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Konjunktur: Deutsche Wirtschaftsleistung sinkt erstmals seit 2015


Sorgen werden größer  

Konjunkturdelle oder Ende des Aufschwungs?

14.11.2018, 11:37 Uhr | Friederike Marx, dpa

Konjunktur: Deutsche Wirtschaftsleistung sinkt erstmals seit 2015. Bauarbeiter auf einer Baustelle an den Landungsbrücken im Hamburger Hafen (Quelle: imago images/Lars Berg)

Wirtschaft: Der deutsche Daueraufschwung scheint an Tempo zu verlieren. (Symbolbild) (Quelle: Lars Berg/imago images)

Lange hielt Europas größte Volkswirtschaft Kurs. Doch zuletzt häuften sich die enttäuschenden Konjunkturnachrichten. Im Sommer dürfte die deutsche Wirtschaft einen Schwächeanfall erlitten haben.

Die Autoindustrie und schwächelnde Exporte haben die deutsche Konjunktur im Sommer ausgebremst. Erstmals seit dreieinhalb Jahren schrumpfte die Wirtschaftsleistung wieder. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sank im dritten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung in Wiesbaden mitteilt.

Zum letzten Mal war die Wirtschaftsleistung im ersten Vierteljahr 2015 rückläufig. Damals war das BIP um 0,1 Prozent gesunken. Ökonomen gehen aber davon aus, dass sich der Aufschwung in Deutschland fortsetzt.

Autoindustrie Schuld am Einbruch

"Der Aufschwung wurde im dritten Quartal nur unterbrochen. Ursache war die WLTP-Problematik in der Kfz-Industrie", erklärt das Bundeswirtschaftsministerium. Hintergrund sind die Probleme wegen der Umstellung auf den neuen Abgas-Prüfstandard WLTP. Weil nicht alle Automodelle rechtzeitig eine Genehmigung für eine Neuzulassung hatten, mussten Hersteller die Produktion herunterfahren. "Die aufgrund fehlender Zulassungen gedrosselte Automobilproduktion wird in den kommenden Monaten aufgeholt, das Wachstum dann entsprechend größer sein", erläuterte Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

Die Probleme der Autobauer schlugen auch auf den Privatkonsum durch, der als Stütze der Konjunktur gilt. Die Verbraucher im In- und Ausland warteten mit ihren Autokäufen ab. Das drückte die Konsumausgaben gegenüber dem Vorquartal.

Handelskonflikt belastet Exportwirtschaft

Der Export fiel als Wachstumstreiber aus. Nach vorläufigen Berechnungen gab es im Sommer weniger Ausfuhren, aber mehr Importe als im zweiten Quartal des Jahres. Die Exportnation Deutschland leidet zunehmend unter den vor allem von den USA angeheizten Handelskonflikten. Auch ohne die Probleme in der Autoindustrie wäre die deutsche Wirtschaft wegen nachlassender Nachfrage aus China kaum noch gewachsen, erläuterte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Die Industrie reduziert ihre Exporterwartungen für das laufende Jahr. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) rechnet nun mit einem Wachstum der Ausfuhren von drei Prozent, zunächst war er von einem Plus von 3,5 Prozent für 2018 ausgegangen.

Mehr Ausgaben auf Seiten des Staates

Die Konsumausgaben des Staates, zu denen unter anderem soziale Sachleistungen und Gehälter der Mitarbeiter zählen, legten den Angaben zufolge leicht zu. Die Unternehmen investierten etwas mehr in Ausrüstungen, Bauten und sonstige Anlagen als im zweiten Quartal.

Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal preisbereinigt um 1,1 Prozent. Ökonomen rechnen mit einer Fortsetzung des Aufschwungs, das weitere Wirtschaftswachstum dürfte aber an Stärke verlieren. Volkswirte, internationale Organisationen sowie die Bundesregierung hatten zuletzt ihre Konjunkturprognosen gesenkt.

So rechnen beispielsweise die "Wirtschaftsweisen" inzwischen für dieses Jahr mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts von 1,6 Prozent und für 2019 von 1,5 Prozent. Etwas optimistischer ist die Bundesregierung. Sie ging zuletzt von einem Plus von jeweils 1,8 Prozent aus. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Wirtschaft noch um 2,2 Prozent zugelegt.

Die wichtigsten Fragen sind im Folgenden zusammengefasst.

Warum verliert die deutsche Wirtschaft auf einmal an Tempo?

Nach Einschätzung von Ökonomen hat unter anderem die für Deutschland so wichtige Autoindustrie die Konjunktur von Juli bis September ausgebremst. Grund ist der neue Abgas-Prüfstandard (WLTP) für Autos, der seit September in der EU gilt. "Deutsche Hersteller haben das neue Prüfverfahren nicht rechtzeitig für alle Fahrzeugtypen durchlaufen und mussten daher die Produktion im dritten Quartal drosseln", erläutert das Institut für Weltwirtschaft (IfW) jüngst.

Was belastet das Wirtschaftswachstum zusätzlich?

Auch ohne den Autoeffekt hätte sich die Konjunktur Volkswirten zufolge wohl abgeschwächt. Denn die Exportnation Deutschland leidet unter schwächerer Nachfrage nach Produkten "Made in Germany". Die vor allem von den USA angeheizten Handelskonflikte schlagen zunehmend durch. "Die Abkühlung der Exporte im dritten Quartal war fast greifbar", beschreibt der Präsident des Außenhandelsverbandes (BGA), Holger Bingmann, die Lage. Aus Sicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) drohen der Weltwirtschaft wegen der aggressiven Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump deutlich trübere Zeiten.

Droht Deutschland jetzt eine Rezession?

Nach gängiger Definition ist von einer Rezession die Rede, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge sinkt. Mit einem derartigen Einbruch rechnen Ökonomen bislang nicht. "Im vierten Quartal wird die deutsche Wirtschaft alleine schon deshalb wieder zulegen, weil die Autoproduzenten ihre Produktion allmählich wieder hochfahren dürften", argumentiert Commerzbank-Experte Ralph Solveen. Stefan Kooths, Leiter des IfW Prognosezentrums verweist unter anderem auf die nach wie vor gut gefüllten Auftragsbücher der Unternehmen. "Für das Schlussquartal rechnen wir daher mit einem deutlichen Wiederanziehen der Wirtschaftsleistung." Auch die "Wirtschaftsweisen" sehen keine "akute Gefahr" einer Rezession.

Was trägt die deutsche Wirtschaft?

Es ist vor allem der Konsum der Verbraucher, der die deutsche Wirtschaft am Laufen hält. "Die Stimmung der Konsumenten ist nicht zuletzt wegen des exzellenten Arbeitsmarktes und deutlicher Lohnzuwächse weiterhin auf sehr hohem Niveau", argumentieren Ökonomen der Deutschen Bank. "Offenbar unbeeindruckt von externen Risiken wie Handelskonflikt und Brexit sind die Konsumenten bereit, ihr Geld auszugeben", heißt es in der jüngsten Konsumklimastudie des Nürnberger Marktforschers GfK. Denn Sparen sei angesichts extrem niedriger Zinsen nach wie vor keine attraktive Alternative.

Was belastet die Aussichten für die deutsche Wirtschaft?

Sorgen bereiten die internationalen Handelskonflikte. Die Streitigkeiten den USA und China drücken bereits das Wachstum der wichtigen chinesischen Volkswirtschaft. Deutsche Exporteure, Autobauer und andere Investoren müssen sich auf magerere Zeiten im Reich der Mitte einstellen. China ist ein wichtiger Markt für Waren "Made in Germany". Hinzu kommen die Unwägbarkeiten des Brexits sowie die Schuldenpolitik des Eurolandes Italien, die zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen könnte.

Wie geht es weiter?

Das hohe Tempo des Boomjahres 2017 wird Europas größte Volkswirtschaft wohl nicht halten können. "Wirtschaftsweise" Wirtschaftsforschungsinstitute, internationale Organisationen sowie die Bundesregierung senkten zuletzt ihre Konjunkturprognosen für dieses und das kommende Jahr auf teilweise deutlich unter zwei Prozent. 2017 war die deutsche Wirtschaft noch kräftig um 2,2 Prozent gewachsen. "Die Sorgen werden größer", argumentiert der Hauptgeschäftsführer des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Martin Wansleben. Vor allem der Export büße an Schubkraft ein. "Unserer Einschätzung nach wird es weiterhin beim Aufschwung bleiben, aber mit vermindertem Wachstumstempo", sagte Christoph M. Schmidt, Chef des Beratergremiums der Bundesregierung jüngst. Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater weist zudem darauf hin, dass eine gewisse Abkühlung normal ist: "Nicht vergessen darf aber man auch, dass die Konjunktur ohnehin nach vielen kräftigen Jahren etwas an Fahrt verliert und dass die Notenbanken langsam auf die Bremse treten."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa


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