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Griechenland: Regierungsmitglieder planten Putsch für die Drachme

Brisante Griechenland-Enthüllungen  

"Plan B": Putsch für die Drachme

26.07.2015, 15:46 Uhr | von Gerd Höhler, Handelsblatt

Griechenland: Regierungsmitglieder planten Putsch für die Drachme. Panagiotis Lafazanis (li.) und Varoufakis im griechischen Parlament im Juli 2015. (Quelle: AFP)

Panagiotis Lafazanis (li.) und Varoufakis im griechischen Parlament im Juli 2015. (Quelle: AFP)

Griechenland drohte nicht nur der Absturz in die Pleite. Das Land stand offenbar kurz vor einem Putsch. Das Ziel des Staatsstreichs, den führende Mitglieder der Regierungspartei Syriza planten: die Rückkehr zur Drachme.

Was will Alexis Tsipras? Am Euro festhalten, wie er seinen Landsleuten öffentlich versichert? Oder doch zurück zur Drachme? Brisante Enthüllungen der Athener Sonntagszeitung "Kathimerini" werfen ein neues Licht auf die Rolle des griechischen Premiers und seines inzwischen entlassenen Finanzministers Gianis Varoufakis: Tsipras soll bereits im Dezember 2014, mehr als einen Monat vor seinem Wahlsieg, seinen damaligen Wirtschaftsberater Varoufakis beauftragt haben, Pläne für eine Rückkehr zur Drachme auszuarbeiten. Aber Varoufakis war nicht der einzige in der Athener Regierung, der solche Überlegungen anstellte.

Griechenland stand kurz vor einem Putsch

Geschlossene Banken, lange Schlangen vor den Geldautomaten, Kapitalkontrollen - das alles mussten die Griechen in den vergangenen vier Wochen erleben. Aber es hätte noch weitaus schlimmer kommen können. Dem Land drohte nicht nur der Absturz in die Pleite. Griechenland stand kurz vor einem Putsch. Das Ziel des Staatsstreichs, den führende Mitglieder der Regierungspartei Syriza planten: die Rückkehr zur Drachme.

Giannis Stournaras, Gouverneur der griechischen Notenbank und Mitglied im Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank (EZB) kann sich glücklich schätzen, seine Freiheit zu genießen. Ginge es nach Panagiotis Lafazanis, Mitglied im Zentralkomitee des radikalen Linksbündnisses Syriza und bis vor kurzem Energieminister im Kabinett von Alexis Tsipras, säße Stournaras jetzt in einer Gefängniszelle - oder zumindest in Hausarrest.

Treffpunkt einer Verschwörung im Drei-Sterne-Hotel

Lafazanis wollte den Notenbankchef, der sich schon als Finanzminister in den Jahren 2012 bis 2014 den unversöhnlichen Hass vieler Syriza-Politiker zugezogen hatte, verhaften lassen - Teil eines Plans, das Land vom Euro zu befreien und zu einer eigenen Währung zurückzuführen, ohne lästige Spar- und Reformauflagen der Gläubiger. Was Lafazanis plante - und vielleicht immer noch plant - ist nicht weniger als ein Staatsstreich.

Das Drei-Sterne-Hotel Oscar im Athener Bahnhofsviertel gehört nicht gerade zu den Spitzenherbergen der griechischen Hauptstadt. Aber es könnte in die politische Geschichte des Landes eingehen - als Treffpunkt einer Verschwörung.

Stathis Leoutsakos gehörte zu den geladenen Gästen, als sich am Abend des 14. Juli führende Figuren des linksextremen Syriza-Flügels in einem Konferenzsaal des Hotels Oscar trafen, um einen Schlachtplan zu schmieden.

Presse rauschte ebenfalls an

Aber was er vor dem Eingang des Hotels antraf, gefiel dem Abgeordneten Leoutsakos gar nicht: Journalisten, Fernsehteams, Fotografen. "Wer hat Euch bestellt?", herrschte der resolut auftretende frühere Gewerkschaftsfunktionär die Reporter an. "Du da, hast Du eine Einladung?" ging Leoutsakos einen der Pressevertreter frontal an.

Kein Wunder, das man unter sich sein wollte. Denn was Energieminister Lafazanis wenig später im Konferenzsaal des Hotels den Genossen vortrug, hatte es in sich: "Wir wollen eine nationale Währung", sagte Lafazanis laut Teilnehmern des Treffens. "Das war unser Plan von Anfang an, wir hätten das längst umsetzen sollen, aber es ist noch nicht zu spät dafür."

Es waren dramatische Stunden für Griechenland. Tags zuvor war Premier Tsipras nach einer nächtlichen Marathonsitzung vom Sondergipfel der Euro-Staats- und Regierungschefs nach Athen zurückgekehrt - mit einer Vereinbarung, von der er selbst sagte, sie sei "schlecht", ihm aber von den Partnern aufgezwungen worden. Er habe keine andere Wahl gehabt, als den Spar- und Reformauflagen zuzustimmen.

Lafazanis wollte ans Geldlager heran

Lafazanis glaubte: Es gab eine Alternative. Und er entwickelte im Hotel Oscar seinen "Plan B": Als erstes müsse man das Nomismatokopeion besetzen, die staatliche Münzanstalt an der Mesogeion-Avenue im Athener Stadtteil Cholargos.

In der Münze stehen die Druckmaschinen, mit denen die griechische Zentralbank im Auftrag der EZB eine genau festgelegte Anzahl von Euro-Banknoten drucken darf. Es sind aktuell Zehn-Euro-Scheine, früher wurden hier auch Fünfer und Zwanziger gedruckt. Zu erkennen sind die in Athen gedruckten Scheine an einem Y vor der Seriennummer.

Zugegeben: Mit Zehn-Euro-Scheinen kommt man nicht sehr weit. Aber interessanter war für Lafazanis: In den Tresoren der Münzanstalt sowie in den Zweigstellen der griechischen Zentralbank im ganzen Land lagern erhebliche Bargeld-Bestände - 22 Milliarden Euro nach Angaben von Lafazanis. Wenn man darauf zugreife, könne man über mehrere Monate hinweg Renten und Gehälter im Staatsdienst zahlen, während man den Übergang zu einer eigenen Währung vorbereite.

Automatisch Falschgeld

Lafazanis überschätzt die Bargeldreserven womöglich - nach Angaben von Insidern sind es nur etwa zehn Milliarden. Die Scheine dürfen allerdings ohnehin nur mit Zustimmung der EZB in Umlauf gebracht werden. Hätten die Syriza-Verschwörer die Tresore geplündert oder die Notenpresse des Nomismatokopeion angeworfen, um weitere Scheine zu drucken, wäre daraus automatisch Falschgeld geworden.

Dass Zentralbankchef Stournaras bei diesem abenteuerlichen Plan mitmachen würde, nahmen Lafazanis und seine Genossen nicht an. Man habe deshalb erörtert, den Notenbanker festnehmen zu lassen und die Notenbank sofort unter staatliche Kontrolle zu stellen, heißt es.

Besetzung der staatlichen Münzanstalt, Konfiszierung der in Griechenland gelagerten Bargeldbestände der EZB, Verstaatlichung der griechischen Notenbank, Absetzung und Verhaftung ihres vom Parlament gewählten Gouverneurs - was Lafazanis plante, war ein Putsch.

Statt Staatsstreich eine parteiinterne Revolte

Der Lafazanis-Plan sei selbst manchen Anhängern des linksextremen Flügels zu weit gegangen, berichten Teilnehmer des Treffens. Statt des Staatsstreichs bleibt es bei einer parteiinternen Revolte. Einen Tag nach dem Treffen der Verschwörer im Hotel Oscar verweigern 39 Abgeordnete vom linksextremen Syriza-Flügel der Regierung bei der Abstimmung über das erste Spar- und Reformpaket die Gefolgschaft. Zwei Tage später bildet Tsipras sein Kabinett um. Vier abtrünnige Minister, unter ihnen Lafazanis, verlieren ihre Ämter.

Aber was wusste Tsipras von den Absichten der Parteilinken? Der Premier habe von dem Plan der Verschwörer, die staatliche Münze zu stürmen und den Zentralbankchef zu verhaften, erst nach dem Treffen im Hotel Oscar erfahren, heißt es in Tsipras Umgebung. "Wir haben uns mit Wahnsinnigen eingelassen", soll Tsipras fassungslos gegenüber Mitarbeitern gesagt haben.

Tatsächlich scheint aber auch Tsipras an den Überlegungen eines "Plan B" beteiligt gewesen zu sein. Das berichtete am Sonntag die gewöhnlich seriös informierende Athener Zeitung "Kathimerini". Danach hat der inzwischen ebenfalls entlassene Finanzminister Gianis Varoufakis von Tsipras bereits vor dessen Wahlsieg den Auftrag erhalten, detaillierte Pläne für eine Rückkehr zur Drachme auszuarbeiten.

Umstellung hätte auf Knopfdruck erfolgen können

Er habe im Dezember 2014 damit begonnen, im Auftrag von Tsipras eine "kleine, sehr fähige Mannschaft zusammenzustellen, die unter größter Geheimhaltung arbeitete", zitiert die Zeitung Varoufakis, der diese Pläne am 16. Juli in einer Telefonkonferenz internationaler Analysten erläutert haben soll.

Die im Finanzministerium entwickelten Planspiele sahen die Einführung eines virtuellen Parallel-Bankensystems für den Übergang vom Euro auf die neue Währung vor. Die Umstellung hätte "über Nacht mit einem Knopfdruck" erfolgen können, sobald Tsipras grünes Licht gegeben hätte, soll Varoufakis erklärt haben. Damit die Troika keinen Wind von diesen Vorbereitungen bekomme, habe er einen Jugendfreund engagiert, der jetzt Informatikprofessor an der Columbia University in New York sei. Seine Aufgabe sei es gewesen, sich als Hacker Zugriff auf die im Finanzministerium gespeicherten Daten aller griechischen Steuerzahler zu verschaffen und die Datensätze auf einem Laptop zu speichern.

Damit habe man den Übergang vom Euro zur Drachme auch beim Fiskus schnell umsetzen können, so Varoufakis. Teilnehmer der Telefonkonferenz hätten versichert, selbstverständlich bleibe das Gesagte vertraulich. Varoufakis habe darauf geantwortet: "Ich weiß, ich weiß - und wenn etwas nach außen dringt, werde ich alles dementieren."

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