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ifo-Ökonom: Coronavirus kann Weltwirtschaft zum Erliegen bringen

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"Das Coronavirus kann die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen"

29.02.2020, 13:43 Uhr
ifo-Ökonom: Coronavirus kann Weltwirtschaft zum Erliegen bringen. Timo Wollmershäuser: Der Ökonom vom Münchner ifo-Institut plädiert wegen des Coronavirus für die Ausweitung des Kurzarbeitergelds. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)

Timo Wollmershäuser: Der Ökonom vom Münchner ifo-Institut plädiert wegen des Coronavirus für die Ausweitung des Kurzarbeitergelds. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Die Wirtschaft leidet zunehmend unter den Auswirkungen des Coronavirus. Im Interview mit t-online.de erläutert Ökonom Timo Wollmershäuser, warum es deshalb mehr Kurzarbeitergeld geben muss.

Das Coronavirus wird zur Gefahr für die globale Wirtschaft. Die Börsen befinden sich im freien Fall, die Produktionsausfälle in China bekommen inzwischen auch Unternehmen in Deutschland zu spüren. Der Internationale Währungsfonds (IWF) korrigierte jüngst schon seine Prognose für das weltweite Wirtschaftswachstum nach unten. Dass das Virus nun auch in Italien für Quarantänen sorgt, verschärft die Situation.


Ökonom Timo Wollmerhäuser, Leiter Konjunkturforschung am Münchner ifo-Institut, beobachtet die Konsequenzen des Coronavirus für die Weltwirtschaft genau. Im Gespräch mit t-online.de erklärt er, wann Firmenpleiten drohen, worauf sich Verbraucher einstellen müssen – und was die Bundesregierung jetzt tun sollte.

t-online.de: Herr Wollmershäuser, durch das Coronavirus sind die Börsen weltweit im Schockmodus. Stehen wir am Beginn einer neuen Weltwirtschaftskrise?

Timo Wollmershäuser: Das ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch schwer zu beurteilen. Fest steht: Die Börsen reagieren ähnlich stark wie bei der Weltfinanzkrise im Jahr 2008. Wir erleben eine sehr große Unsicherheit an den Finanzmärkten. Entscheidend ist die Frage: Wird es in weiteren Ländern Quarantänen geben, bei denen ganze Regionen abgeriegelt werden? Falls ja, werden wir wahrscheinlich große negative Auswirkungen auf die globale Produktion erleben – und damit auch auf die Weltwirtschaft. Auch die Nachfrage nach Gütern würde sinken. Lassen sich solche Isolationen vermeiden, sind die Konsequenzen wahrscheinlich geringer. Denn die derzeitige Höhe der Fallzahlen deutet nicht darauf hin, dass die Infektion mit dem Coronavirus an sich große Teile der Weltbevölkerung lahmlegen wird.

Warum sind Quarantänen so schlimm für die Weltwirtschaft?

Weil sie den Warenaustausch stark einschränken. Und weil die Menschen in den betroffenen Regionen nicht mehr zur Arbeit gehen, deutlich weniger konsumieren. Je länger die Isolationen andauern und je mehr Menschen von ihnen betroffen sind, desto stärker leidet die Wirtschaft darunter.

Was droht uns im allerschlimmsten Fall?

Im schlimmsten Fall tritt das Virus in vielen Ländern auf und lässt sich dort nur mit drastischen Maßnahmen, etwa Isolationen von Kranken, bekämpfen. Dann brechen die globalen Lieferketten zusammen, es kommt zu Produktionsausfällen, steigender Arbeitslosigkeit. Abhängig von der Reaktion der Börsen könnten die Finanzmärkte diese Entwicklung noch verstärken. Zwar sind wir von diesem Punkt aktuell noch entfernt. Dennoch: Das Coronavirus hat das Potenzial, die Weltwirtschaft zum Erliegen zu bringen.

Lässt sich schon in Zahlen ausdrücken, wie stark das Virus die globale Wirtschaft bis jetzt getroffen hat?

Nein, seriös geht das noch nicht. Klar ist: Wirtschaftlich werden wir weltweit ein sehr schwaches erstes Quartal erleben. In China könnte das Bruttoinlandsprodukt womöglich zum ersten Mal seit Jahrzehnten schrumpfen. Alles weitere kann man kaum prognostizieren – weil wir nicht vorhersehen können, wie sich das Virus weiter verbreitet.

Dass eine Krankheit so viel Einfluss auf die Wirtschaft hat, verwundert viele Menschen. Warum reagieren die Börsen überhaupt so empfindlich auf das Virus?

Wenn wir das nur wüssten … Verkürzt gesagt: Die Anleger haben Angst, weil sie ein großes Risiko für einen Zusammenbruch der Weltwirtschaft sehen. Sie sehen die Quarantänen in China, jetzt auch in Italien – und befürchten, dass es so etwas noch in vielen anderen Ländern gibt. Das heißt nicht, dass sie damit recht behalten werden. Aber die Anleger preisen dieses Risiko ein und verkaufen ihre Aktien deshalb. Hinzu kommt, dass die Kurse an den weltweiten Börsen zuletzt schon sehr hoch standen, viele ohnehin auf eine Korrektur nach unten gewartet haben.

Ein Problem ist auch, dass die Volkswirtschaften auf der ganzen Welt heute stark vernetzt sind. Zeigt uns das Coronavirus die Kehrseite der Globalisierung?

Ja, Epidemien wie das Coronavirus treffen die heutige globalisierte Welt stärker als früher. Und das gleich doppelt: Erstens können sich Viren in einer Welt, die enger zusammengerückt ist, in der viele Menschen von A nach B fliegen, schneller verbreiten. Viel schwerwiegender aber ist noch, dass die Wirtschaft, die weltweite Produktion stark vernetzt ist und so Abhängigkeiten in der Produktion entstanden sind.

Lässt sich die globale Wirtschaft gegen solche Krisen besser schützen – braucht es etwa geschützte, regionale Produktionsketten?

Für die meisten Güter gilt das ja weiterhin. Die Lebensmittelproduktion etwa ist sehr regional. Bis auf bestimmte chinesische Spezialitäten werden wir absehbar keine leeren Regale in den Supermärkten erleben. Auch müssen wir nicht damit rechnen, dass andere Konsumgüter knapp werden. Einen Bedarf an speziell geschützten, dezentralen Produktionen, ein Zurückdrehen der Globalisierung, sehe ich nicht.

Heißt das, dass die deutschen Verbraucher vom Coronavirus zunächst gar nichts spüren werden?

Nicht unbedingt. Das kommt auf das Krisenszenario an. Bleibt es dabei, dass es hierzulande keine Quarantänen gibt, spüren sie die Auswirkungen des Virus nur punktuell. Es ist etwa möglich, dass sich die Lieferung von Handys aus China verzögert. Oder dass Kleidung made in China nicht so schnell in den Läden hängt.

Wie sähe es im Falle von Quarantänen aus?

Wenn auch in Deutschland ganze Regionen abgeriegelt werden, wären die Auswirkungen viel größer: Die Menschen würden nicht mehr auf die Straße gehen, die Gastronomie würde stark leiden, der Tourismus auch. Vor allem aber stünden dann auch hierzulande Fabriken still, die engeren Lieferketten innerhalb von Deutschland würden stark gestört, Unternehmen müssten wahrscheinlich Insolvenz anmelden.

Davon sind wir zum Glück noch weit entfernt.

Das stimmt. Allerdings leiden einige Firmen in Deutschland auch jetzt schon unter dem Virus – weil ihnen Zulieferungen aus Ländern fehlen, in denen das Coronavirus für Produktionsausfälle sorgt.

Das heißt, es gibt bald die ersten Corona-Pleiten?

Das kommt darauf an, wie lange die Lieferengpässe andauern. Über zwei, drei Wochen halten viele Firmen einen Produktionsstopp noch aus. Alles, was darüber hinaus geht, wird schwierig. Es drohen zunächst Kurzarbeit, Entlassungen, mehr Arbeitslosigkeit, schlussendlich Firmenpleiten.

Bei der Lufthansa spüren die Mitarbeiter das schon jetzt. Wegen gestrichener Flüge nach China bietet ihnen die Airline unbezahlten Urlaubstage an. Welche Branchen trifft es als Nächstes?

Wahrscheinlich ist, dass bald auch Maschinenbauer Produktionsschwierigkeiten bekommen, weil ihnen Zulieferungen, speziell aus China, fehlen. Auch die Elektroindustrie und Textilhersteller können betroffen sein. Für die Autobauer ist die Situation in Fernost doppelt dramatisch: Auch sie sind auf Kabelstränge aus China angewiesen. Gleichzeitig setzen sie in China wegen des Virus viel weniger Autos ab, weil die Chinesen kaum Autos kaufen.

Viele Unternehmen rufen schon jetzt nach Hilfe von der Politik. Zurecht?

Es ist zumindest sehr verständlich. Auch ich denke: Die Bundesregierung sollte Unternehmen unter die Arme greifen, die wegen des Coronavirus Produktionsausfälle haben. Eine geeignete Maßnahme wäre eine Ausweitung des Kurzarbeitergeldes.

Braucht es das jetzt schon?

Nein, aber spätestens im April werden wir vermutlich erste Schwierigkeiten mit Zulieferungen in einzelnen Branchen zu spüren bekommen. Dann müssen wir darüber reden, ob der Staat das Kurzarbeitergeld auch zahlt, wenn die Auftragsbücher eigentlich voll sind. Sinnvoll wäre es.

Die Wirtschaft ankurbeln kann in der Regel auch die Europäische Zentralbank (EZB), indem sie Geld druckt und den Leitzins senkt. Diese Spielräume hat die EZB allerdings fast vollständig ausgereizt. Sollte die EZB nun doch Aktien kaufen, um die Märkte zu beruhigen?

Theoretisch möglich wäre das. Nicht umsonst war ein solcher Schritt schon im vergangenen Jahr, lange vor Corona, im Gespräch. Die japanische Zentralbank beschreitet diesen Weg bereits seit Jahren. Kurzfristig könnte das zwar für eine Entspannung an den Finanzmärkten sorgen. Ob die eine solche Maßnahme langfristig hilft, wage ich allerdings zu bezweifeln. Schließlich handelt es sich dabei quasi um Helikoptergeld für Firmen – von dem unklar ist, ob sie es auch nutzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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