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"Hart aber fair"-Kritik: Alle gegen Birgit Fischer bei Frank Plasberg


Heilung um jeden Preis?  

Alle gegen eine bei "Hart aber fair"

31.05.2016, 13:25 Uhr | t-online.de

"Hart aber fair"-Kritik: Alle gegen Birgit Fischer bei Frank Plasberg. Die Sendung drehte sich um das Thema: "Heilung um jeden Preis – wie teuer darf Medizin sein". (Quelle: screenshot ARD)

Die Sendung drehte sich um das Thema: "Heilung um jeden Preis – wie teuer darf Medizin sein". (Quelle: screenshot ARD)

TV-Kritik von Nico Damm

Wie teuer darf Medizin sein? Bei diesem Thema war die Außenseiterin der Talk-Runde schnell ausgemacht: Die Pharma-Vertreterin. Obwohl die ein überraschendes Eingeständnis machte.

Birgit Fischer war wahrlich nicht zu beneiden. Bei "Hart aber fair" zum Thema "Heilung um jeden Preis – wie teuer darf Medizin sein" stand die Haupt-Geschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller von Beginn an auf verlorenem Posten. Was der Pharma-Industrie vorgeworfen wurde, wiegt nämlich schwer: Sie verkauft teils Mittel, die fünf Mal teurer sind als ihr Gewicht in Gold und verteilt viele Millionen Euro an Ärzte für Mini-Studien von zweifelhaftem Wert, was viele für Bestechung halten.

"Ethisch absolut inakzeptabel"

Da wäre zum Beispiel das Medikament "Harvoni", das laut Einspieler Hepatitis C in 95 Prozent der Fälle heilen kann. Ein Quantensprung sei das, aber auch einer, der koste: 674 Euro pro Pille, 57.000 Euro pro Behandlung. "Das ist ethisch absolut inakzeptabel", fand der Theologe Wolfgang Huber, der ehemalige Rats-Vorsitzende der Evangelischen Kirche.

Und der Chefarzt Wolf-Dieter Ludwig warf dem Produzenten Gilead sogar vor, die Preise seien "bewusst kalkuliert, wohl wissend, dass viele Patienten so das Medikament nicht bekommen". Solche Preise könne man, so der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, auch nicht mit Entwicklungskosten rechtfertigen, denn die hätte Hersteller Gilead binnen neun Monaten bereits wieder reingeholt.

"Die lügen alle hier?"

Als Birgit Fischer sich anschickte, dagegen zu halten, nahm sie Plasberg recht gnadenlos ins Gebet: "Die lügen alle hier? Was war falsch an den Aussagen von Herrn Ludwig? Sagen Sie’s doch!" Die Pharma-Frau relativierte: "Inzwischen gibt es sieben verschiedene Alternativprodukte." Diese hätten für eine erhebliche Absenkung des Preises gesorgt.

Doch gleich folgte der nächste Beschuss, diesmal von dem einzigen Politiker am Tisch: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. "Weniger als fünf Prozent der Hepatitis-Patienten weltweit kommt in den Genuss des Medikaments. Da kann ich sagen, das ist der Markt. Aber es ist unethisch." Besonders hart treffe es etwa die Menschen in Indien, wo Hepatitis C zehn Mal verbreiteter sei als hierzulande.

Schlechtes Gewissen wegen teurer Medikamente

"Wenn die Kosten für die Entwicklung wieder reingeholt sind, müssten die Preise drastisch fallen", forderte Marion Rink. Das solle man gesetzlich festlegen, meinte die Vizepräsidentin im Bundesverband der Deutschen Rheuma-Liga. Sie brachte die notwendige menschliche Komponente ein, denn als heute beschwerdefreie Leukämie-Patientin sprach Rink auch aus eigener Erfahrung als Betroffene. Die spannendsten Plasberg-Fragen gingen deshalb auch an sie.

Zum Beispiel, ob sie während ihrer Behandlung habe wissen wollen, wie viel ihre Medikamente gekostet hätten. Die Antwort war ein ganz klares Nein: "Wenn man weiß, dass man die Gesellschaft so viel kostet, kann das sehr belasten."

Neues Gesetz spart nur 1,5 Milliarden statt mehr als zehn

Doch was tun? Die Kosten für Medikamente, die die Krankenkassen bezahlen müssen, steigen jedes Jahr weiter - trotz einer 2010 eingeführten Preisbremse für Medikamente. Durch die hätten die Kassen nur 1,5 Milliarden Euro gespart. Geplant gewesen seien allerdings über zehn Milliarden. Die damaligen Verhandlungen zwischen Politik und Pharma-Industrie kritisierte Lauterbach als "sanft". Um im nächsten Satz gleich wieder zu relativieren: "Wenn der Dialog nicht platzen soll, muss man kleine Brötchen backen."

Im Relativieren übte sich auch stoisch Pharma-Lobbyistin Fischer: Sie wolle gar nicht die Preispolitik einzelner Unternehmen verteidigen. Vielmehr gehe es ja um einen gesellschaftlichen "Aushandlungsprozess" und darum, "das Gesundheitssystem zu stärken". Ähnlich kommentierte sie eine wohl recht sinnfreie Studie von Klosterfrau Melissengeist: Der Hersteller hatte deutschen Ärzten 225 Euro pro Patient gezahlt, um zu erproben, ob das Produkt beruhigend wirkt - was man schon seit rund 190 Jahren weiß. Das könne sie nicht kommentieren, jedoch seien die meisten dieser sogenannten Anwendungsbeobachtungen wissenschaftlich geboten und teilweise nach EU-Recht sogar verpflichtend.

Freude über Anti-Korruptionsgesetz

Das brachte wiederum Lauterbach auf: "Das ist legale Korruption." Ludwig bestätigte: Bei 90 Prozent aller dieser Fälle treffe das zu. Mit ihrer Antwort darauf vermochte Fischer aufgrund des schlechten Rufs ihrer Branche dann vielleicht den einen oder anderen Zuschauer überrascht haben: Es gebe ja jetzt ein Anti-Korruptionsgesetz gegen solche Praktiken. "Und darüber bin ich auch froh."

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