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VW-Abgas-Skandal: "Mit Sicherheit machen das auch die anderen"


VW-Abgas-Skandal  

"Mit Sicherheit machen das auch die anderen"

21.09.2015, 23:55 Uhr | AFP, dpa-AFX, rtr

VW-Abgas-Skandal: "Mit Sicherheit machen das auch die anderen". Autos können auf dem Prüfstand sauberer sein als im Normalbetrieb auf der Straße. (Quelle: dpa)

Autos können auf dem Prüfstand sauberer sein als im Normalbetrieb auf der Straße. (Quelle: dpa)

Der Skandal um überhöhte Abgaswerte bei Volkswagen in den USA hat die gesamte Automobilbranche ins Zwielicht gerückt. Der ökologische Verkehrsclub VCD bezeichnete die Manipulationen "als Spitze des Eisbergs". "Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass neben Volkswagen auch andere Konzerne die Abgaswerte manipulieren und das nicht nur in den USA", sagte der verkehrspolitische Sprecher des VCD, Gert Lottsiepen.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte, Messwerte generell zu überprüfen. VW stoppte den Verkauf von Dieselfahrzeugen in den USA und büßte an der Börse in Frankfurt fast ein Fünftel seines Wertes ein. Die VW-Aktie beendete den Handel mit einem Minus von 18,6 Prozent. VW verlor zeitweise über 15 Milliarden Euro an Marktkapitalisierung und damit seinen Spitzenplatz unter den deutschen Autokonzernen.

Nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) setzen auch andere Hersteller ähnliche Methoden wie VW ein, um Abgaswerte zu manipulieren. Die DUH warf der Regierung vor, "auf Druck der Autoindustrie" keine wirksamen Maßnahmen zu ergreifen.

ADAC stellt Abweichungen fest

Auch dem Automobilclub ADAC fallen nach eigenen Angaben schon seit Jahren Abweichungen bei Abgastests auch in Deutschland auf. Seit 2003 überprüfe man jährlich 150 Autos auf das Kohlendioxid sowie weitere Schadstoffe, die sie abgeben. "Das sagen wir seit Jahren, dass die Herstellerwerte nicht stimmen", berichtete ein Sprecher in München. Es liege daran, dass der ADAC bei den Abgas- und Verbrauchsmessungen strengere Maßstäbe anlege. "Da wird nicht betrogen aus unserer Sicht. Der legale Rahmen in Deutschland ist einfach zu lasch."

Bei Dieselfahrzeugen kämen immer wieder Abweichungen von den aktuellen Euro-Grenzwerten vor. Der ADAC fordert eine neue gesetzliche Regelung zur Abgasmessung. Ab 2017 soll EU-weit ein neues Messverfahren für Abgasemissionen eingeführt werden.

Gabriel sprach angesichts des Manipulationsskandals von einem "schlimmen Vorfall". "Made in Germany" sei aber nach wie vor weltweit ein Qualitätsmerkmal, das dadurch nicht in Gefahr gerate, sagte er in Berlin. Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Umweltbundesministerium, forderte die Autohersteller auf zu klären, ob auch "Abgaswerte anderer Pkw-Modelle in dieser oder ähnlicher Weise manipuliert wurden oder werden".

Daimler, BMW und Porsche winken ab

Daimler erklärte, man sei nicht von den Ermittlungen der US-Umweltbehörde betroffen. Bei BMW hieß es, die US-Behörde habe ein Dieselmodell getestet und keine Verstöße festgestellt. Bei Porsche hieß es, es seien nur Vier-Zylinder-Diesel betroffen. Diese verwende man nicht.

Laut der US-Umweltbehörde EPA hat Volkswagen mittels einer Software den Schadstoffausstoß nur bei offiziellen Tests vollständig kontrolliert, nicht aber beim normalen Betrieb der Autos. Die Dieselfahrzeuge stießen folglich im regulären Straßenverkehr mehr Stickoxide aus als erlaubt. Stickoxide werden als gesundheitsschädlich eingestuft und können zu Atemwegserkrankungen führen. Das US-Justizministerium hat einem Agenturbericht zufolge inzwischen strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. Das berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen in den USA.

Schlimmer als der Kursrutsch an der Börse wiegt Beobachtern zufolge der Imageschaden, den VW durch die Manipulation erlitten hat. Volkswagen werde es in den USA "sehr schwer haben, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen", sagte der Duisburger Autoforscher Ferdinand Dudenhöffer. In den USA hatte Volkswagen mit umweltfreundlichen Diesel-Fahrzeugen ("clean diesel") geworben.

DSW: VW-Aktionäre sollen abwarten

Der Skandal ist nach Einschätzung der Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) ein strategischer "Super-GAU" für die Weltmarktstellung von VW. Der Präsident der Schutzvereinigung, Ulrich Hocker, zeigte sich davon überzeugt, dass die Verantwortlichen für den Skandal aufgrund der rigiden Gesetze in den USA habhaft gemacht werden.

Den VW-Aktienbesitzern in Deutschland riet der DSW-Präsident angesichts des plötzlichen Wertverlustes, die Nerven zu bewahren. Die deutsche Automobilindustrie sei eine gut verdienende Branche und sie werde "die Aktionäre natürlich weiterhin mit Dividenden und ähnlichem bedienen". Wer VW-Aktien habe, solle jetzt nicht sofort verkaufen, sondern abwarten.

Skeptisch zeigte sich die DSW zu denkbaren Schadenersatzansprüchen aus Deutschland. "Nach deutschem Recht ist es so gut wie unmöglich", sagte Hocker. Eine Vorstandshaftung wie in den USA gebe es in Deutschland nicht.

Hintergrund des Skandals ist eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie des Forschungsinstituts International Council on Clean Transportation (ICCT) und der Universität West Virginia, die bereits erhöhte Emissionswerte einiger Volkswagen-Autos aufgedeckt hatte. Am Mittwoch will sich der innerste Zirkel des Aufsichtsrats bei einem Krisentreffen mit dem Thema beschäftigten, verlautete aus VW-Kreisen.

Rücktrittsforderungen an Winterkorn

Nun mehren sich die Forderungen nach einem Rücktritt von VW-Chef Martin Winterkorn. "Es wird Zeit, dass Winterkorn seinen Hut nimmt und jemand Neues kommt, der das Unternehmen durchkehrt", sagte der frühere Telekom-Vorstand und frühere Continental-Manager Thomas Sattelberger den Zeitungen der "Funke Mediengruppe" (Dienstag). Winterkorns Konzern habe Verbraucher und Politik "betrogen".

Zuvor hatte bereits Autoexperte Dudenhöffer dem VW-Chef einen Rücktritt nahegelegt. Als direkter Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung habe der Vorstandsvorsitzende entweder von den Manipulationen gewusst oder sei ahnungslos und habe seinen Geschäftsbereich nicht im Griff, sagte Dudenhöffer der "Frankfurter Rundschau". "In beiden Fällen würde ich sagen, dass Winterkorn an der Konzernspitze nicht mehr tragbar ist."

EPA will Ermittlungen ausweiten

Die US-Umweltschutzbehörde EPA nimmt derweil auch die Diesel-Fahrzeuge anderer Autobauer unter die Lupe. Die EPA erklärte, gemeinsam mit der kalifornischen Partnerbehörde Carb die Modelle weiterer Hersteller auf mögliche "Abschalteinrichtungen" zu überprüfen, die den Schadstoffausstoß bei offiziellen Abgastests verringern.

Die Umweltschutzbehörde machte keine Angaben dazu, welche Autobauer betroffen sind. Die EPA stellte außerdem klar, dass sie noch keinen formalen Rückruf angeordnet habe. Allerdings gehe man davon aus, dass Volkswagen die betroffenen Autos in die Werkstätten holen müsse, um den Schadstoffausstoß zu reduzieren, hieß es.

Zunächst müsse VW aber in einem "angemessenen Zeitraum" einen Plan für die Umrüstung der beanstandeten Modelle entwickeln. Die Besitzer würden über den Rückruf informiert, sobald die EPA dem Plan zugestimmt habe. "Abhängig von der Komplexität der Reparaturen und der für die Beschaffung der nötigen Ersatzteile erforderlichen Zeit könnte es bis zu einem Jahr dauern, einen Rückrufplan zu entwickeln und den Rückruf anzuordnen", erklärte die Behörde.

Der Vorsitzende des Ausschusses für Energie und Handel im Repräsentantenhaus, Fred Upton, kündigte eine Anhörung zu den manipulierten Abgaswerten an. "In den kommenden Wochen" werde sich der Unterausschuss für Aufsicht und Untersuchungen mit dem Fall befassen. Nach den Vorwürfen der EPA würden sich "ernste Fragen stellen", erklärten Upton und der Unterausschuss-Vorsitzende Tim Murphy. "Wir sind auch besorgt, dass Autokäufer womöglich getäuscht wurden. (...) Die amerikanische Bevölkerung verdient Antworten und Zusicherungen, dass dies nicht wieder passiert."

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