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Steuerhinterziehung in Griechenland: Herkulesaufgabe für Athen


Volkssport Steuerhinterziehung  

Die Herkulesaufgabe für die Athener Regierung

20.07.2015, 13:01 Uhr | Von Alan Clendenning, AP

Steuerhinterziehung in Griechenland: Herkulesaufgabe für Athen. Früher war Steuerhinterziehung für viele Griechen ein Weg, Patriotismus zu zeigen, heute können sie damit die schlechten Regierungen bestrafen. (Quelle: dpa)

Früher war Steuerhinterziehung für viele Griechen ein Weg, Patriotismus zu zeigen, heute können sie damit die schlechten Regierungen bestrafen. (Quelle: dpa)

Im Gegenzug für ein neues Hilfspaket muss Athen unter anderem die Steuerhinterziehung eindämmen. Eine enorm schwierige Aufgabe - eine wahre Herkulesaufgabe in einem Land, in dem die Steuermoral seit Jahren am Boden ist.

Dimitris Bokas bewahrt seine Rechnungen sorgfältig in Ordnern auf. Alles, was er in seinem Sanitärfachgeschäft im bürgerlichen Athener Stadtteil Koukaki verkauft, ist dort fein säuberlich dokumentiert - für den Fall, dass ein Steuerfahnder vorbeikommt.

"Die Steuerfahnder wissen nicht, was meine Hände tun"

Aber Bokas ist auch Klempner, macht Installationen und repariert. Das wird meist bar bezahlt. Und von diesen Jobs ist nur rund die Hälfte dokumentiert und wird damit versteuert. "Die Steuerfahnder wissen nicht, was meine Hände tun", sagt er.

Diese Art der Steuerhinterziehung ist ein nationaler Zeitvertreib. Den Staat kostet sie jedes Jahr rund zehn Milliarden Euro an Einnahmen - ein signifikanter Faktor bei einer Verschuldung von rund 320 Milliarden Euro.

Um ein drittes Hilfspaket zu erhalten, hat die Regierung erneut versprochen, endlich stärker gegen Steuerhinterziehung vorzugehen. Bislang hat Griechenland jedoch auf breiter Front versagt, wenn es darum ging, die Steuern nachdrücklicher, umfassender und gerechter einzusammeln. 

"Sie nehmen das nicht als Betrug wahr"

Steuerhinterziehung hat eine lange Geschichte in Griechenland. Die Anfänge liegen wohl viele hundert Jahre zurück. Die jahrhundertelange osmanische Herrschaft bescherte den Griechen zwei Dinge, die bis heute den Reformbemühungen entgegenstehen: den Bakschisch als Vorläufer der weitverbreiteten Korruption. Und eben die Steuerhinterziehung.

Im Osmanischen Reich war es nämlich ein Ausdruck griechischen Patriotismus, so wenig Steuern wie möglich an die ungeliebten Machthaber zu zahlen. Heute kommt als Antrieb hinzu: das Misstrauen gegenüber dem Staat und das Missfallen darüber, wie die verschiedenen Regierungen die Finanzprobleme seit dem Zusammenbruch 2009 gehandhabt haben.

"Viele Griechen glauben, dass das nicht nur ein Weg ist, eine ineffiziente Regierung zu bestrafen, sondern auch ein Ausdruck des Widerstands gegen die Bedingungen der Hilfspakete und die Steuererhöhungen", urteilt Aristidis Hatzis, Professor für Recht und Wirtschaft an der Universität in Athen. "Sie nehmen das nicht wahr als eine Art von Betrug."

Krasser Fall: 16 Millionen Euro

Verschärft wird das Problem durch eine riesige Schattenwirtschaft. Sie macht schätzungsweise ein Viertel des jährlichen Bruttosozialprodukts Griechenlands aus. Am häufigsten werden die Steuern im Dienstleistungssektor umgangen, weil die Kunden dort kein greifbares Produkt erhalten. Unter den Sündern sind aber keineswegs nur kleine Unternehmen wie Handwerker und Restaurants. 

In ihren monatlichen Berichten listet die Behörde für die Verfolgung von Finanzverbrechen abgeschlossene Ermittlungen auf. Darin finden sich Ärzte, Ingenieure, High-Tech-Unternehmen, Baufirmen, Bäckereien, Architekten oder Werbeagenturen. Oft sind es mehrere Hunderttausend Euro pro Fall, die nicht versteuert wurden. Besonders spektakulär: Ein Rechtsanwalt verschwieg Einkünfte in Höhe von 16 Millionen Euro.

Doch viele Fälle können nicht verfolgt werden, weil die Steuerfahnder schlecht ausgebildet sind, das Personal fehlt oder die Vorgesetzten der Ermittler politisch motivierte Absprachen getroffen haben, wie Haris Theoharis sagt. Bis zum vergangenen Jahr war er der oberste Steuerfahnder des Landes. Jetzt ist er Abgeordneter der linksliberalen Partei To Patami.

Steuererhöhungen kontraproduktiv?

Aus seiner Sicht ist es noch zu früh, um sagen zu können, ob es der linken Regierungspartei Syriza gelingen wird, effektiver gegen die Steuerumgehung vorzugehen. Bislang seien die Pläne noch nicht detailliert genug.

Theoharis sieht den Schlüssel zu einem besseren Steuersystem darin, die politischen Einflüsse davon fernzuhalten. "Solange sie die Steuerverwaltung nicht entpolitisieren und damit aufhören, Einfluss zu nehmen, wer befördert wird, werden sie auch keinen Erfolg haben", sagt er an die Adresse von Alexis Tsipras.

Nikolaos Artavanis, Finanzprofessor an der Universität von Massachusetts, warnt jedoch davor: Die Steuererhöhungen, die die Athener Regierung den Gläubigern versprechen musste, dürfte die Moral Steuern zu zahlen nicht verbessern, sondern weiter verschlechtern.

Sätze werden verdoppelt

Hotels sollen ihre Einkünfte künftig statt mit 6,5 Prozent mit 13 Prozent versteuern, für Restaurants und andere Unternehmen, die Lebensmittel verkaufen, steigt der Satz von 13 auf 23 Prozent. Viele Hotel- und Restaurantbesitzer haben bereits erklärt, das würde sie zwingen, die Erhöhung selbst auszugleichen, weil sie die Preiserhöhungen nicht an ihre klammen Kunden weitergeben könnten.

"Die steuerlichen Auswirkungen könnten gegen null gehen oder sogar ins Negative rutschen, weil die Steuerhinterziehung steigen wird", sagt der griechische Ökonom, der in den USA lehrt. "Am Ende könnten geringere Steuereinnahmen stehen."

Noch mehr Steuerfahnder wären dann nötig, aber schon bisher zeigen sich diese in vielen Gegenden Griechenlands nur selten. Professor Artavanis hat zum Beispiel die Steuerzahlungen von griechischen Restaurants untersucht. Einige Betreiber hätten ihm gesagt, sie hätten seit rund einem Jahr keinen Steuerbeamten mehr gesehen.

"Das würde uns helfen, ein gesundes Land zu haben"

Dimitris Bokas, der Klempner und Sanitärfachhändler, sagt, die meisten seiner Kunden, die keine Rechnungen wollen, seien Wohnungsbesitzer und kleine Unternehmen. Größere Firmen und Wohnungsgesellschaften würden dagegen immer auf eine Rechnung für die Arbeit pochen und damit den vollen Preis bezahlen. 

Natürlich, so sagt er, wäre es besser, wenn seine gesamte Arbeit legal wäre. Aber er zweifelt daran, dass sich wirklich etwas ändert, solange nicht das ganze Land seine Gewohnheiten ändert.

"Es wäre das Richtige, wenn wir alle die Steuern bezahlen, die wir schuldig sind. Das würde uns helfen, ein gesunderes Land zu haben", sagt Klempner Bokas. "Wenn die Steuern bezahlt werden, könnten die Reichen nicht mehr reicher werden, indem sie Steuern hinterziehen. Und die Armen müssten keine Steuern mehr hinterziehen, um über die Runden zu kommen."

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