Aktienmärkte

Warum die Börsen plötzlich in den Keller rauschen

09.02.2018, 13:25 Uhr | Daniel Stelter, t-online.de

Sinkende Kurse, Börsencrash: Das müssen Sie wissen (Screenshot: Videoblocks)

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Niedrige Zinsen haben weltweit die Vermögen wachsen lassen. Die Aktienmärkte haben davon stark profitiert. Nun ist ein Ende des billigen Geldes in Sicht – und die Börsen spielen verrückt.

An den Börsen geht es in diesen Tagen bergab, in Europa, den USA und Asien gleichermaßen. Nachdem die Aktienindizes über Jahre stetig gestiegen sind, hat sich der Wind nun scheinbar abrupt gedreht. Der Grund für die rasche Trendwende liegt am gefährlichen Spiel der Börsianer. Immer mehr kaufen auf Kredit. Und wer auf Kredit kauft, kommt schnell unter Druck, sobald der Wind dreht.

NACHRICHTEN DES TAGES

Donald Trump: Viele Deutsche halten den US-Präsidenten für gefährlicher als den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un.

Agentur für Arbeit: Die Behörde meldet einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen

Alice Weidel: Die Co-Fraktionsvorsitzende der AfD will das Unternehmen Facebook zur Löschung eines beleidigenden Kommentars zwingen.

"Feindliches Gebiet": Ein Touristenführer der US-Armee wird von nordkoreanischen Soldaten beobachtet.

Otto Warmbier: 2016 wurde der US-Student in Nordkorea zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt.

Eine Frau sitzt auf der Couch ihrer Wohnung und arbeitet am Laptop: FDP und Union wollen mit der Flexibilisierung der Arbeitszeit die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie verbessern.

Spiel auf Kredit

Nehmen wir an, Sie könnten sich eine Aktie zu 100 Euro kaufen, die eine sichere Dividende von 10 Euro pro Jahr bezahlt. Setzen Sie für den Kauf nur eigenes Geld ein, erzielen Sie folglich eine Rendite von 10 Prozent. Attraktiver wäre es, sich 100 Euro von der Bank zu leihen und gleich zwei Aktien zu kaufen. Diese zwei Aktien kosten 200 Euro und bringen Ihnen 20 Euro Ertrag. Gibt die Bank sich mit fünf Prozent Zinsen zufrieden, geben Sie 5 Euro an die Bank ab und 15 Euro bleiben bei Ihnen. Macht 15 Prozent Rendite auf den 100 Euro Eigenkapital die sie eingesetzt haben.

In der Praxis dürfte die Bank noch großzügiger sein und sich mit nur 20 Prozent Eigenkapital zufrieden geben. Sie können sich also zu Ihren 100 Euro noch 400 Euro von der Bank leihen und fünf Aktien kaufen. Von den 50 Euro Dividende gingen dann 20 Euro an die Bank (5 Prozent auf 400) und Ihnen blieben 30 Euro! Eine Rendite von dreißig Prozent auf ihrem eingesetzten Kapital von 100 Euro. Nicht schlecht, oder?

Je mehr Leute das tun, desto stärker steigt die Aktie. Was sich solange rechnet, wie der Ertrag der Aktie über den Zinskosten liegt.

Ein sicheres Geschäft?

In den vergangenen 30 Jahren war das ein sicheres Geschäft. Die Zinsen sanken von über 10 Prozent auf heute Null und die Banken gaben sich mit immer weniger Eigenkapital zufrieden. Alle Vermögenspreise haben davon profitiert: Aktien, Anleihen, Immobilien, Kunst. Die Kreditvergabe der Banken zum Kauf von vorhandenen Vermögenswerten hat sich in diesem Zeitraum vervielfacht.

Dieser Effekt steht hinter den zunehmenden Vermögen weltweit. Die Reichen werden also vor allem deshalb „immer reicher“, weil mit immer höherem Einsatz an Kredit spekuliert wird. Dabei muss nicht einmal jeder mitmachen, da alle davon profitieren, wenn einzelne einen höheren Preis für Aktien oder Immobilien bezahlen. Sofort sind – auf dem Papier – alle reicher und man kann sich sogar auf dem höheren Wert erneut etwas von der Bank leihen. Die Preise steigen also weiter.

Der Absturz ist brutal

Das geht solange gut, wie der Ertrag, der neben der Ausschüttung vor allem die Wertsteigerung beinhaltet, über den Zinskosten liegt. Je länger das Spiel läuft, desto höher sind natürlich die Preise der Vermögenswerte und es wird immer schwerer, eine weitere Steigerung zu erzielen. Es war schon vor dem jüngsten Einbruch an den Börsen klar, dass für die nächsten 10 Jahre nur noch eine geringe Rendite mit Aktien zu erwarten war. Sie waren schon zu teuer.

Sobald die Zinsen – also die Kosten für die Spekulation – über den Wertzuwachs des auf Kredit gekauften Gutes steigen, kommt es zum scharfen Einbruch. Alle versuchen noch rechtzeitig zu verkaufen. Durch den Verkauf kommen die Vermögenspreise unter Druck und die, die auf Kredit gekauft haben, drohen Pleite zu machen. Schnell müssen sie der Bank ihr Geld zurückgeben, weil die Bank ja nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz (die Börsianer nennen es „Margin“) beleiht. Entweder müssen die Spekulanten eigenes Geld nachschießen, oder verkaufen.

Meist bleibt nichts anders als zu verkaufen. Damit bringen sie aber alle anderen die auf Kredit gekauft haben unter Druck. Auch diese bekommen einen Anruf der Bank, die um mehr Eigenmittel bittet (der berühmte „Margin-Call“) und so beschleunigt sich die Abwärtsbewegung an den Märkten weiter.

Zinsen könnten steigen

Mehrfach in den vergangenen Jahrzehnten wurde es brenzlig. Immer standen dahinter Zinsanstiege, die das Spiel der Investoren gefährdeten. Jedes Mal haben die Notenbanken mit einer Zinssenkung reagiert und das System gerettet. Nun jedoch nähern wir uns einem Punkt, an dem die Notenbanken nicht mehr weiter können. Zum einen sind die Zinsen schon auf einem Rekordtief. Zum anderen droht erstmals seit Jahrzehnten ein ernsthafter Anstieg der Inflation. Letztere bringt die Notenbanken in eine Zwickmühle. Wollen sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren, müssen sie auf die Inflation ernsthaft reagieren. Das bedeutet aber: steigende Zinsen.

Das steht hinter dem Einbruch an den Börsen. Sicherlich mag der Punkt kommen, an dem sich die Notenbanken aus Angst, die Turbulenzen an den Märkten könnten auch auf die Realwirtschaft durchschlagen, doch wieder zum Eingreifen entschließen. Darauf hoffen die Börsianer.

Wir sollten nicht darauf hoffen. Denn die Nebenwirkungen dieser Politik sind schon heute offensichtlich. Nicht nur die Finanzmärkte, die ganze Weltwirtschaft ist wie ein Junkie abhängig vom billigen Geld. Und wie jedem Junkie droht der Weltwirtschaft irgendwann der Entzug. Lieber früher als später.

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