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Aufschwung in Deutschland: Eine endlose Party ohne Risiken?

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Wirtschafts-Boom  

Aufschwung in Deutschland: Eine endlose Party ohne Risiken?

12.01.2018, 13:10 Uhr | Jörn Bender, Friederike Marx, dpa

Aufschwung in Deutschland: Eine endlose Party ohne Risiken?. Wirtschaftsaufschwung: Einmütig prognostizieren Wirtschaftsforscher eine Fortsetzung des seit nunmehr acht Jahren anhaltenden Aufschwungs.  (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/Rawpixel)

Wirtschaftsaufschwung: Einmütig prognostizieren Wirtschaftsforscher eine Fortsetzung des seit nunmehr acht Jahren anhaltenden Aufschwungs. (Quelle: Rawpixel/Thinkstock by Getty-Images)

Die deutsche Wirtschaft wächst und wächst und wächst. Geht das jetzt ewig so weiter? Volkswirte gießen Wasser in den Wein.

Wirtschaftsaufschwung, Rekordbeschäftigung, Exportboom – es läuft in Deutschland. Mit 2,2 Prozent Wachstum legte die Wirtschaftsleistung im abgelaufenen Jahr so stark zu wie seit 2011 nicht mehr. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist mit rund 2,5 Millionen Arbeitslosen so gut wie nie seit der Wiedervereinigung. Deutschlands Exporteure steuern auf das vierte Rekordjahr in Folge zu. Und der Staat darf sich über einen Rekordüberschuss freuen.

Bundesregierung muss Chance für neue Strukturreformen nutzen

"Dieser Aufschwung ist kein Spurt, sondern ein Dauerlauf", stellte Dekabank-Chefökonom Ulrich Kater jüngst fest. Einmütig prognostizieren Wirtschaftsforscher eine Fortsetzung des seit nunmehr acht Jahren anhaltenden Aufschwungs 2018. Doch ausruhen, da sind sich die Experten ebenfalls einig, sollte sich Europas größte Volkswirtschaft auf dem Erfolg nicht.

"So gut es der deutschen Wirtschaft derzeit geht, viele Schwachstellen sind erkennbar. Nun muss es darum gehen, den volkswirtschaftlichen Glanz in die Zukunft zu tragen", sagt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Investitionen seien notwendig: in Straßen, Bildung, schnelles Internet. "Es ist an der Zeit anzupacken und sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen", mahnt Gitzel.

"2018 muss das Jahr der Taten werden. Die Startposition für eine neue Regierung könnte kaum besser sein", bekräftigt BDI-Chef Dieter Kempf. Die künftige Bundesregierung sollte die "Chance für neue Strukturreformen und Investitionen" nutzen, rät ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. "Andernfalls könnte Deutschland bald in den Rückspiegel schauen und erkennen, dass die jüngste starke Wachstumsphase nur das letzte Hurra war."

Weniger Nationalismus und keine Steuererhöhung

Die Forderungen, dreieinhalb Monate nach der Bundestagswahl endlich klare Verhältnisse zu schaffen, werden lauter. "Damit Deutschland auf den Weltmärkten weiterhin vorne dabei sein kann, muss angesichts von zunehmendem Wirtschaftsprotektionismus und Nationalismus die Hängepartie in Berlin bald ein Ende haben", mahnte jüngst der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Holger Bingmann.

"Immer mehr Länder suchen die Lösung für globale Herausforderungen in nationalen Rezepten und einem 'Mein Land zuerst'. Für eine internationale Volkswirtschaft wie die unsere, die auf Exporte wie Importe angewiesen ist, ist das brandgefährlich", warnte Bingmann.

Beispiel Steuern: Während US-Präsident Donald Trump der heimischen Wirtschaft zu Weihnachten ein Milliarden-Geschenk in Form massiver Steuersenkungen bescherte, fordert die deutsche Industrie bisher vergeblich Entlastung. "Wir brauchen vor allem weniger Bürokratie, einen größeren Freiraum für Unternehmen sowie mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur", fordert DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. "In keinem Fall jedoch Steuererhöhungen."

Mangel an qualifiziertem Personal bei hoher Stellenangebotszahl

Europas größte Volkswirtschaft sei "ein kostspieliges Land" – gleich, welchen Maßstab man anlege, analysiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Darunter leide das Image als Wirtschaftsstandort, in der EU sei Deutschland "nur noch Mittelmaß". So beklagten von der Weltbank regelmäßig befragte Unternehmer, Juristen und Wirtschaftsprüfer, die öffentliche Verwaltung hierzulande sei behäbiger geworden.

Zunehmend zu kämpfen hat das alternde Deutschland auch mit einem Mangel an qualifiziertem Personal. Zwar sind die Chancen für Arbeitslose, einen Job zu finden, derzeit so günstig wie lange nicht. Dennoch können freie Stellen oft über Monate nicht besetzt werden, weil Firmen keine geeigneten Bewerber finden.

Eine Analyse der Bundesagentur für Arbeit aus dem Juni offenbart in vielen Branchen einen eklatanten Fachkräftemangel. 156 Tage dauert es demnach im Schnitt, bis ein Handwerksbetrieb einen Heizungstechniker gefunden hat. Alten- und Pflegeheime benötigen gar 167 Tage, bis eine vakante Stelle wieder oder neu besetzt war. Über alle Berufe hinweg lag die Vakanzzeit 2017 bei 100 Tagen – 10 mehr als im Jahr 2016.

Hochkonjunktur droht zu überhitzen

"Dieser Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Denn die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften wird weiter hoch bleiben", erklärt Commerzbank-Ökonom Krämer. Sein Fazit: "In Deutschland herrscht Hochkonjunktur. Ein Beschäftigungsrekord jagt den nächsten. Aber unter dieser glänzenden Oberfläche erodiert die Wettbewerbsfähigkeit auf breiter Front."

Zudem wächst nach Einschätzung von Experten das Risiko, dass sich die weltweite Konjunktur auf Dauer überhitzen könnte – auch, weil wichtige Notenbanken nach der letzten Finanzkrise 2007/2008 Billionen billiges Geld in die Märkte gepumpt haben – und es wie die Europäische Zentralbank (EZB) weiterhin tun. Beobachter befürchten, dass sich Preisblasen an Aktien-, Anleihen- oder Immobilienmärkten bilden – sich also die Preise über ein gesundes Maß hinaus aufblähen. Das kann Volkswirtschaften in schwere Turbulenzen stürzen.

Noch jedoch geht die Party weiter, die beste Phase habe gerade begonnen, meint Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding. Er warnt zugleich: "Keine Party dauert ewig, nach der Feier droht der Kater."


Quellen und weitere Informationen:
- Nachrichtenagentur dpa
- Statistisches Bundesamt zu Bruttoinlandsprodukt
- Deutsches BIP preisbereinigt seit 2007
- Eurostat zu BIP im Euroraum
- Jahresgutachten Wirtschaftsweise
- Monatsberichte Bundesbank
- Ifo-Geschäftsklima
- DIW-Konjunkturprognose
- GfK zu Konsumklima
- Zeitreihe Leitzinsen der EZB
- EZB-Kaufprogramme
- Eurostat zu Inflation im Euroraum
- Statistisches Bundesamt zu Inflation

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