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Corona-Krise: Die drei Lehren aus dem Gutachten der "Wirtschaftsweisen"

Wirtschaftskrise  

Die drei Lehren aus dem Corona-Gutachten der "Wirtschaftsweisen"

30.03.2020, 19:46 Uhr
Corona-Krise: Die drei Lehren aus dem Gutachten der "Wirtschaftsweisen". Chef der Wirtschaftsweisen: Der Ökonom Lars Feld ist derzeit Vorsitzender des Sachverständigenrates. (Quelle: imago images)

Chef der Wirtschaftsweisen: Der Ökonom Lars Feld ist derzeit Vorsitzender des Sachverständigenrates. (Quelle: imago images)

Was sie sagen, findet Gehör: In einem speziellen Gutachten haben sich die Wirtschaftsexperten der Bundesregierung mit der Corona-Krise und ihren Auswirkungen befasst. Das sind die drei Lehren daraus.

Wie außergewöhnlich die Zeiten sind, verrät bereits der Titel des 111 Seiten umfassenden Papiers: In einem "Sondergutachten" beleuchten die drei "Wirtschaftsweisen" der Bundesregierung die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die deutsche Wirtschaft.

Selbstverständlich sind – nomen est omen – derlei umfassende Einschätzungen zu aktuellen Anlässen nicht. Normalerweise bringt der "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" lediglich im November sein Jahresgutachten heraus. Aufgrund der immensen wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise aber sahen sich die Ökonomen Lars Feld, Volker Wieland und Achim Truger nun abseits des regelmäßigen Turnus in der Pflicht zur Einordnung.

Die fünf "Wirtschaftsweisen"
Der Begriff bezeichnet ein Gremium, das eigentlich den Namen "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung" trägt und die Bundesregierung in volkswirtschaftlichen Fragen berät. Mitglied in dem Gremium sind fünf Ökonomen, die der Bundespräsident auf Vorschlag der Bundesregierung auf fünf Jahre benennt. Aktuell hat das Gremium mit Lars Feld (Vorsitzender, Universität Freiburg), Achim Truger (Universität Duisburg-Essen) und Volker Wieland (Universität Frankfurt) nur drei Mitglieder, zwei Positionen sind vakant.

Ihre Worte haben Gewicht. Mehr noch als die Studien und Prognosen der großen Forschungseinrichtungen wie dem Münchner Ifo-Institut oder dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin dienen die Zahlen und Empfehlungen der "Wirtschaftsweisen" als wichtige Grundlage für die Wirtschaftspolitik in Deutschland.

Umso entscheidender ist es, zu verstehen, was die Lehren des Gutachtens sind. Im Wesentlichen sind es die folgenden drei:

1. Der Abschwung kommt

Wer es bislang nicht wahrhaben wollte, hat spätestens jetzt die Gewissheit: Ein wirtschaftlicher Abschwung, genannt Rezession, ist in diesem Jahr wegen der Corona-Krise unvermeidbar. Nachdem sich die Wirtschaftsforschungsinstitute in den vergangenen Tagen und Wochen mit eigenen Schätzungen verschiedener Szenarien überschlugen, bestätigen diese Einschätzung nun – höchst offiziell – die Sachverständigen.

Auch sie gehen von drei verschiedenen möglichen Szenarien aus. Das derzeit wahrscheinlichste ist dabei zugleich das glimpflichste: Dauern die Ausgangsbeschränkungen nur noch wenige Wochen an, schrumpft die deutsche Wirtschaft dem Gremium zufolge in diesem Jahr um nur 2,8 Prozent. Im kommenden Jahr wäre dann ein Wachstum von 3,8 Prozent möglich. Braucht es längere Beschränkungen, um der Eindämmung des Coronavirus Herr zu werden, könnte die Wirtschaft dieses Jahr sogar um bis zu 5,4 Prozent schrumpfen.

  • Das heißt: Die deutsche Wirtschaft, wir alle müssen uns auf harte Zeiten einstellen. Je nachdem, wie stark der Einbruch des Bruttoinlandsproduktes tatsächlich ausfällt, müssen wir uns nicht nur auf Kurzarbeit, geringere Einkommen, weniger Wohlstand, sondern womöglich sogar auf steigende Arbeitslosenzahlen gefasst machen.

    Klar ist zudem auch: Die Krise macht uns alle ärmer. Das Geld, das der Staat jetzt zum Abfedern der wirtschaftlichen Folgen ausgibt, wird später mit großer Wahrscheinlichkeit an anderer Stelle fehlen – zum Beispiel bei Investitionen in die Infrastruktur, bei der Sanierung von Straßen und Brücken. Dennoch gibt es auch Grund zur Hoffnung: Denn alle Szenarien der Wirtschaftsweisen zeigen, dass auf den aktuellen Rückgang der Wirtschaftsleistung eine, mehr oder weniger schnelle, Aufholjagd folgt. Dauerhaft getroffen ist die Wirtschaftskraft Deutschlands und der Welt nicht.

2. Erst Gesundheit ermöglicht neues Wachstum

Einig sind sich die Wirtschaftsweisen auch darin, was jetzt Priorität hat. Im aktuellen Stadium der Krise gehe es primär nicht um die kurzfristige Rettung des Wirtschaftswachstums, sondern um den Schutz der Gesundheit der Menschen. Einerseits ist das natürlich ein Selbstzweck. Andererseits machen die Ökonomen um ihren Vorsitzenden Feld klar, dass auch die deutsche Wirtschaft nur dann wieder wachsen kann, wenn sich "das soziale und wirtschaftliche Leben normalisiert". Deshalb unterstützen sie den aktuellen Kurs der Politik, der sich vor allem an den Einschätzungen der Virologen und Epidemologen ausrichtet und auf ein Eindämmen der Virus-Ausbreitung abzielt.

  • Das heißt: Für eine Debatte um eine so genannte Exit-Strategie ist es zu früh. Wer schon jetzt nach einer Lockerung der Maßnahmen ruft und das mit den ökonomischen Kosten begründet, hat nur bedingt recht. Natürlich sind die Auswirkungen der aktuellen Ausgangsbeschränkungen, des Kontaktverbots, der Ladenschließungen enorm – besonders für die Branchen, deren Umsätze ein für alle mal perdu sind, etwa die Gastronomie.

    Dennoch gilt: Gesundheit geht vor. Fürs Erste darf eine Rückkehr zur Normalität nicht davon abhängen, wie schlecht es den Unternehmen geht. Vielmehr braucht es gezielte Hilfen, um die Wirtschaft unter Einsatz von viel Geld in ein künstliches Koma zu versetzen, aus dem sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufwachen kann.


3. Es braucht klare Ansagen – auch aus Brüssel

Gleichzeitig, so geben es die drei Wirtschaftsweisen zu bedenken, braucht es einen verlässlichen Plan, eine "Normalisierungsstrategie", die aufzeigt, wie es ab einem bestimmten Tag X weitergehen könnte. Auch wenn sich dieser exakte Zeitpunkt für eine Lockerung der Einschränkungen derzeit nicht benennen lässt – Unternehmenschefs und Selbstständige benötigen ein gewisses Maß an Planungssicherheit. Um die Verunsicherung zu reduzieren, sollte die Politik, nicht zuletzt auf europäischer Ebene, zudem das klare Signal senden, dass sie bei Bedarf noch mehr Geld locker macht, um die Auswirkungen der Corona-Krise einzudämmen.

Zwar sind sich die Wirtschaftsweisen uneins, ob so genannte Corona-Bonds, also gemeinsame Staatsanleihen aller Länder in der Eurozone, dafür ein geeignetes Mittel sein können. Grundsätzlich aber befürworten die Ökonomen eine europäische Lösung. Eine könnte sein, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in Verbindung mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), den die Euro-Staaten im Rahmen der Finanz- und Schuldenkrise als Euro-Rettungsschirm erfunden haben, gezielt Anleihen besonders notleidender Staaten kauft. 

  • Das heißt: Die Krise können wir nur gemeinsam bewältigen, im Kleinen wie im Großen. Wie im alltäglichen Umgang mit Angehörigen und Freunden gilt auch mit Blick nach Brüssel, dass es jetzt auf Solidarität ankommt. Und darauf, sich zu ihr laut und deutlich zu bekennen.

    Der wichtigste Grund dafür: Steht Deutschland nicht an der Seite der anderen Staaten, steigt das Risiko einer neuerlichen Staats- und Finanzkrise – etwa weil Spekulanten an den Finanzmärkten auf den Kollaps von finanziell instabilen Staaten wie Italien wetten könnten. Das wichtigste Instrument für ein Gegensteuern liegt parat: Die Institution ESM, bei der sich finanziell notleidende Euro-Staaten Geld leihen können, ist einsatzbereit, sodass es gemeinschaftliche Staatsanleihen zunächst gar nicht braucht.
Verwendete Quellen:
  • Video-Pressekonferenz des Sachverständigenrates
  • Sondergutachten des Sachverständigenrates

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