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Ist Christine Lagarde als EZB-Präsidentin die richtige Wahl?


Grande Dame der Finanzwelt  

Ist Christine Lagarde für die EZB-Spitze die richtige Wahl?

04.07.2019, 12:34 Uhr | mw, sm, t-online.de

Ist Christine Lagarde als EZB-Präsidentin die richtige Wahl?. Christine Lagarde: Sie soll Draghi-Nachfolgerin an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. (Quelle: AP/dpa/Markus Schreiber)

Christine Lagarde: Sie soll Draghi-Nachfolgerin an der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. (Quelle: Markus Schreiber/AP/dpa)

Es ist eine überraschende Wahl: Christine Lagarde soll neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank werden. Notenbankerfahrung hat sie keine, auch sind ihre Ansichten zur Geldpolitik kaum bekannt.

Christine Lagarde soll künftig als erste Frau die Europäische Zentralbank (EZB) führen. Für die Französin bedeutet dies eine Rückkehr nach Europa unter neuen Vorzeichen.

Die 63-Jährige gilt als Grande Dame der Finanzwelt. Seit 2011 ist sie – nach dem unrühmlichen Abgang ihres Landsmannes Dominique Strauss-Kahn – die erste Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit Sitz in Washington. Ihr Amt trat sie inmitten der Euro-Schuldenkrise an.

Gegenüber ihren potentiellen Vorgängern ist Lagarde voll des Lobes: "Für mich sind Sie, die Zentralbanker, die Helden der Krise." Anders als die drei bisherigen EZB-Präsidenten jedoch war die Juristin und frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin nie Chefin einer nationalen Notenbank. "Ich habe genug gesunden Menschenverstand, ich habe ein bisschen Wirtschaft studiert, aber ich bin keine supertolle Ökonomin", sagte Lagarde vor einigen Jahren dem "Guardian".

Wirtschaftsanwältin und "Arbeitstier"

In Griechenland weckt ihr Name einige Antipathien. Das pleitebedrohte Land wurde zwischen 2010 und 2018 mit milliardenschweren internationalen Krediten gestützt, an denen auch der IWF beteiligt war. Viele Menschen in dem Land warfen Lagarde allerdings vor, dafür zu strenge Auflagen und Bedingungen diktiert zu haben.

Bevor sie 2005 in die Politik ging, leitete die frühere Synchronschwimmerin eine der größten Kanzleien der Welt mit rund 4.000 Anwälten. Für den Job pendelte Lagarde zwischen Büros in Hongkong, Chicago und Paris. Ihre zwei Kinder sah sie oft nur am Wochenende. Die Ehe wurde geschieden.

In die Politik kam sie 2005 zunächst als beigeordnete Ministerin für Außenhandel. 2007 machte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy die gelernte Juristin und Amerikanistin zur Wirtschafts- und Finanzministerin. Lagarde galt dabei als gut vernetzte, geschickte Verhandlerin. Sie selbst bezeichnete sich einmal als "Arbeitstier".

Als Ministerin vor Gericht und Kritik an Trump

In der Vergangenheit musste sie sich allerdings auch mit unschönen Schlagzeilen herumschlagen. Ein Pariser Gericht urteilte 2016, dass sie in ihrer Zeit als französische Finanzministerin fahrlässig im Amt gehandelt habe. Der Gerichtshof der Republik sprach sie schuldig, verhängte aber keine Strafe. Lagarde habe eine Veruntreuung öffentlicher Gelder ermöglicht. Sie selbst hatte beteuert, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben.

In der jüngeren Vergangenheit äußerte sich Lagarde immer wieder zur Wirtschafts- und Finanzpolitik von US-Präsident Donald Trump. So zeigte sie sich im April besorgt über die Unabhängigkeit von Notenbanken. Trump hat sich in die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve eingemischt.

"Eindrucksvolle Politikerin"

Der Bundesverband deutscher Banken betont gegenüber t-online.de zur Nominierung Lagardes: "Mit Christine Lagarde ist eine eindrucksvolle Politikerin als neue Präsidentin der EZB vorgeschlagen worden. Sie kennt Europa und sie kennt die unterschiedlichen Ansprüche der Mitgliedsstaaten an die EZB. Zudem ist sie international sehr gut vernetzt", so eine Sprecherin des Bankenverbandes.

Clemens Fuest, Präsident des Münchener Ifo-Instituts hält Christine Lagarde ebenfalls für eine sehr gute Besetzung für die Position der EZB Präsidentschaft. "Sie ist sicherlich in der Lage die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren", so Fuest gegenüber t-online.de.

Lagarde habe außerdem "genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen", ergänzt Fuest. Vor allem in Deutschland werde es allerdings eine Debatte darüber geben, warum man sich gegen Bundesbankchef Jens Weidmann entscheide, obwohl mit ihm ein kompetenter Kandidat verfügbar sei. "Es wäre eigentlich naheliegend, dass nach den Niederlanden, Frankreich und Italien nun Deutschland den EZB-Präsidenten stellt."

Doch: Ihr Spielraum ist begrenzt

Lagarde, die für die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi nominiert worden war, hatten nur wenige Marktteilnehmer auf dem Zettel. Bislang gebe es nur wenige Signale, welche geldpolitische Linie Lagarde fahren würde, sagte Ökonom Carsten Brzeski von der Großbank ING.

Man würde Lagarde aber eher auf der Seite der ultralockeren Geldpolitiker sehen, sagten Strategen von Morgan Stanley. "Aber was vielleicht wichtiger ist als das was sie mitbringt: sie verhindert, dass eine für eine straffere Geldpolitik stehende Person wie Jens Weidmann an die Spitze der EZB gelangt", sagte Analyst Stephen Gallagher von Societe Generale. Somit werde es wohl keinen radikalen Kurswechsel nach dem Abgang von Mario Draghi geben.

Insgesamt wäre die Französin aus Sicht der Aktienmärkte eine gute Wahl, ergänzte Jochen Stanzl, Marktanalyst vom Handelshaus CMC Markets. "Sie wäre eine Notenbankpräsidentin, die man versteht. Sie kommt gut rüber und kann Dinge einfach erklären und hat es auch geschafft, dem IWF ein positiveres Image zu geben."

Christine Lagarde und Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin findet lobende Worte für die Französin. (Quelle: imago images/Sven Simon)Christine Lagarde und Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin findet lobende Worte für die Französin. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Lob von Kanzlerin Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält Lagarde als geeignete Kandidatin für den Posten der EZB-Präsidentin. An der Spitze des IWF habe die Französin "viel Erfahrung gesammelt", sagte Merkel. Dadurch habe sich die 63-Jährige nach "allgemeiner Meinung" der Staats- und Regierungschefs als EZB-Chefin qualifiziert.

EU-Ratspräsident Donald Tusk sagte, er sei absolut sicher, dass sie eine "sehr unabhängige" EZB-Präsidentin werde.

Die endgültige Entscheidung für die Amtsübernahme ab 1. November 2019 ist aber noch nicht gefallen. Die EU-Staats- und Regierungschefs müssen unter anderem noch mit dem Europaparlament beraten, bevor sie abschließend abstimmen.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa, Reuters

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