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Pressestimmen zur VW-Affäre: "Made in Germany" droht Totalschaden


Presseschau zum VW-Skandal  

Gütesiegel "Made in Germany" droht Totalschaden

23.09.2015, 14:04 Uhr | AFP, dpa, t-online.de

Pressestimmen zur VW-Affäre: "Made in Germany" droht Totalschaden. Ramponiertes Image - Volkswagen steckt wohl in seiner größten Krise. (Quelle: imago images/Manngold)

Ramponiertes Image - Volkswagen steckt wohl in seiner größten Krise. (Quelle: Manngold/imago images)

In der Sache sind sich die Kommentatoren der Zeitungen einig: Der größte deutsche Konzern steht am Abgrund - und der Skandal um die manipulierte Motoren-Software schadet der Marke "Made in Germany" insgesamt. Aber was die Zukunft von VW-Chef Martin Winterkorn betrifft, da gehen die Meinungen auseinander. Und manche Kommentatoren können der Krise sogar etwas Gutes abgewinnen. Eine Presseschau.

Die "Bild"-Zeitung sieht eine ganze Serie von Versagen bei großen deutschen Unternehmen:

"Das Beben bei Volkswagen - warum tut es uns allen so weh? Weil es eben nicht nur um ein Auto geht. Es geht um Made in Germany. Das (...) wofür wir in der Welt beneidet werden: Das Gütesiegel für Autos, Messer, Schrauben, die Sicherheit deutscher Fluglinien - Zeichen für Qualitätsarbeit. Das einstige Gütesiegel hat in der letzten Zeit eine deftige Delle bekommen: der Absturz der Germanwings-Maschine, andauerndes Chaos am Berliner Flughafen BER, die Deutsche Bank auf der Anklagebank - und jetzt Volkswagen. So unterschiedlich - und tragisch - die Fälle sind: Was Deutschland groß gemacht hat, ist Ingenieurskunst - und Vertrauen in die Fähigkeit unserer Maschinenbauer und -lenker. Darum ist es so wichtig, dass Martin Winterkorn und Volkswagen jetzt lückenlos aufklären. Damit Made in Germany keinen Totalschaden erleidet."

Die "Neue Presse" aus Hannover fordert einen personellen Neuanfang an der Konzernspitze - und kann sich Porsche-Chef Matthias Müller als Nachfolger für Winterkorn vorstellen:

"Der Abgas-Skandal stürzt Volkswagen in eine bedrohliche Krise. Die Konsequenzen sind längst nicht absehbar, weil die finanziellen und ideellen Unwägbarkeiten immer größer werden - und zwar weltweit. Vor diesem Hintergrund kann es ernsthaft nicht sein, dass der Skandal ohne einen Neuanfang an der Spitze ablaufen sollte. Ein plausibler Nachfolger für Martin Winterkorn wäre in der Tat Matthias Müller. Der Porsche-Chef gilt im Konzern ohnehin als Feuerlöscher. Bittere Ironie der Vorgänge: Piëch könnte am Ende zum großen Sieger in Abwesenheit werden. Sein Rückzug verhinderte wie beabsichtigt, dass Winterkorn an die Spitze des Aufsichtsrates rücken konnte. Der Skandal stürzt den VW-Chef vielleicht jetzt ganz vom Thron, und Piëchs Wunschkandidat Müller könnte aufrücken."

Die "Thüringische Landeszeitung" aus Weimar glaubt, dass Winterkorn die Dimension des Skandals noch gar nicht erfasst hat - und spricht von "kriminellen" Machenschaften:

"Martin Winterkorn hat gestern per Videobotschaft um Entschuldigung gebeten. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Er hat größte Transparenz bei der Aufklärung versprochen. Auch das darf man von ihm erwarten. Doch falls Winterkorn tatsächlich darauf hoffen sollte, weiterhin Chef des zweitgrößten Autobauers der Welt bleiben zu dürfen, dann hat er die Tragweite dieses Skandals nicht erkannt. Es ist kriminell, die elektronische Motorsteuerung so zu manipulieren, dass sie auf dem Prüfstand geringere Abgaswerte erzeugt als auf den Straßen."

Der Kommentator der "Augsburger Allgemeine" empfiehlt dem VW-Konzern, sich außerhalb der eigenen Reihen nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden umzusehen:

"Es ist unfassbar, dass Manager eines Weltkonzerns wie VW ihr Unternehmen derart schädigen. Vollends sprachlos stimmt einen aber der naive Glaube der Führungsfiguren, ihr betrügerisches Treiben bei der Manipulation von Diesel-Abgaswerten in den USA werde nicht entdeckt. Und das, obwohl bekannt ist, wie unerbittlich US-Behörden sein können. Konzern-Chef Winterkorn muss die politische Verantwortung für das VW-Debakel übernehmen. Sein Rücktritt würde Platz für den überfälligen Neuanfang schaffen. Dabei wären die Verantwortlichen gut beraten, einen Manager von außen zu holen. Nur so können die Wolfsburger und Ingolstädter Männerseilschaften durchbrochen werden."

Die "Dithmarscher Landeszeitung" aus Heide sieht dagegen Winterkorn selbst in der Pflicht, Volkswagen aus dem Schlamassel zu steuern:

"Im Sport wird gedopt, der ADAC fälscht seinen Preis Gelber Engel - ausgerechnet zugunsten des VW Golf -, von der Fifa ganz zu schweigen. (...) Das alles verringert die Misere nicht, die allein VW zu verantworten hat. Die rasche Aufklärung, die Vorstandschef Martin Winterkorn zugesagt hat, sollte sich dabei von selbst verstehen. Winterkorn sollte sie vorantreiben - und sich so einen halbwegs anständigen Abgang verschaffen. Denn bei einem Fehlverhalten dieser Größe muss der Chef unabhängig von der persönlichen Betroffenheit selbst die Verantwortung tragen."

Auch international kommentieren die Zeitungen den Abgas-Skandal bei VW. Der konservative "Le Figaro" aus Paris sieht in der Krise auch eine Chance:

"Da der Zweifel wie ein Gift wirkt, dürfte Volkswagen Jahre brauchen, um seinen guten Ruf wiederherzustellen. Doch diese Affäre hat wegen ihrer globalen Wirkung vielleicht auch etwas Gutes. Multinationale Unternehmen mit fast unbegrenzten Geldmitteln werden kaum als Inbegriff der Tugendhaftigkeit betrachtet. Es wird wahrscheinlich noch viel passieren müssen, um ihnen ein untadeliges Verhalten aufzuzwingen. Doch zweifellos haben die Verschärfung der Regeln und die Diktatur der Transparenz bestimmte Fehlverhalten ausgeräumt. Die Schwierigkeiten von Volkswagen zeigen, was es kostet, Ethik und Ehrlichkeit aufs Spiel zu setzen, auch wenn man ein multinationaler Konzern ist."

Für "Le Monde", ebenfalls aus Paris, hat der VW-Skandal eine europäische Dimension:

"Die für Mittwoch dringend einberufene Sitzung des Volkswagen- Präsidiums dürfte für VW-Chef Martin Winterkorn ungemütlich werden. Doch diese Affäre geht weit über Volkswagen hinaus. Sie beschädigt das Image der Europäer, die gerne Lektionen erteilen und sich rühmen, Vorreiter im Kampf gegen die Umweltverschmutzung und gegen die Klimaerwärmung zu sein. Darunter leidet die Glaubwürdigkeit der Europäer, die bei ihren laufenden Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen immer wieder die Überlegenheit ihrer Industrienormen rühmen. Die Affäre diskreditiert das Engagement der Industrie und der Wissenschaftler. Sie betrifft keineswegs einzig und allein den deutschen Autobauer. Das macht sie noch unverzeihlicher."

Die "Neue Zürcher Zeitung" glaubt, der Betrug bei den Abgaswerten könnte eine neue Ära einleiten:

"Der in den USA aufgedeckte Skandal ist desaströs für die Marke Volkswagen sowie vermutlich auch Audi und beschädigt die gesamte deutsche und internationale Automobilindustrie. Es ist seit langem ein offenes Geheimnis, dass Autohersteller die angegebenen Werte zum Benzinverbrauch und Schadstoffausstoß nur unter Laborbedingungen erreichen, weshalb Kritiker seit Jahren von systematischer Kundentäuschung reden. Dieses Vorgehen war zwar völlig legal, dürfte aber im Zuge des Skandals zu Recht künftig kaum haltbar sein. Gefragt sind endlich ehrlichere Zahlen der Autohersteller, aber auch realistischere Grenzwerte der Aufsichtsbehörden."

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