Sie sind hier: Home > Finanzen > Corona-Krise >

Coronavirus: Ökonomen fordern drastische Schritte gegen Krise

"Wäre falsch, jetzt zu lasch vorzugehen"  

Ökonomen fordern drastische Schritte gegen Corona-Krise

11.03.2020, 16:53 Uhr
Coronavirus: Ökonomen fordern drastische Schritte gegen Krise. Ein Containerschiff aus China: Noch erreichen Deutschland die letzten Waren aus China, bald aber könnten die Lieferketten unterbrochen sein. (Quelle: Imago)

Ein Containerschiff aus China: Noch erreichen Deutschland die letzten Waren aus China, bald aber könnten die Lieferketten unterbrochen sein. (Quelle: Imago)

Tipps von Deutschlands führenden Ökonomen: Um die Wirtschaft zu stabilisieren, sollte die Regierung Steuern senken und neue Schulden machen. Notfalls müsse sich der Staat sogar an Firmen beteiligen – wie zuletzt bei der Finanzkrise 2008.

Das Coronavirus sorgt unter den sonst zum Teil zerstrittenen Wirtschaftsexperten für Geschlossenheit: Um die konjunkturellen Folgen der Corona-Krise einzudämmen, haben sich am Mittwoch sieben deutsche Topökonomen gemeinsam für deutlich schärfe wirtschaftspolitische Maßnahmen ausgesprochen.

Ihr Credo in Kürze: Lieber jetzt beherzt handeln, als später unter den langfristigen Folgen der Pandemie leiden.


Dafür sollte die Bundesregierung unter anderem die schwarze Null aufgeben, also wieder Schulden machen, für Steuererleichterungen sorgen und betroffenen Firmen mit Krediten – im Notfall sogar mit einem Rettungsfonds – unter die Arme greifen. Ein umfassendes Konjunkturpaket und Helikoptergeld lehnen die Experten dagegen ab.

"Es wäre falsch, jetzt zu lasch vorzugehen"

"Die Zahl der Infizierten in Deutschland nimmt exponentiell zu", warnte der Düsseldorfer Wirtschaftsprofessor Jens Südekum. "Neben den gesundheitlichen Folgen steigt damit auch das Risiko, dass das Virus die deutsche Wirtschaft hart trifft." 

Mit Blick auf die Diskussion über das Absagen von Großveranstaltungen sagte er: "Es wäre falsch, jetzt zu lasch vorzugehen. Denn dann verfestigt sich der exponentielle Verlauf und wir bekommen es später mit noch größeren ökonomischen Kosten zu tun."

Wie hoch diese Kosten ausfallen, ist dabei noch ungewiss. Klar sei aber, dass Deutschland als eng mit dem Rest der Welt verzahnte Industrienation die Auswirkungen eher stärker als schwächer spüren werde, wie Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, erklärte. "Wir werden im ersten Halbjahr mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rezession erleben", sagte er. "Blicken wir auf das gesamte Jahr, wird das Wachstum am Nullpunkt liegen."

Vereinte Expertise (v.l.): Sebastian Dullien, Peter Bofinger, Gabriel Felbermayr, Michael Hüther und Jens Südekum am Mittwoch bei der Präsentation ihrer Vorschläge zur Bekämpfung der Corona-Krise. (Quelle: dpa/Wolfgang Kumm)Vereinte Expertise (v.l.): Sebastian Dullien, Peter Bofinger, Gabriel Felbermayr, Michael Hüther und Jens Südekum am Mittwoch bei der Präsentation ihrer Vorschläge zur Bekämpfung der Corona-Krise. (Quelle: Wolfgang Kumm/dpa)

Allianz aus sieben bekannten Ökonomen

Gemeinsam mit ihren Kollegen, die üblicherweise sehr unterschiedliche Auffassungen von der Wirtschaftspolitik vertreten, haben Felbermayr und Südekum deshalb einen Maßnahmenkatalog entworfen, den die Regierung umsetzen sollte. Beteiligt daran waren neben den bereits Genannten Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie (IMK), der frühere Wirtschaftsweise Peter Bofinger sowie die ehemalige Wirtschaftsweise und jetzige Präsidentin des Center for European Policy Research, Beatrice Weder di Mauro.

"Die große Masse der Unternehmen gerät in eine Krise, für die sie nichts kann", sagte Ifo-Chef Clemens Fuest. "Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Politik jetzt schnell handelt." Ziel sei es, für positive Erwartungen bei den Unternehmen zu sorgen, sprich: für einen gelasseneren Blick auf die Zukunft. "Gelingt das nicht, geraten wir eine Abwärtsspirale", so Fuest.

Auch Bofinger sagte, es gehe um psychologische Effekte. Es müsse eine positivere Stimmung unter Verbrauchern und Unternehmen entstehen. Um das zu erreichen, schlagen die Ökonomen Folgendes vor:

  • Steuererleichterungen und Soli-Abschaffung
    Damit wollen die Wirtschaftswissenschaftler erreichen, dass die Bürger und Unternehmen mehr Geld in der Tasche haben, um so die Nachfrage nach Waren und letztlich die Wirtschaft selbst anzukurbeln. "Sinnvoll wäre etwa, die Einkommens- und Körperschaftssteuer temporär herabzusetzen", so Bofinger. Eine ähnliche Wirkung hätte die frühere Teilabschaffung des Solidaritätsbeitrages; dieser soll eigentlich erst ab 2021 entfallen. Was die jüngste Idee einer Mehrwertsteuersenkung angeht, sind die Ökonomen jedoch skeptisch. Ein Grund: die hohen Kosten. Denn ein Prozentpunkt weniger koste den Staat rund 12 Milliarden Euro pro Jahr, wie IMK-Direktor Dullien erklärte. "Auch ist unklar, ob die Unternehmen die geringere Umsatzsteuer überhaupt an die Kunden weitergeben", sagte er. "Zudem sollten wir gar kein Interesse daran haben, dass jetzt mehr Menschen ins Restaurant gehen – sie sollen sich schließlich keinem Infektionsrisiko aussetzen."
  • Finanzielle Hilfen für Firmen
    Um Firmen kurzfristig zu entlasten, plädieren die Wirtschaftsexperten dafür, die Zahlung der Unternehmenssteuer zeitlich nach hinten zu verschieben. Durch ein solches zinsloses Stunden der Steuern blieben die Unternehmen finanziell flüssig, das Risiko von Insolvenzen wegen möglicher Produktionsausfälle sinke. "Der Staat kann sich das leisten, es ist genug Geld da", sagte Bofinger. Einen positiven Effekt hätten außerdem die bereits von der großen Koalition angedachten staatlichen Kredite für Firmen, die unter dem Coronavirus leiden. Mit ihnen ließen sich kurzfristige Einnahmeausfälle ausgleichen. Als "Ultima Ratio" könne die Regierung auch einen Rettungsfonds für Unternehmen auflegen – und sich letztlich an Firmen beteiligen. So ähnlich hatte es die Bundesregierung bereits in der Finanzkrise 2009 für Banken getan.
  • Abkehr von der schwarzen Null
    Damit ist gemeint, dass die Bundesregierung ihr Mantra eines ausgeglichenen Haushalts ohne neue Schulden aufgeben soll. "Die schwarze Null ist in der Krise erst recht kein guter Ratgeber", sagte IW-Direktor Hüther. "Wer sich darauf zurückzieht, handelt nicht verantwortungsvoll." Zur Not müsse sich der Staat sogar von der gesetzlichen Schuldenbremse verabschieden, um die Wirtschaft finanziell zu unterstützen – aber nur für die Dauer der Krise.

Die Ideen der sieben Experten gehen zum Teil stark über die jüngst von der großen Koalition beschlossenen Maßnahmen hinaus. Die Bundesregierung hatte zuletzt vor allem für Erleichterungen beim Kurzarbeitergeld gesorgt, was die Ökonomen einhellig lobten. Dass von dem durch Union und SPD geplanten Investitionsprogramm eine größere Wirkung in der Bekämpfung der Corona-Krise ausgeht, glauben die Wissenschaftler hingegen nicht.

"Helikoptergeld bringt nichts"

Ebenso kritisch betrachten sie den Ruf nach sogenanntem Helikoptergeld. Gemeint ist damit eigentlich, dass die Zentralbank, im Falle der Eurozone die EZB, den Bürgern eigens gedrucktes Geld auf ihr Konto überweist. Oft ist allerdings auch davon die Rede, dass der Staat eine bestimmte Summe an all seine Bürger ausschüttet.

"Helikoptergeld bringt derzeit nichts. Wir haben keine Probleme auf der Nachfrage-, sondern auf der Angebotsseite", sagte IW-Direktor Hüther. Auch IMK-Direktor Dullien betonte: "Über Helikoptergeld können wir nachdenken, wenn es tatsächlich zu einer langfristigen Krise kommt."

Ob die Bundesregierung die Vorschläge der Ökonomen umsetzt, ist offen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte kurz nach der Präsentation der Vorschläge, dass die staatliche Förderbank KfW noch in dieser Woche Überbrückungskredite für angeschlagene Firmen bereitstellen werde. Zur Abkehr von der schwarzen Null sagte sie: "Wir tun das, was notwendig ist." Erst am Ende werde geschaut, was das für den Haushalt bedeute.

Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) arbeitet demnach weiter an geeigneten Mitteln zur Unterstützung der Wirtschaft. Am 24. März will er Berichten zufolge mit Vertretern der Bundesbank sowie Wirtschaftswissenschaftlern über das Coronavirus und seine Konjunktur-Auswirkungen beraten, darunter auch Felbermayr und Fuest. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Empfehlungen der sieben Ökonomen: "Wirtschaftliche Implikationen der Corona-Krise und wirtschaftspolitische Maßnahmen"
  • Nachrichtenagenturen Reuters, AFP und dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Liebe Leserinnen und Leser,

Leider können wir Ihnen nicht zu  allen Artikeln einen Kommentarbereich zur Verfügung stellen. Mehr dazu erfahren Sie in der Stellungnahme der Chefredaktion.

Eine Übersicht der aktuellen Leserdebatten finden Sie hier.

Gerne können Sie auch auf Facebook und Twitter zu unseren Artikeln diskutieren.

Ihr Community-Team

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail

Ulla Popkentchibo.deOTTOmyToysbonprix.deLIDLBabistadouglas.deXXXLutz

shopping-portal