Folgen einer rapiden Verarmung Griechenlands könnte sich der Rest der EU nicht entziehen. Das Land müsste massive Hilfen aus EU-Töpfen bekommen. Hinzu kommt die Belastung der Geldgeber. So hat die Bundesregierung für Kredite von über 50 Milliarden Euro gebürgt: bilateral über die KfW und über den Euro-Rettungsschirm EFSF. Einen Großteil davon müsste sie bei einer Pleite in Athen wohl abschreiben. Ein drittes Hilfsprogramm von 30 bis 40 Milliarden Euro käme jedenfalls deutlich billiger, sagt DIW-Präsident Fratzscher.

Mit einem "Grexit" wäre das griechische Problem außerdem noch nicht einmal gelöst. Wie würde sich das Land in Zukunft finanzieren? Denkbar wäre zunächst eine Umschuldung über den "Pariser Club" - ein informelles Gremium, in dem staatliche Gläubiger zu Verhandlungen über Schuldenerlasse zusammenkommen. Eine Schlüsselrolle dabei hätte allerdings der Internationale Währungsfonds (IWF), denn Hilfe wird auch im Pariser Club nur gewährt, wenn IWF-Programme erfolgreich umgesetzt werden. Das aber bedeutet Reformen - Griechenland wäre also keinen Schritt weiter als heute, aber um einiges ärmer.

Noch hangelt sich die Regierung beinahe täglich von einem Zahlungstermin zum nächsten. Wann die Kassen leer sind, weiß niemand genau - die Regierung lässt die Vertreter der Gläubiger-Institutionen EU-Kommission, EZB und IWF ("Troika") noch immer nicht in die Bücher schauen. Die Kassen sind aber bereits bedenklich leer. Der Chef des Euro-Rettungsschirms ESM, Klaus Regling, warnte aber kürzlich, der Liquiditätspuffer der Griechen sei mittlerweile eindeutig "sehr sehr klein".

Zunehmende Ratlosigkeit bei Griechenlands Partnern

Doch das Land pokert weiter - drückt sich um tiefgreifende Reformen so gut es geht herum, denn die noch relativ neue Regierung hatte ihren Wählern schließlich ein Ende der Sparpolitik versprochen. Bei den Geldgebern macht sich deshalb immer mehr Ratlosigkeit breit. Etliche Verhandlungspartner der Griechen beklagen, Athen agiere dilettantisch. So sei nicht klar, wer dort überhaupt etwas zu entscheiden habe. Ein Koalitionsvertreter in Berlin sagt, selbst wer den Griechen sehr wohl gesonnen sei, habe aus diesem Grund zunehmend Schwierigkeiten, seine weitere Unterstützung zu rechtfertigen.

Bestes Beispiel dafür ist EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Wie kein anderer hat er Athen Kompromissbereitschaft signalisiert und sich als "ehrlicher Makler" versucht. Mittlerweile scheint aber auch der erfahrene Verhandler aus Luxemburg mit seinem Latein am Ende zu sein. In der EU-Kommission machte Juncker am Mittwoch laut einem EU-Diplomaten deutlich, dass seine Geduld sehr strapaziert sei, weil es wieder tagelang keine Fortschritte gegeben habe.

Juncker steht mit seinem Frust nicht alleine da. Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis nannte die Verhandlungen "sehr kompliziert", während zugleich die Zeit ablaufe. IWF-Chefin Christine Lagarde appellierte erneut, das Tempo der Verhandlungen anzuziehen. Ihr Ratschlag an die Griechen lautet: "Kommt mit der Arbeit voran." Ob er in Athen gehört wurde ist fraglich.

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