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"Frankenschock": Schweizer stöhnen unter starker Währung


"Made in Switzerland" unbezahlbar  

Frankenschock: Schweizer stöhnen unter starker Währung

06.12.2015, 14:35 Uhr | rtr, t-online.de

"Frankenschock": Schweizer stöhnen unter starker Währung. Die Aufwertung der Schweizer Währung setzt die dortige Wirtschaft enorm unter Druck. (Quelle: imago)

Die Aufwertung der Schweizer Währung setzt die dortige Wirtschaft enorm unter Druck. (Quelle: imago)

Für die Schweizer Wirtschaft ist der sogenannte Frankenschock das schlimmste Ereignis seit Jahren. Die Folge sind Einkaufstouren der Eidgenossen in Nachbarländer, herbe Einbußen beim Tourismus, Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerungen. Einige befürchten sogar das Ende der Schweizer Industrie. 

Um nach der Aufwertung des Franken mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können, mussten etliche Firmen Arbeitsplätze abbauen, um ihre Kosten zu senken. Damit nicht genug, verlagerten andere ihre Produktion sogar ganz ins Ausland. 

Mittlerweile sprechen nur noch ausgewiesene Optimisten von einem nötigen Wandel, mit dem sich Unternehmen für die Zukunft fit machen. Lediglich in einem Punkt sind sich alle einig: Der Franken wird auf absehbare Zeit stark bleiben und die exportorientierte Schweizer Wirtschaft auch im nächsten Jahr vor große Herausforderungen stellen.

Satter Preisaufschlag für "Made in Switzerland"

Die Umwälzungen hatte die Schweizer Notenbank ausgelöst: Sie gab die lose Anbindung des Franken an die wichtigste Exportwährung Euro im Januar nach mehr als drei Jahren auf. Doch mit dem Ende des Euro-Mindestkurses von 1,20 Franken gewann die eidgenössische Währung schlagartig an Wert. Bis heute sind Waren und Dienstleistungen "Made in Switzerland" für das europäische Ausland rund zehn Prozent teurer geworden.

Daran dürfte sich so schnell nichts ändern: Denn die Europäische Zentralbank hatte ihre Geldschleusen vergangene Woche weiter geöffnet und die Strafzinsen für Banken verschärft. Damit will sie den Euro tendenziell schwächen. Zunächst hatte er jedoch vorübergehen an Wert gewonnen, weil viele Anleger noch drastischere Schritte der EZB erwartet hatten. Zum Ende der Woche kostete die Einheitswährung knapp 1,09 Franken.

Asiaten statt Deutsche: Der Tourismus denkt um 

Wie stark der Höhenflug der eigenen Währung die Schweizer trifft, zeigt eine Umfrage der Beratungsunternehmen Deloitte und BAK-Basel unter 400 Firmen aus Maschinenbau, Elektro- und Metallindustrie: Dabei gab knapp ein Viertel an, über eine Verlagerung der Produktion in den Euroraum nachzudenken. Gut ein Fünftel hat diesen Plan bereits umgesetzt.

Auch Ur-Schweizer Firmen wie der weltweit erfolgreiche Sportartikelhersteller Mammut sehen sich zu diesem Schritt gezwungen: Das Unternehmen hat seine Seilproduktion nach 153 Jahren aus der Schweiz nach Tschechien verlagert und 24 Stellen gestrichen.

Kein Wunder, dass der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann vor einer "schleichenden Deindustrialisierung" warnt, die die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben könnte. Im dritten Quartal lag die Erwerbslosenquote in der Schweiz gemäß international vergleichbaren Daten bei 4,9 Prozent - der höchste Wert seit mehr als vier Jahren. In Deutschland waren es im Oktober sowie in den beiden Vormonaten nur 4,5 Prozent.

Das bekommt auch die Tourismusindustrie zu spüren. Der Urlaub vor der weltberühmten Schweizer Bergkulisse war vielen Deutschen, Franzosen und Niederländern im zu Ende gehenden Jahr zu teuer. Bis Ende September sank die Zahl der Übernachtungen im Jahresvergleich um 0,5 Prozent. Die Tourismusregion Interlaken hat sich schon früher verstärkt auf Gäste aus Asien und dem Nahen Osten konzentriert - mit Erfolg: Seit den 90er-Jahren lockt der Ort, von dem aus Gäste mit der berühmten Bahn durch den Eiger auf das Jungfraujoch fahren, stetig mehr Gäste aus diesen Regionen an. "Wir haben einen enormen Wechsel bei den Märkten erlebt", sagte Interlaken-Tourismuschef Stefan Otz.

Reger Einkaufsverkehr über die Grenze

Doch nicht alle Branchen können auf neue Kundengruppen ausweichen: Dem Schweizer Einzelhandel etwa dürften nach Einschätzung der Bank Credit Suisse elf Milliarden Franken an Umsatz durch die Lappen gehen, weil zehntausende Schweizer lieber im benachbarten Ausland einkaufen.

Einer davon ist Guido Högger. Der Rentner fährt von seinem Wohnort im Norden der Schweiz regelmäßig über die deutsche Grenze ins nahe gelegene Konstanz. Kosmetik- und Reinigungsmittel sind dort 40 Prozent günstiger. Und er bekommt die deutsche Mehrwertsteuer zurück, wenn er zurück über die Grenze fährt.

Dafür nimmt der ehemalige Maschinenbau-Manager auch gerne das kritische Stirnrunzeln seiner Nachbarn in Kauf. Sie finden es unpatriotisch, nicht in der Schweiz zu kaufen. "Ich habe kein schlechtes Gewissen", sagt er. "Wir werden mit den hohen Preisen in der Schweiz über den Tisch gezogen."

Neues Geschäftsmodell für deutsche Bauern 

Der Einkaufstourismus über die Grenze kennt nicht nur Verlierer - er hat auch neue Geschäftsmodelle hervorgebracht: Deutsche Bauern nutzen ihre Scheunen als "Lagerhallen" für die Interneteinkäufe der Schweizer im Euro-Ausland. Dort wo früher landwirtschaftliches Gerät stand, stapeln sich nun Päckchen von Amazon & Co. Und jedes Wochenende pilgern die Schweizer in Scharen über die Grenze, um ihre neu erstandenen Schnäppchen auf den Bauernhöfen abzuholen.

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