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Nahrungsvorrat wegen Coronavirus: "Man fühlt sich wie in einem Katastrophenfilm"

Hamsterkäufe wegen Coronavirus  

"Man fühlt sich wie in einem Katastrophenfilm"

Von Tim Blumenstein, Mauritius Kloft

16.03.2020, 14:09 Uhr
Aufnahmen aus NRW und Berlin: Hamsterkäufe sorgen für leere Supermarktregale

Die Angst vor dem Coronavirus und möglichen Quarantäne-Anordnungen sorgt vielerorts für Hamsterkäufe und leere Supermarktregale. (Quelle: t-online.de)

Toilettenpapier oft ausverkauft: Hamsterkäufe sorgen für leere Regale – und sind laut Experten fehl am Platz. (Quelle: t-online.de)


Seit das Coronavirus auch hierzulande angekommen ist, kaufen viele Deutsche die Supermarktregale leer. Lieferengpässe gebe es keine, beteuert der Handel. Doch stimmt das wirklich?

Dienstag, 12.30 Uhr in einem Berliner Edeka-Markt. Die Mittagspausen-Rushhour hat begonnen. Eilig schlängeln sich Menschen durch die Gänge, auf den Kassenbändern: Fertigsalate, Sandwiches, Obst. Konserven und Klopapier? Fehlanzeige. Von Hamsterkäufen aus Angst vor Corona-Quarantänen, wie sie jüngst zu beobachten waren, ist auf den ersten Blick nichts zu sehen.

Im Video: Warum Hamsterkäufe fehl am Platz sind

Auf den zweiten Blick aber, weiter hinten im Markt, zeigen sie sich doch. Lücken im Nudelregal, leere Fächer, in denen sich eigentlich Haushaltspapier türmen müsste. Auch der Bestand an Dosenravioli ist dezimiert.

In einem Gang versperrt eine Palette den Weg. Frische Ware. Hastig räumt eine Mitarbeiterin des Markts Kartons in die Regale. Sie wirkt gestresst. Mit der Presse reden dürfe sie nicht, sagt sie, während sie mehrere Packungen italienische Pasta ins Regal schiebt. Zumindest fürs Erste sind jetzt wieder Nudeln da.

Ketten beteuern: Es gibt keine Lieferengpässe

Besonders haltbare Lebensmittel wie Konserven, aber auch Klopapier und andere Hygieneprodukte stehen bei den Hamsterkäufern derzeit hoch im Kurs. In den sozialen Netzwerken hatten in den vergangenen Tagen Hunderte Menschen Bilder von überquellenden Einkaufstüten gepostet. Viele äußerten Entsetzen, manche Empörung über die leeren Regale in den zahlreichen Supermärkten im ganzen Land.

Müssen wir uns wegen des Coronavirus Angst um die Versorgungslage machen? Kommt es zu Lieferengpässen, weil besorgte Verbraucher Vorräte anlegen? Müssen wir jetzt alle hamstern, weil scheinbar alle hamstern?

Vertraut man den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), lautet die Antwort auf all diese Fragen: nein. Für Hamsterkäufe gebe es keinen Grund. Auch sehe er keinen Anlass, davon auszugehen, dass Lebensmittel knapp würden. Der Handelsverband und die Supermarktbetreiber bestätigten das. Zwar habe es zuletzt einen Ansturm auf einzelne Märkte gegeben. Gleichzeitig aber gaben sie Entwarnung: Ob Aldi, Lidl oder Rewe – keine Kette rechnet derzeit mit Lieferengpässen

Ausverkaufte Produkte, leere Regale – so wie in diesem Berliner Markt sieht es in Supermärkten im ganzen Land aus.  (Quelle: t-online)Ausverkaufte Produkte, leere Regale – so wie in diesem Berliner Markt sieht es in Supermärkten im ganzen Land aus. (Quelle: t-online)

Einige scheinen diesen Worten zu glauben. Eine junge Frau etwa, die gerade an der Edeka-Kasse ihr Mittagessen gezahlt hat, findet Hamsterkäufe unsinnig. "Manche Leute verfallen ja schon regelrecht in Panik – man fühlt sich ja fast wie in einem Katastrophenfilm", sagt sie. Zwar halte auch sie es grundsätzlich für sinnvoll, vorsichtiger zu sein – man wisse schließlich nicht, wie weit sich das Virus in Deutschland noch ausbreitet. "Doch die Reaktion von vielen Leuten finde ich überzogen."

"Man hat ja gesehen, was in China los ist"

Das aber sehen nicht alle so. Ortswechsel, eine Penny-Filiale in Berlin-Lichtenberg. Auch hier haben die Hamsterkäufer ihre Spuren hinterlassen, zahlreiche Produkte wie Nudeln sind vergriffen, die Regale leer. Einen Anteil daran hat auch ein älteres Ehepaar, das den Markt gerade verlässt.

Ihr Einkaufswagen ist voll. Gemüse, Milchprodukte, Kaffee. Aber auch drei Packungen Klopapier, ein Dutzend Konserven und Nudeln haben sie noch ergattert. "Man hat schon ein ungutes Gefühl, seit das Virus auch in Berlin angekommen ist", erzählt die Frau. Am liebsten würde sie manchmal gar nicht mehr die Nachrichten einschalten.

Auch ihrem Ehemann bereitet das Coronavirus Unbehagen. Die Angst, sich anzustecken, sei größer geworden, sagt er. Deswegen wolle man für den Ernstfall gewappnet sein. "Man hat ja gesehen, was in China los ist. Da durften die Menschen gar nicht mehr auf die Straße."

Lieferdienste verzeichnen mehr Bestellungen

Profiteure dieser Corona-Panik sind Bringdienste und Lieferhändler für Lebensmittel. "Aktuell sehen wir Anzeichen von verstärkten Vorratskäufen bei unseren bestehenden Kunden", teilt der Tiefkühlprodukt-Lieferdienst Bofrost auf t-online.de-Anfrage mit. Besonders lasse sich das in Regionen beobachten, die von Infektionsfällen betroffen seien. "Gerade im Kreis Heinsberg merkt man den Corona-Effekt schon", heißt es seitens des Lieferdienstes. 

Dabei verzeichne Bofrost derzeit auch einen "hohen Anstieg neuer Kunden". "Das Ordervolumen im Onlinehandel hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt", teilte das Unternehmen mit. Alle Produkte seien dabei gleich stark nachgefragt, Ausreißer bei einzelnen Artikeln ließen sich – anders als in den Supermärkten – nicht erkennen.

Auch Bofrost beteuert, derzeit keine Lieferschwierigkeiten zu haben. Um auf einen etwaigen Engpass zu reagieren, falls Betriebe von Produzenten wegen Quarantänefällen geschlossen werden müssten, sei das Unternehmen aber im Gespräch mit seinen Lieferanten.


Karten- statt Bargeldzahlung aus Angst vor Ansteckung

Noch ließen sich die erhöhten Ordervolumen mit den bestehenden Fahrern bedienen. Damit diese aber nicht ausfallen, gelten seit Kurzem neue Regeln: Alle Fahrer seien angehalten worden, die Kunden nicht mehr mit Handschlag zu begrüßen. Außerdem seien in jedem Wagen Desinfektionsmittel vorhanden. "Wir wollen sowohl unsere Fahrer als auch die Kunden bestmöglich schützen", teilte das Unternehmen mit.

Derlei Vorsichtsmaßnahmen lassen sich dieser Tage auch in den Supermärkten beobachten. Gepaart mit Hygienetipps hängen etwa in mehreren Kaufland-Filialen Schilder, die Kunden zur Kartenzahlung auffordern – damit sich die Kassierer nicht über Bargeld mit Coronaviren anstecken.

Auch Desinfektionsmittel und andere Hygieneprodukte suchen Kunden vielerorts vergebens.  (Quelle: t-online)Auch Desinfektionsmittel und andere Hygieneprodukte suchen Kunden vielerorts vergebens. (Quelle: t-online)

Schon jetzt ist klar: Leidtragende der Hamsterkäufe sind vor allem die Supermarktmitarbeiter. Das zeigte sich am Dienstag auch in einem Berliner Rewe-Markt. Auch hier sind derzeit viele Mitarbeiter mit dem Nachfüllen der Regale beschäftigt, auch hier bedeutet der Ansturm auf Konserven, Nudeln und Co. vor allem Mehrarbeit für die Angestellten.

Viele von ihnen können deshalb die Aussagen von Verband und Marktbetreibern nicht gänzlich nachvollziehen. Nicht alles laufe derzeit rund, auch wenn die offiziellen Statements anders lauten, sagt eine Rewe-Mitarbeiterin mit Blick auf die Beschwichtigungen des Verbandes. "Es ist nicht immer so, wie es in den Medien suggeriert wird – der Handel muss erst mal nachkommen", sagt sie – und wendet sich gleich der nächsten Palette mit neuer Ware zu.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche 

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