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Abgas-Skandal: US-Chef von VW wird vom Kongress gegrillt


Kongress grillt US-Chef  

"Ich nehme VW die Schwüre nicht ab"

08.10.2015, 21:15 Uhr | t-online.de, dpa

Abgas-Skandal: US-Chef von VW wird vom Kongress gegrillt. Michael Horn vor dem US-Kongress. VW bemüht sich um Schadensbegrenzung. (Quelle: AP/dpa)

Michael Horn vor dem US-Kongress. VW bemüht sich um Schadensbegrenzung. (Quelle: AP/dpa)

Es war der schwerste Termin, den Michael Horn je hinter sich bringen musste: Der US-Chef von Volkswagen wurde vor den Kongress gezerrt, um Rede und Antwort zum Abgas-Skandal zu stehen. Dort grillten ihn einzelne Abgeordnete regelrecht. Sicher ist nach der Befragung doch nur eins: Es sind noch lange nicht alle Fragen beantwortet.

Michael Horn hebt die rechte Hand und schwört, "die Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" zu sagen. Ab jetzt steht Volkswagens US-Chef unter Eid. Der Abgas-Skandal hat den 53-Jährigen zu einem Top-Manager im Büßergewand gemacht. "Im Namen unseres ganzen Unternehmens und meiner Kollegen in Deutschland möchte ich eine aufrichtige Entschuldigung anbieten", sagt Horn, bevor er in Washington ins Kreuzverhör der Abgeordneten genommen wird. Die US-Politik hat ihn zur Anhörung vor den Kongress geladen - das zeigt, welche Brisanz der Fall in den Vereinigten Staaten hat.

Wenn der US-Kongress Top-Manager vor seine Ausschüsse zitiert, dann liegt einiges im Argen. Die Chefin des US-Autoriesen General Motors, Mary Barra, beispielsweise wurde von den Abgeordneten im letzten Jahr ebenfalls "gegrillt" und musste sich wegen Schlamperei-Vorwürfen bei einer tödlichen Pannenserie durch defekte Zündschlösser heftige Kritik anhören. Kevin Kennedy vom japanischen Autozulieferer Takata, dessen mangelhafte Airbags mit mehreren Unfällen mit Todesopfern in Verbindung gebracht werden, erging es im Juni nicht anders.

Vergleiche mit Watergate

Nun ist Horn an der Reihe. Es ist der bislang wohl schwerste Gang als Statthalter des Wolfsburger Autokonzerns, der aufpassen muss, in den USA nicht sämtliche Sympathien zu verspielen. Horn steht im Skandal um manipulierte Abgaswerte - der in Amerika nicht als Schummel-Affäre, sondern als krimineller Betrug gesehen wird - massiv unter Druck. Bereits 2014 hatten die US-Regulierer sein Unternehmen über mögliche Verstöße informiert, nun muss er unter Eid aussagen.

Die Empörung in den USA über die Dreistigkeit von VW ist groß und der Ruf nach drastischen Strafen laut. "VW wird einen hohen Preis für dieses dreckige kleine Geheimnis bezahlen", sagt der republikanische Abgeordnete Fred Upton. Andere Politiker gehen Horn scharf an: "Was werden Sie im Knast lesen?", fragt der Demokrat Paul Welch.

Die meisten Abgeordneten fordern aber vor allem Aufklärung. "Wir wissen einige Dinge, aber wir wissen nicht genug", sagt die Demokratin Dianna DeGette. "Wir müssen klären, wer verantwortlich ist." Ein anderes Kongressmitglied findet deutlichere Worte: "Wir sind hier, um im Grund dieselben Fragen zu stellen, die schon in der Watergate-Affäre gefragt wurden: Wer wusste etwas und wann wusste er es?"

Horn will nichts gewusst haben

Im Frühling vergangenen Jahres habe er von möglichen Verstößen gegen Emissionsregeln erfahren, erklärt Horn. "Ich wurde informiert, dass die Vorschriften der Umweltbehörde EPA verschiedene Strafen vorsehen." Damit scheint immer klarer zu werden, was sich im Laufe der Affäre bereits abgezeichnet hatte: VW-Verantwortliche waren seit langem über die Ermittlungen im Bilde. Aber wussten sie auch von absichtlichen Tricksereien? Und war ihnen bewusst, wie schwer der Verdacht wiegt?

Horn sagt, er sei davon ausgegangen, dass die Ingenieure des Konzerns mit der EPA an einer Lösung arbeiteten. Und er betont vor dem Kongress immer wieder, er habe zwar seit 18 Monaten von eventuellen Regelverstößen gewusst, aber nicht davon, dass der Grund dafür in gezielter Manipulation lag. "Ich hatte keine Kenntnis, dass es einen 'Defeat Device' in unseren Autos gab." Als 'Defeat Device' wird die Software bezeichnet, mit der die Emissionstests ausgetrickst wurden. Ihre Installation sei keine "Unternehmensentscheidung" gewesen, der Vorstand habe sie nicht beschlossen, beteuert Horn.

Einzelne Ingenieure schuld?

Wie Horn weiter ausführt, habe er erst kurz vor Bekanntwerden des Skandals vom Einsatz der Manipulationssoftware erfahren. Schuldig seien Ingenieure, die sie eingebaut hätten. "Ich habe nicht gedacht, dass so etwas bei VW möglich wäre", versucht Horn zu beschwichtigen. So richtig glauben will ihm das kaum jemand: "Ich nehme dem Konzern die Schwüre hinsichtlich der Aufklärung und Transparenz und so weiter nicht ab", schnaubt eine Kongressabgeordnete.

Das alles ändert aber nichts an der wichtigen Frage: Wen hat Horn in der Wolfsburger Konzernzentrale wann über den Verdacht der US-Behörden informiert? Aus Konzernkreisen war zu erfahren, dass Horn schon 2014 den inzwischen beurlaubten VW-Entwicklungschef Heinz-Jakob Neußer in Kenntnis setzte. Neußers Anwältin wollte dazu auf Anfrage keine Stellungnahme abgeben.

Ermittlungen sollen Licht ins Dunkel bringen

Die Justiz dürfte sich für diese Details durchaus interessieren. Denn die Suche nach Schuldigen im VW-Skandal nimmt Fahrt auf. Bei einer groß angelegten Razzia hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig in Wolfsburg und anderen Orten Akten und Computer sichergestellt. Es seien sowohl Geschäftsgebäude des Konzerns als auch Privatgebäude sowie Wohnungen von VW-Mitarbeitern durchsucht worden.

Fest steht: Die Manipulation der Abgaswerte ging über Jahre. Doch erst im September kam der Stein ins Rollen, nachdem Volkswagen gegenüber der EPA einräumte, in den USA seit 2009 bei den Emissionstests für fast eine halbe Million Diesel-Autos getrickst zu haben. Der tatsächliche Abgasausstoß lag um ein Vielfaches über den frisierten Messwerten. Weltweit sind rund elf Millionen Wagen betroffen. Ob die Konzernspitze wirklich so lange nichts von dem Betrug wusste, müssen die Ermittlungen zeigen.

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