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Türkei-Wirtschaft: Die wackligen Säulen des Erdogan-Booms

Bedrohte türkische Wirtschaft  

Die wackligen Säulen des Erdogan-Booms

23.07.2016, 13:00 Uhr | David Böcking und Stefan Schultz, Spiegel Online

Türkei-Wirtschaft: Die wackligen Säulen des Erdogan-Booms. Der Hafen von Izmir in der Türkei. (Quelle: dpa)

Der Hafen von Izmir in der Türkei. (Quelle: dpa)

In den ersten Erdogan-Jahren lief die türkische Wirtschaft auf Hochtouren - vor allem wegen ausländischer Investitionen. Damit dürfte es nun vorbei sein.

Der Aufstieg von Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP ist eng mit dem türkischen Wirtschaftswunder verknüpft. Seit Erdogan 2003 zunächst Premierminister und dann Präsident wurde, wuchs die türkische Wirtschaft im Schnitt um 4,8 Prozent. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der EU stieg im selben Zeitraum um gerade einmal 1,2 Prozent.

Ihr Image als Macher-Partei trieb die AKP mit zahlreichen Großprojekten voran. Dazu gehörten der Marmaray-Bahntunnel unter dem Bosporus und der weltgrößte Flughafen, den Erdogan in Istanbul bauen lässt - gegen den Widerstand von Umweltschützern und Verwaltungsrichtern, die das Projekt nur kurzzeitig stoppen konnten. "Wir haben die Welt überholt, in der Luft kennen wir keine Konkurrenten", prahlte Verkehrsminister Lütfi Elvan kurz vor Baubeginn.

Doch welchen Anteil hatte die AKP abseits solch markiger Parolen wirklich am Boom? Und wie ist es nun, nach dem niedergeschmetterten Putsch, um die Zukunft der türkischen Wirtschaft bestellt?

Fakt ist: Erdogans Partei profitierte zunächst erheblich von Reformen, die noch unter der Vorgängerregierung - genauer: unter dem parteilosen Wirtschaftsminister Kemal Dervis - eingeleitet wurden. Sie waren die Reaktion auf eine schwere Finanzkrise, in deren Verlauf die Türkei vom Internationalen Währungsfonds ein 45 Milliarden Dollar schweres Hilfspaket beantragen musste. Dervis krempelte vor allem den Bankensektor des Landes um.

Aufstieg der anatolischen Tiger

Später stieg unter Erdogan dann aber tatsächlich eine neue Klasse von Unternehmern auf - die sogenannten anatolischen Tiger. Dabei handelt es sich um Mittelständler aus Städten wie Ankara oder Kayseri im Zentrum der Türkei. Ihre Besitzer gelten als gläubig, AKP-treu und leistungsorientiert und wurden deshalb auch als "islamische Calvinisten" bezeichnet.

In Kayseri werden vor allem Möbel, Haushaltswaren und Lebensmittel hergestellt. Insgesamt lebt die Türkei stark vom Tourismus, weitere Boombranchen sind der Bau- und Textiliensektor und die Produktion von Unterhaltungselektronik.

Unter Erdogan machten die anatolischen Tiger zunehmend traditionellen Unternehmensgruppen wie Koç Holding oder der Sabanci Holding Konkurrenz, die ihren Sitz seit Jahrzehnten in Istanbul haben. Die anatolischen Tiger expandierten besonders in Nahost und Nordafrika. Das passte gut zu Erdogans Ambition, für andere muslimische Länder ein Vorbild zu sein.

Als seine Partei 2011 zum dritten Mal die Parlamentswahlen gewann, sagte Erdogan vor jubelnden Anhängern: "Heute hat Sarajevo genauso gewonnen wie Istanbul, Beirut genauso wie Izmir, Damaskus genauso wie Ankara, Ramallah, Nablus, Dschenin, die Westbank, Jerusalem genauso wie Diyarbakir."

Kein nachhaltiger Boom

Der türkische Harvard-Ökonom Dani Rodrik bezweifelt jedoch schon länger, dass der türkische Boom tatsächlich Vorbildcharakter hat. Vielmehr habe die Türkei nach der Jahrtausendwende wie andere Schwellenländer von einem "ungewöhnlich günstigen Umfeld" profitiert, sagt er.

Durch die Globalisierung der Finanzströme sei viel günstiges ausländisches Kapital ins Land geflossen. Das habe in Wahrheit den Boom befördert. Tatsächlich wurde die Türkei von Investoren in einem Atemzug mit Ländern wie Mexiko oder Indonesien genannt. Dort vermuteten sie unter anderem wegen der jungen und aufstiegsorientierten Bevölkerung die nächsten Wirtschaftswunder.

Nach Berechnungen von Rodrik wuchs die Türkei jedoch deutlich geringer als vergleichbare Schwellenländer. Denn die strukturellen Probleme blieben trotz des Booms bestehen. Das Leistungsbilanzdefizit blieb hoch, weil das Land mehr importierte als exportierte. Der Rechtsstaat blieb schwach. Und ermutigt durch den leichteren Zugang zu Krediten verschuldeten sich türkische Unternehmen in hohem Maße.

"Unterm Strich hat die AKP-Regierung die Wirtschaftsstrategie in keiner Weise grundsätzlich geändert", resümiert Rodrik. Ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum konnte kaum entstehen.

Entsprechend düster sind nun die Aussichten für die Konjunktur. Wenn das Land seinen Rechtsstaat weiter demontiert und sich durch Maßnahmen wie Ausreisesperren für Akademiker zunehmend vom Ausland abkapselt, dann drohen auch die Investitionen weiter zurückzugehen - und mit ihnen das Wirtschaftswachstum. Damit ist letztlich auch Erdogans Macht bedroht.

Zusammengefasst: Der türkische Wirtschaftsboom hat Erdogans Karriere massiv befördert. Doch Hauptgrund für den Boom waren keine cleveren Strukturreformen, sondern eine Schwemme von billigem Kapital aus dem Ausland. Jetzt, da sich das Land abkapselt, könnte die Konjunktur einbrechen.

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