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Brasilien steckt in einer schweren Krise - Wirtschaft stürzt ab


Krisen und Skandale am Zuckerhut  

Brasiliens Wirtschaft stürzt ab - und kein Heilmittel in Sicht

30.09.2015, 09:53 Uhr | Von Brad Brooks, AP

Brasilien steckt in einer schweren Krise - Wirtschaft stürzt ab . Brasilien hat seine Leichtigkeit verloren. Der Staat steckt in einer schweren Krise. (Quelle: dpa)

Brasilien hat seine Leichtigkeit verloren. Der Staat steckt in einer schweren Krise. (Quelle: dpa)

Brasilien, die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, befindet sich in einer tiefen Depression. Das liegt nicht nur am Ausscheiden der Nationalelf bei der Fußball-WM 2014. Präsidentin Dilma Rousseff steckt bis zum Hals in Problemen: Eine tiefe Wirtschaftskrise mit hoher Inflation und ein Korruptionsskandal haben sie so geschwächt, dass sie nötige Sparmaßnahmen nicht durchsetzen kann.

UMFRAGE
Braucht Brasilien eine neue Führungsspitze, um wieder auf die Beine zu kommen?

Eine Währung, die dramatisch an Wert verliert. Eine Arbeitslosigkeit, die den höchsten Stand seit fünf Jahren erreicht hat. Verbraucherausgaben, die tief eingebrochen sind. Und eine lähmende politische Krise, die es der Führung des Landes praktisch unmöglich macht, Maßnahmen zur Wiederbelebung der strauchelnden Konjunktur durchzusetzen. Die Nachrichten werden immer schlechter für Brasiliens einst hoch gepriesene Wirtschaft und damit für seine Präsidentin.

Präsidentin in der Misere

Rousseff, die Umfragen zufolge zum unpopulärsten Staatsoberhaupt des Landes seit der Rückkehr zur Demokratie 1985 geworden ist, sieht sich mit immer lauter werdenden Rufen nach einem Amtsenthebungsverfahren oder Rücktritt konfrontiert. Und weil sie so angeschlagen ist, hat sie kaum politisches Kapital, um Reformen zum Stopp eines weiteren Ausblutens der Wirtschaft im Nationalkongress durchzubringen.

Hintergrund der dramatischen Zuspitzung ist zum einen der Zusammenbruch von Rohstoff-Preisen in den vergangenen Jahren. Dahinter steckt weitgehend die nachlassende Nachfrage der sich verlangsamenden chinesischen Wirtschaft. Volkswirtschaftler meinen auch, dass versäumt worden ist, in der vergangenen Dekade guter Zeiten das Steuersystem und den Arbeitsmarkt zu reformieren, was sich jetzt räche. Und sie sehen das Versagen eines Wirtschaftsmodells, das sich auf einheimischen Konsum gestützt hat.

Nicht für schlechte Zeiten vorgesorgt

Brasilien habe alle seine Rohstoff-Einkünfte verbraucht, die es zwischen 2007 und 2011 gewonnen habe, moniert Neil Shearing, Chefökonom beim internationalen Forschungsunternehmen Capital Economics. Sich nicht auf dürre Jahre vorbereitet zu haben, als die Wirtschaft expandierte, habe einen "hässlichen giftigen Mix" geschaffen. "Und obendrein gibt es noch eine politische Katastrophe, die Tatsache, dass die Regierung nicht die finanziellen Sparmaßnahmen im Kongress durchbringen kann, die sie braucht, um Wachstum zu schaffen", sagt der Experte.

Auch deshalb hat die US-Ratingagentur Standard & Poor's kürzlich Brasiliens Kreditwürdigkeit auf Ramschniveau heruntergestuft. Auch Aktienbesitzer leiden. An der Hauptbörse Bovespa notierte Unternehmen haben seit Anfang 2011 umgerechnet fast eine Billion Euro an Wert verloren.

Bestechungsgelder in Milliardenhöhe

Politisch ist Rousseff im Zuge des bisher schlimmsten Korruptionsskandals im Land immer stärker isoliert. Der Staatsanwaltschaft zufolge haben Spitzenfirmen im Bau- und Maschinenbaugewerbe mehreren Politikern und Managern der staatseigenen Ölgesellschaft Petrobras umgerechnet gut zwei Milliarden Euro an Bestechungsgeldern im Gegenzug zu aufgeblähten Verträgen gezahlt. Rousseff war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzende der Gesellschaft.

Ihr selber wird zwar nicht offiziell Fehlverhalten angelastet. Aber der Präsident des Unterhauses im Kongress ist bereits mit einer Korruptionsanklage konfrontiert, und gegen den Führer des Senats wird ermittelt. Auch das trägt zum politischen Stillstand bei.

Und auch Petrobras ist gelähmt - ein Unternehmen, das lange Zeit der Stolz des Landes war und von dem man sich versprach, dass es Brasilien durch die Förderung von Öl vor der Küste in den Status eines Industrielandes katapultiert. Auch der gesamte Bausektor leidet unter dem Skandal. Die große Mehrheit der 986.000 Brasilianer, die in den vergangenen zwölf Monaten ihre Arbeit verloren haben, war in dieser Branche tätig, wie aus jüngsten Statistiken des Arbeitsministeriums hervorgeht.

Währung verfällt

Viele Heilmittel für die Wirtschaft gibt es nicht, jedenfalls nicht kurz- oder mittelfristig. Die brasilianische Währung, der Real, stürzt immer mehr ab. Der starke Dollar facht die Inflation an und beschädigt viele brasilianische Spitzenfirmen mit Verbindlichkeiten in dieser Währung - vor allem Petrobras, das größte Unternehmen des Landes.

Der dramatische Real-Wertverlust hat auch die Verbraucher geschockt. Jetzt verzichten viele Brasilianer auf Ausflüge in die USA, nachdem sie dort in den vergangenen Jahren massenhaft eingekauft hatten. Und die Preise im Land steigen rapide, für alles von Kosmetik über Arzneimittel bis hin zu den knusprigen kleinen Weißbroten, die von den brasilianischen Frühstückstischen nicht wegzudenken sind. Brasilien importiert 60 Prozent des Weizens, das es konsumiert - und das wirkt sich jetzt aus.

Brot wird immer teurer

"Dieses Grundnahrungsmittel, 'unser tägliches Brot' im wahrsten Sinne des Wortes, wird jetzt allmählich für einige von uns zu teuer", sagt Silvia Vasconcelos, eine Hausfrau in Rio. In dem Laden, in dem sie gewöhnlich kauft, ist der Brotpreis in den vergangenen fünf Monaten um etwa 30 Prozent gestiegen.

Angesichts der Inflation von 9,5 Prozent habe die Zentralbank des Landes weniger Spielräume für das Senken der Zinssätze, erläutert Caio Megale, ein Volkswirtschaftler bei Itau Unibanco, Brasiliens größter Bank. Dies bedeutet, dass die Kreditkosten für Firmen und Einzelpersonen hoch bleiben, was wiederum das Wirtschaftswachstum hemmt.

Unberechenbarkeit schreckt Investoren ab

Exporteure im Land sollten dagegen profitieren, weil eine schwächere heimische Währung ihre Produkte im Ausland billiger und daher wettbewerbsfähiger macht. Aber José Castro, Chef der brasilianischen Vereinigung für Außenhandel, sagt, dass der stärkere Dollar bisher nicht viel hilft. Die Dinge änderten sich so schnell, dass sich Händler scheuten, Verträge zu unterzeichnen, weil sie nicht wüssten, wie es mit der Währung weitergeht. "Berechenbarkeit ist eines der Hauptprobleme", sagt Castro. "Es ist alles zu wacklig, um Geschäfte zu betreiben."

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