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Nach Grenzsperre: Finanzielle Engpässe und Transportwege bei Unternehmen

Coronavirus  

Grenzsperre zu Polen sorgt für Geldprobleme und weniger Kunden

Von Christopher Braemer

16.03.2020, 15:40 Uhr
Nach Grenzsperre: Finanzielle Engpässe und Transportwege bei Unternehmen. Polnische Streife an der Oder: Seit der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gilt die Sperre der deutsch-polnischen Grenze.  (Quelle: imago images/Stockimage)

Polnische Streife an der Oder: Seit der Nacht von Sonnabend auf Sonntag gilt die Sperre der deutsch-polnischen Grenze. (Quelle: Stockimage/imago images)

Die Schließung der Grenze zu Polen hat starke Auswirkungen auf Brandenburgs Wirtschaft. Viele Unternehmen sind verunsichert und fürchten um ihre polnischen Mitarbeiter.

Polen war offen, jetzt ist es dicht: An der Stadtbrücke im brandenburgischen Frankfurt (Oder) kontrollieren am Montag Polizeibeamte mit Atemschutzmasken. Seit der Nacht von Samstag auf Sonntag ist die deutsch-polnische Grenze geschlossen – zum ersten Mal seit zwölf Jahren.

Wie auch an der Grenze zu Frankreich, Dänemark, Tschechien, Österreich und der Schweiz ist hier wegen des Coronavirus kein Durchkommen mehr. Nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel im Falle von Pendlern, dürfen Menschen die Grenze noch passieren.

Schon am Samstag bildeten sich deshalb auf der Stadtbrücke Frankfurt (Oder) lange Autoschlangen. Hunderte Touristen aus Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt fuhren am letzten Tag vor der Grenzschließung eng gedrängt in den polnischen Grenzort Slubice, um sich günstig mit Zigaretten, Benzin und Lebensmitteln einzudecken. Ein Pkw-Fahrer aus dem 20 Kilometer entfernten Eisenhüttenstadt hatte sogar zwei Kanister auf der Rückbank, um von den gefallenen Spritpreisen zu profitieren.

Viele Unternehmen leiden unter Grenzschließung

Zwei Tage später, am Montag, ist von all dem nichts mehr zu sehen, die Straße zur Brücke leer. Es ist zu spüren: Für die Bürger der beiden Städte Frankfurt (Oder) und Slubice hat die Grenzschließung Folgen. Denn die Bürger der "Doppelstadt" leben und arbeiten auf beiden Seiten der Oder, der Gang über die Brücke ist für viele Alltag.

Auch viele Unternehmen in den Grenzorten operieren in beiden Ländern. Welche Konsequenzen hat die Grenzschließung für sie? Und was bedeutet das für polnische Bürger, die in Deutschland arbeiten? 

Akute finanzielle Engpässe

Nach Angaben der Brandenburger Wirtschaftsförderung (WFBB) sind die Auswirkungen des Coronavirus und die Schließung der deutsch-polnischen Grenze schon jetzt deutlich spürbar. Viele Unternehmen fürchten, in finanzielle Schieflage zu geraten. "Bei uns gibt es rege Nachfragen, viele Brandenburger Firmen haben infolge des Coronavirus akute finanzielle Engpässe", sagte WFBB-Sprecher Alexander Gallrein t-online.de.

Seit vergangenem Donnerstag können sich deshalb kleine und mittelständische Firmen melden, um Liquiditätshilfen und Kurzarbeitergeld bei der Landesregierung zu beantragen. Das WFBB arbeitet daran, alle Anträge möglichst schnell zu bearbeiten. "Wir versuchen alles, um für die Zukunft vorzusorgen", so Gallrein. Wie viel Zeit die Unternehmen überbrücken müssen, bis sie die Hilfen erhalten, sei unklar. 

Die wichtigste Frage, die viele Firmen umtreibt sei, was sie mit ihren Mitarbeitern machen sollen. Eine Weiterbezahlung aufgrund der zurückgegangen Auftragslage sei schwierig – eigentlich müssten sie betriebsbedingte Kündigungen vornehmen.

"Es kommt auf Schnelligkeit an"

Doch die meisten Chefs wollen das Personal in Zeiten von Fachkräftemangel weiter beschäftigen. Durch die Schließung der deutsch-polnischen Grenze sei wahrscheinlich, dass sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlimmert, heißt es von der WFBB.

Das Land Brandenburg wird die Liquiditätshilfen des Bundes deshalb mit eigenen Mitteln ergänzen, heißt es. Dabei sollen weitere Branchen, die bisher von Hilfen ausgeschlossen und stark von den Folgen des Coronavirus betroffen sind, in die Förderung miteingeschlossen werden.

Doch reicht das aus? Nachfrage bei der Industrie- und Handelskammer Cottbus, die Antwort fällt deutlich aus: Ja, Geld sei wichtig. Noch wichtiger aber sei, dass es zügig ankommt. "Es kommt auf Schnelligkeit an, darauf den Unternehmen Hilfen unbürokratisch zu Verfügung zu stellen", so eine Sprecherin.

Vor allem Gesundheitswesen und Logistik betroffen

Besonders betroffen von der Grenzschließung sind demnach Firmen im Gesundheitswesen sowie Pflegedienste, aber auch Logistikunternehmen. Zudem drohten Reinigungs- und Industrieservice-Firmen sowie die Hotellerie und die Gastronomie unter der geschlossenen Grenze zu leiden. Hier sind besonders viele polnische Arbeitnehmer angestellt.

Maik Bethke, stellvertretender Chef der IHK Cottbus, ist darum alarmiert. "Die Unternehmen und betroffenen Mitarbeiter sind auf Grund der Grenzschließung der polnischen Seite sehr verunsichert, da momentan niemand genau sagen kann, ob für sie der tägliche Grenzübergang reibungslos verlaufen wird", sagte er t-online.de. "Daher muss grundsätzlich eine praktikable Lösung für den Grenzverkehr her."

Es brauche ein abgestimmtes Verfahren zwischen den Grenzregionen und den Ländern Deutschland, Polen und Tschechien, damit der Hin- und Rückverkehr von Waren und Arbeitnehmern weiterhin gewährleistet bleibe.

Umsatzrückgänge im zweistelligen Bereich

Die Folgen der Corona-Krise und der Grenzschließungen sind vielseitig. Materiallieferungen von etablierten Lieferanten bleiben aus, Bestellungen werden geringer oder gänzlich storniert, zudem fallen Teile der Belegschaft aus, heißt es seitens der IHK Cottbus. "Wir erwarten, dass die Transportwege teurer oder sogar komplett eingestellt werden", so eine Sprecherin. Außerdem stünden Dienstleister gar nicht oder nur noch eingeschränkt zur Verfügung. 

Laut aktueller Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK unter mehr als 10.000 Betrieben aus allen Regionen und Branchen rechnet jedes zweite Unternehmen in Deutschland mit einem Umsatzrückgang infolge der Corona-Situation für dieses Jahr. Mehr als ein Viertel der Betriebe erwartet sogar Umsatzeinbrüche von mehr als zehn Prozent.

Überdurchschnittlich stark betroffen sind Messebetriebe, die Reisewirtschaft und das Gastgewerbe. In diesen Branchen rechnen 70 Prozent der befragten Unternehmen rechnen hier mir Umsatzrückgängen im zweistelligen Bereich.

Nicht alle wissen um Sonderregelungen für Pendler

Ein Grund für diese Entwicklung in Brandenburg: Nicht alle Unternehmen wissen, dass es für Pendler eigentlich Ausnahmen gibt. So berichtete Landeswirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) jüngst von einem brandenburgischen Logistiker, der seinen polnischen Mitarbeitern die Heimreise verwehrte. Die Angst, dass seine Arbeiter nicht aus Polen zurückkehrten, sei zu groß. 

Auch im Klinikum Frankfurt (Oder) mit zirka 1.500 Mitarbeitern arbeiten zahlreiche polnische Pflegekräfte, die täglich die Grenze passieren. Noch laufe der Betrieb hier zwar normal, sagte Pressesprecherin Katja Brandt t-online.de. Ob es bleibt, könne sie kaum vorhersehen. 

"Es gibt einen Notfallplan für alle Eventualitäten", sagt die Sprecherin des Klinikums. Das Krankenhaus stehe im Austausch mit Behörden, eine Hygieneärztin wurde beauftragt. "Wichtig ist, dass wir arbeitsfähig bleiben und und dass wir professionell und schnell reagieren", so Brandt. 

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • DIHK

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