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Brexit-Folgen: Das bedeutet der EU-Austritt für deutsche Unternehmen


"Für alle Seiten negativ"  

Das bedeutet der Brexit für deutsche Unternehmen

26.06.2016, 12:19 Uhr | dpa-AFX, t-online.de

Brexit-Folgen: Das bedeutet der EU-Austritt für deutsche Unternehmen. Mini-Produktion von BMW in Oxford: Der Brexit könnte gerade auch solche deutsche Unternehmen stark treffen, die in Großbritannien Werke mit hohen Kapazitäten haben. (Quelle: Reuters)

Mini-Produktion von BMW in Oxford: Der Brexit könnte gerade auch solche deutsche Unternehmen stark treffen, die in Großbritannien Werke mit hohen Kapazitäten haben. (Quelle: Reuters)

Für deutsche Unternehmen ist Großbritannien einer der wichtigsten Märkte. Umso stärker trifft der Brexit die hiesige Wirtschaft. Aber nicht nur Exporte auf die Insel dürften schrumpfen. Auch für Firmen oder Banken mit britischen Niederlassungen entstehen Nachteile. Ein Blick auf einzelne Branchen:

Zu den Sektoren, die es Experten zufolge besonders hart treffen wird, zählen der Finanzsektor, die Maschinenbau- und Automobilbranche, aber auch die Pharma-, Chemie- und Elektroindustrie. Denn eine britische Isolation führt in diesen Wirtschaftszweigen aufgrund von Zöllen, zahlreichen Produktnormen und unterschiedlichen Regularien schnell zu Handelshemmnissen.

  • Autoindustrie: Immerhin jedes fünfte in Deutschland produzierte Auto geht derzeit ins Vereinigte Königreich. Autos deutscher Konzernmarken haben auf der Insel einen Marktanteil von gut 50 Prozent.

    Nach einem EU-Austritt könnten Zollschranken zwischen Großbritannien und dem Festland deutsche Exporte verteuern. Davor warnt etwa Matthias Wissmann, Präsident des Branchenverbandes VDA. Auch durch das zunächst schwächere britische Pfund haben Daimler, Audi, BMW & Co. auf der Insel einen schwächeren Stand, weil dadurch in Deutschland produzierte Fahrzeuge in Großbritannien teurer werden.

    Laut dem Automobilwirtschaft-Experten Ferdinand Dudenhöffer dürften auf die Verwerfungen im britischen Finanzsektor zudem eine allgemeine Kaufzurückhaltung der Briten folgen, was auch den Absatz deutscher Autobauer schrumpfen lassen könnte.

    Dudenhöffer zufolge werden sowohl 2016 und 2017 in Großbritannien insgesamt deutlich weniger Autos verkauft. Waren es 2015 noch 2,63 Millionen verkaufte Neuwagen, sinkt diese Zahl laut seiner Prognose 2016 um rund sieben und 2017 sogar um fast 30 Prozent. Entsprechend ihrer bisherigen Verkaufszahlen auf der Insel dürften darunter auch deutsche Autobauer leiden.

    So verkaufte BMW in Großbritannien vergangenes Jahr 236.000 Autos und damit über zehn Prozent seines weltweiten Absatzes. Bei Audi waren dies neun, bei Mercedes acht, beim VW-Konzern sechs Prozent. Erst ab 2018 werde sich die Lage auf der Insel laut Dudenhöffer wieder fangen. Für 2020 rechnet der Experte damit, dass der britische Automarkt wieder sein früheres Niveau erreicht.

    Laut Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach dürfte der Brexit zudem solche Hersteller wie BMW stark treffen, die auf der Insel Werke mit hohen Kapazitäten haben. Großbritannien ist für den Autobauer das einzige Land, in dem alle drei Marken - BMW, Mini und Rolls-Royce - mit Werken vertreten sind. Laut Bratzel wird der Standort England im EU-Ausland zunehmend unattraktiver, weshalb der Experte "einen schleichenden Exit der Automobilindustrie von der Insel" erwartet.

  • ​​Maschinenbau: Die deutsche Schlüsselindustrie sorgt sich um einen ihrer wichtigsten Exportmärkte. "Die Entscheidung für den Austritt Großbritanniens aus der EU ist ein Alarmsignal für die Unternehmen", sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes VDMA. Bereits im ersten Quartal seien die Ausfuhren in den viertwichtigsten Auslandsmarkt der deutschen Maschinenbauer um vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Im vergangenen Jahr gingen Maschinen "Made in Germany" im Volumen von 7,2 Milliarden Euro nach Großbritannien.

  • Elektroindustrie: Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts sehen sich in dieser Branche mit 52 Prozent besonders viele Firmen von dem Brexit betroffen. Immerhin ist das Vereinigte Königreich der viertwichtigste Abnehmer für Elektroprodukte "Made in Germany" und der drittgrößte Investitionsstandort für die Unternehmen im Ausland.

    Dem Branchenverband ZVEI zufolge lieferten deutsche Hersteller im vergangenen Jahr Elektroprodukte im Wert von knapp zehn Milliarden Euro nach Großbritannien. Dies entspreche einem Anteil von 5,7 Prozent an den deutschen Elektroausfuhren.

  • Chemieindustrie: Auch diese Unternehmen befürchten einen Rückgang des Handels sowie rückläufige grenzüberschreitende Investitionen. Im vergangenen Jahr exportierte die Branche nach Angaben ihres Verbandes VCI Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro nach Großbritannien, vor allem Spezialchemikalien und Pharmazeutika. Das entspricht 7,3 Prozent ihrer Exporte. Weniger Wirtschaftswachstum in den EU-Staaten und ein schwächeres Exportgeschäft würden die Konsequenzen der britischen Entscheidung sein, sagt der Präsident des Branchenverbands VCI, Marijn Dekkers.

  • Finanzbranche: Die Banken gelten als die größten Brexit-Verlierer. Nach dem Bekanntwerden des Brexit-Votums büßten die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank jeweils über 13 Prozent ein. "Die Konsequenzen lassen sich noch nicht vollständig absehen. Sie werden aber für alle Seiten negativ sein", sagte Deutsch-Bank-Chef John Cryan.

    Finanzkreisen zufolge überlegt das Geldhaus, ganze Bereiche wie den Devisenhandel von London nach Frankfurt zu verlagern. Deutschlands größtes Geldhaus beschäftigt in London über 8000 Mitarbeiter, vor allem im Investmentbanking. Schon lange vor dem Brexit-Votum der Briten hatte Cryan davor gewarnt, dass die Kunden des Finanzinstituts Staatsanleihen von Euro-Zonen-Staaten nach einem EU-Austritt der Briten vermutlich nicht mehr in London handeln wollen.

    Hingegen sieht der Chef des deutschen Privatbanken-Verbandes, Hans-Walter Peters, den Brexit sowohl mit einem lachenden wie mit einem weinenden Auge. Durch Großbritanniens EU-Austritt dürften die Finanzplätze auf dem europäischen Festland ihm zufolge an Bedeutung gewinnen. Doch selbst wenn Frankfurt zu Lasten Londons Marktanteile gewinnen würde, "wäre mir ein politisch geeintes Europa mit dem Vereinigten Königreich weitaus lieber", so der Chef der Hamburger Privatbank Berenberg, die in den vergangenen Jahren stark in London expandiert hat.

    Vor allem für die Deutsche Börse war das Brexit-Votum eine echte Hiobsbotschaft. Sie will sich mit dem Londoner Konkurrenten LSE zusammenschließen. Trotz eines EU-Austritts der Briten wollen die beiden Konzerne an ihrem Fusionsplan festhalten. Da der rechtliche Sitz des Gemeinschaftsunternehmens aber London sein soll, wird das Vorhaben von der hessischen Börsenaufsicht zunehmend kritisch gesehen. Die Behörde könnte die Fusion blockieren. 

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