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Martin Winterkorn: Presseschau zum Rücktritt des VW-Chefs


Presseschau zum Rücktritt  

Winterkorn und die "Versuchung der Lüge"

24.09.2015, 13:45 Uhr | AFP, dpa, t-online.de

Martin Winterkorn: Presseschau zum Rücktritt des VW-Chefs. Die Abgas-Affäre hat VW-Chef Martin Winterkorn den Job gekostet. (Quelle: dpa)

Die Abgas-Affäre hat VW-Chef Martin Winterkorn den Job gekostet. (Quelle: dpa)

VW-Chef Martin Winterkorn hat die Konsequenzen aus dem Skandal um Abgas-Manipulationen gezogen und ist zurückgetreten. Über die Rolle, die der Ex-Manager in der Affäre gespielt hat und über die Art seines Abgangs gehen die Meinung in der deutschen und internationalen Presse auseinander. Von "Lügen" und "Totalausfall" ist die Rede, aber auch von Verständnis für Winterkorn. Eine Presseschau.

Die "Süddeutsche" aus München nennt Winterkorns Rechtfertigung "befremdlich" und fordert die Rückkehr zu Werten:

"Der Rücktritt Winterkorns ist Teil des VW-Höllensturzes: Dieser Rücktritt war notwendig; aber er klärt und erklärt noch gar nichts. Der Zurückgetretene ist sich keiner Schuld bewusst. Das ist eine befremdliche Einlassung: Er war Vorstandschef, verantwortlich für das, was er getan und auch für das, was er - zum Beispiel bei der Kontrolle - unterlassen hat. Wertvolle Autos baut man nur dann, wenn im Unternehmen Werte gelten. Die Frage lautet nun: Wie wird VW wieder wertvoll?"

Die "Welt" aus Berlin bricht eine Lanze für Winterkorn und wirft den Kritikern "Tugendprahlerei" vor:

"Der zum Teil hysterische Ton, mit dem VWs Betrügerei kritisiert wurde, neigt zur Tugendprahlerei. Natürlich sind die US-Abgaswerte ernst zu nehmen. Aber wer weiß, dass die top drei der bestverkauften Autos in den USA Sprit vernichtende Pick-ups sind, könnte ahnen, dass jedes Land mit Autoindustrie seine eigenen Produzenten hegt und pflegt. Martin Winterkorn war ein großartiger Autobauer, der es sich selbst nicht verzeihen wird, dass er seinen geliebten Konzern zum Abgang derart lädiert zurücklässt. Niemand wird das mehr schmerzen als ihn, den pflichtbewussten Schwaben. Ob er als einer der großen Wirtschaftslenker des Landes in die Geschichtsbücher eingehen darf, kann erst am Ende der Aufklärung entschieden werden."

Der "Mannheimer Morgen" kritisiert die Art und Weise des Rücktritts und nennt Winterkorn einen "Totalausfall":

"Am Ende ging alles ganz schnell. Der Abgas-Skandal kostet VW-Vorstandschef Martin Winterkorn den Job. Zu groß ist die Tragweite. Mit Winterkorn an der Spitze wäre eine Aufarbeitung nicht möglich gewesen - zumal ihm auch der Aufsichtsrat das Vertrauen entzogen hatte. Von dem glanzvollen Manager Winterkorn, der Volkswagen zum größten Autobauer der Welt gemacht und rund 16 Millionen Euro im Jahr verdient hat, bleibt nicht mehr viel übrig. Tagelang zauderte er und blieb auf seinem Chefsessel kleben. Dann hielt es Winterkorn nicht einmal für nötig, seine Rücktrittserklärung persönlich zu verlesen. Im Internet überschütten Nutzer ihn und die einst ehrenwürdige Marke mit Spott und Häme. Ein Totalausfall in jeder Hinsicht."

Die "Eßlinger Zeitung" bezeichnet Winterkorns Abgang als "bittere Ironie der Geschichte":

"Winterkorn war nach der Fehde mit Piëch nicht mehr der Alte. Er war angezählt. Die Öffentlichkeit nahm ihn als einen Mann wahr, der trotz seines fortgeschrittenen Alters nicht loslassen konnte. Er hielt sich - wie Piëch - für unersetzlich. Da ist es eine bittere Ironie der Geschichte, dass Winterkorn, der vermeintliche Sieger des Machtkampfs, nun das gleiche Schicksal erlitt wie sein Gegner: Er wurde, symbolisch gesehen, vom Hof gejagt."

Der Kommentator der "Stuttgarter Zeitung" blickt hinter die Kulissen des Skandals und sieht VW vor einer "Zeitenwende":

"Der aktuelle Skandal überdeckt ein wenig, dass der Wolfsburger Konzern nun vor einer Zeitenwende steht. Innerhalb weniger Monate gehen die beiden prägenden Figuren von Deck, die sich wohl selbst am meisten für unersetzbar gehalten haben: vor Martin Winterkorn bereits Ferdinand Piëch, der Patriarch. Es ist eigentlich unglaublich, in welcher Weise zwei Männer in eher fortgeschrittenem Alter die Abläufe in einem Riesenunternehmen auf sich zugeschnitten hatten."

Für den "Tagesspiegel" aus Berlin war Winterkorn bereits vor dem Skandal ein Problem für VW:

"Volkswagen hat nun die Chance zu einem Neuanfang, mit einer neuen Führung - nicht nur an der obersten Spitze. Die Notwendigkeit war schon vor Bekanntwerden der illegalen Tricks mit Dieselfahrzeugen unübersehbar. Als im Frühjahr der Streit zwischen Winterkorn und Ferdinand Piëch eskalierte, war bereits allen klar, dass die alten Männer an der VW-Spitze der Komplexität des Konzerns nicht mehr gewachsen sind. Auf die Protagonisten der Post-Winterkorn-Ära kommt Arbeit zu. Volkswagen hat nicht nur ein Corporate-Governance-Problem, sondern auch viele operative Baustellen."

Die "Südwest Presse" aus Ulm unterstellt Winterkorn einen "manischen Willen zur Größe", was letztendlich zu seinem Sturz führte:

"Der beinahe manische Wille zur Größe ist dem Perfektionisten Winterkorn letztlich zum Verhängnis geworden. Ein Konzernlenker, der bei elf Millionen manipulierten Automobilen davon spricht, er sei 'fassungslos' über die Vorgänge in seinem Haus und sich keines 'Fehlverhaltens' bewusst, hat entweder sein Unternehmen nicht im Griff oder er lügt. Beides sind hinreichende Begründungen für einen Rücktritt, aber kein Grund zu Mitleid. Für Volkswagen gilt deshalb nun dasselbe wie für seine Modelle: Der Trend heißt kleiner, wendiger, lenkbarer. Die Tage des Welt-Superkonzerns sind gezählt."

Auch international kommentieren die Zeitungen den Abgas-Skandal bei VW. Winterkorn sei der "Versuchung der Lüge" erlegen, so die linksliberale Pariser Zeitung "Libération":

"Die Versuchung der Lüge geht weit über den diskreten Kreis rücksichtsloser Unternehmer oder skrupelloser Manager hinaus. Mit dem Druck der Konkurrenz und der Peitsche der Rentabilität lockert sich der strenge Umgang mit der Wahrheit, sei es den Verbrauchern gegenüber, oder im Verhältnis zur eigenen Hierarchie. Natürlich haben Unternehmer kein Interesse daran, Bilanzen fälschen zu lassen, zu betrügen oder Probleme zu verbergen. Die Risiken derartiger Verhaltensweisen sind enorm, und können zu einem Rücktritt in Schande führen, wie jetzt beim Vorstandschef von Volkswagen, Martin Winterkorn. In derartig gefährlichen Szenarien spielen Gegenkräfte wie Hinweisgeber, Verbraucherverbände und Gewerkschaften eine entscheidende Rolle."

Die "Neue Zürcher Zeitung" ist der Meinung, Winterkorn habe mit seinem Rücktritt verantwortungsvoll gehandelt. Kritisch zu betrachten seien vielmehr die Kritiker:

"Martin Winterkorn hält seinen Kopf hin. Er ist als Chef von Volkswagen richtigerweise zurückgetreten. Ein Spitzenmanager einer Firma sollte vor seine Leute stehen und er muss Verantwortung übernehmen, wenn es weitreichende, ja gar betrügerische Regelverstösse gegeben hat. (...) Hysterisch muten allerdings Kommentare an, die schon den Untergang des 'Made in Germany' an die Wand malen, die also das Vertrauen in 'deutsche Wertarbeit', wie es hier so schön heisst, erschüttert sehen. Volkswagen ist zwar eine deutsche Industrie-Ikone und mit 600.000 Mitarbeitern eines der grössten europäischen Unternehmen. Doch die Firma hat die Substanz, die Krise durchzustehen, auch wenn es teuer wird."

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