Sie sind hier: Home > Finanzen > Börse > News > Eigene >

Ukraine: Petro Poroschenko bekämpft drei Krisen auf einmal

Krisenland Ukraine  

Aus dem Nichts ins Nichts

25.05.2015, 13:33 Uhr | Von Benjamin Bidder, Moskau, Spiegel Online

Ukraine: Petro Poroschenko bekämpft drei Krisen auf einmal. Stahlfabriken in Mariupol: Produktion in der Ostukraine fast zum Erliegen gekommen. (Quelle: Reuters)

Stahlfabriken in Mariupol: Produktion in der Ostukraine fast zum Erliegen gekommen. (Quelle: Reuters)

Die Ukraine steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Der Milliardär und Präsident Poroschenko hat den Absturz nicht stoppen können. Er muss drei Krisen auf einmal bekämpfen - und Fehler seiner Vorgänger ausbügeln.

Neulich haben Demonstranten einen Galgen in Kiews Regierungsviertel aufgebaut. Sie protestierten gegen den Anstieg der Nebenkosten für Gas und Heizung. Die Regierung hat die Fernwärme-Tarife um 66 Prozent erhöht. Für Gas werden sogar 280 Prozent mehr fällig. Die Botschaft der Demonstranten: Das schnürt uns die Luft ab.

Vor einem Jahr wurde Petro Poroschenko zum Präsidenten gewählt. Er stand im Ruf, sich auszukennen mit Wirtschaft. Als Süßwaren-Fabrikant hat er ein Vermögen gemacht. Den Absturz der Wirtschaft aber hat er bislang nicht stoppen können.

Das Wirtschaftsleistung ist im ersten Quartal um 17,6 Prozent eingebrochen. Im letzten Quartal 2014 war es bereits ein Minus von 14,8 Prozent. 2015 soll die Wirtschaft insgesamt 8,5 Prozent schrumpfen, so Prognosen. Das letzte richtige Wachstum hat das Land überhaupt im Jahr 2011 verzeichnet.

Was bedeutet die Krise für die Menschen in der Ukraine? Wie hoch ist die Inflationsrate? Wie schwach die Landeswährung? Ein Überblick.

Genau genommen muss die Ukraine nicht nur eine Wirtschaftskrise bewältigen, sondern gleich drei auf einmal:

Da sind die unmittelbaren Folgen des Krieges, der die Produktion in der Ostukraine zum Erliegen gebracht hat. Dazu kommt der Abbruch der Beziehungen zum bislang wichtigsten Handelspartner Russland sowie eine über Jahre schwelende, schwere Strukturkrise der ukrainischen Wirtschaft.

Jedes dieser Probleme zu meistern wäre eine Herausforderung. Die Krisenherde verstärken sich aber gegenseitig - mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung und die Regierung. Sie muss auch die Scherben zusammenfegen, die ihre Vorgänger hinterlassen haben.

Beispiel Schuldenpoker: Kiew droht mit Zahlungstopp. Das Parlament hat einem entsprechenden Gesetz zugestimmt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Entweder, ihr verzichtet freiwillig auf einen Teil der Forderungen, oder wir zahlen eben gar nichts mehr.

Ist das dreist - wie Russlands Wladimir Putin findet - oder doch ein Akt der Notwehr? Große Teile der Schulden hat der gestürzte Kleptokrat Janukowytsch angehäuft. Drei Milliarden Dollar gaben die Russen, zur Hälfte des üblichen Zinssatzes. Rund sieben Milliarden kamen von Franklin Templeton. Der US-Investor wettete, Janukowytsch werde Reformen wagen. Er hat sich verzockt.

Frühere Regierungen haben die Kosten für Heizung und Gas künstlich extrem billig gehalten, weil sie die Wähler gnädig stimmen wollten. Ukrainer zahlten weit weniger, als Kiew Moskau für das importierte Gas überweisen musste. Die Differenz kam aus der Staatskasse: 2012 waren es zehn Milliarden Dollar, umgerechnet satte sechs Prozent der Wirtschaftsleistung.

Die Regierung will mit weiteren Preisschritten im kommenden Jahr eine Kostendeckung erreichen. In der Gasfrage zeigt sich, wie sich die zahlreichen Probleme der Ukraine gegenseitig verstärken, zu einem fast perfekten Sturm.

Denn die Ukraine zahlt für ihr Gas in Dollar. Krieg und Krise aber haben die Landeswährung Hrywna innerhalb von anderthalb Jahren fast zwei Drittel ihres Wertes verlieren lassen. Deshalb muss Kiew inzwischen fast dreimal so viel Hrywna für das Gas aufwenden als zuvor.

Die Bevölkerung trifft das hart. Sie leidet ohnehin unter einer enormen Geldentwertung. Prognosen sehen die Inflation bis Ende des Jahres bei 42 Prozent.

Wenn Länder ihre Währungen dramatisch abwerten müssen wie zuletzt die Ukraine, hat das für gewöhnlich auch positive Effekte: So ziehen etwa die Exporte an, weil Waren für das Ausland billiger werden. Für Investoren wird das Land ebenfalls in der Tendenz attraktiver, weil Mieten und Gehälter relativ gesehen sinken.

Auch die Exporte sind nicht gestiegen. Im Gegenteil, sie brechen geradezu ein. Der Grund dafür sind die zerstörten Handelsbeziehungen zu Russland: Der Warenaustausch mit dem ehemals wichtigsten Handelspartner ist um fast 35 Prozent gesunken. Die Ausfuhren in die EU sind hingegen fast konstant geblieben.

Hinzu kommt, dass die Industrieproduktion durch den Krieg stark beeinträchtigt ist. Im Gebiet Donezk ist die Produktion um knapp 50 Prozent eingebrochen. In Luhansk sind es sogar 87 Prozent.

Insgesamt wirft die Krise die Ukraine um Jahre zurück. Die Wirtschaftsleistung hat sich pro Kopf und in Dollar gerechnet nahezu halbiert. Sie liegt bei gerade noch etwas mehr als 2000 Dollar. Im Nachbarland Weißrussland sind es rund 8000 Dollar.

Angesichts dieses massiven Einbruchs reagieren die Ukrainer bislang bemerkenswert gelassen. Die guten Umfragewerte von Präsident Poroschenko haben bislang kaum gelitten. Wenn jetzt Wahlen wären, könnte seine Partei sogar zulegen.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Anzeige
Jetzt Sky Fußball-Bundesliga-Paket 1 Jahr inkl. sichern!*
bei der Telekom
myToysbonprix.deOTTOUlla Popkenamazon.deLIDLBabistadouglas.deBAUR

shopping-portal