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Corona: Wie ein kleines Unternehmen in der Krise um die Existenz kämpft

Keine Bankkredite  

Wie ein kleines Unternehmen in der Krise um die Existenz kämpft

13.04.2020, 13:54 Uhr
Corona: Wie ein kleines Unternehmen in der Krise um die Existenz kämpft. Start-up-Gründer Rejne Rittel: "Wir müssen uns jetzt so lang wie möglich strecken." (Quelle: t-online.de/privat)

Start-up-Gründer Rejne Rittel: "Wir müssen uns jetzt so lang wie möglich strecken." (Quelle: privat/t-online.de)

Das Coronavirus legt viele Betriebe lahm, große Konzerne wie die Lufthansa oder Daimler haben mit massiven Problemen zu kämpfen. Doch auch junge Unternehmen stehen vor der Insolvenz – wie das Start-up Wildcorn.

Ein Dienstagvormittag, Anfang April: Rejne Rittel spaziert durch einen Wald in Brandenburg, als er ans Telefon geht. Im Hintergrund zwitschern Vögel. "Moment", sagt er. Es knackt in der Leitung. "Ich muss ein paar Meter weitergehen, der Empfang ist schlecht."

Solche Probleme hat der 42-Jährige normalerweise nicht. Doch was ist schon normal in diesen Tagen? Eigentlich, sagt Rittel, würde er um diese Zeit in einem Berliner Büro nahe eines Spreekanals sitzen. An Spaziergänge wäre nicht zu denken, von früh bis spät würde er sich um seine Firma kümmern – das Start-up Wildcorn, das Chips und Popcorn in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen verkauft.

Rittel atmet tief durch. Er genieße die Ruhe im Wald, sagt er. Die vergangenen Wochen seien sehr stressig gewesen, deutlich stressiger als sonst. "An Schlaf war kaum zu denken", sagt er. Denn sein Start-up, das er gemeinsam mit einem Geschäftspartner führt, kämpft in der Corona-Krise seit mehreren Wochen ums nackte Überleben.

Ende des Jahres wollte Start-up profitabel werden

Abzusehen war das nicht. Seit der Gründung im Jahr 2016 wuchs das Unternehmen rasant. Die veganen und vegetarischen Bio-Snacks, mit denen es Rittel und seine Kollegen "besser als die alt eingesessene Konkurrenz" machen wollen, gibt es schon in vielen deutschen Supermärkten und Discountern zu kaufen.

Ende des Jahres sollte das Start-up profitabel werden, den so genannten "Breakeven-Point" erreichen. Damit ist bei neu gegründeten Firmen der Einzug in die Gewinnzone gemeint, der Zeitpunkt, an dem ein Unternehmen nach Jahren mit vielen Startinvestitionen dauerhaft schwarze Zahlen schreibt.

Selbst bekannte Start-ups wie Zalando schaffen das erst nach sechs Jahren – viele andere scheitern vorher, weil es kein Geld mehr von Investoren gibt. Gemessen daran ist Wildcorn eine starke Erfolgsstory made in Germany.

Bis jetzt. Bis das Coronavirus voll einschlug. "Rückblickend waren meine Sorgen bei der Unternehmensgründung nichts gegen die Corona-Krise jetzt", sagt Rittel. Damals habe er sich das meiste Geld bei seiner Familie geliehen und Angst gehabt, dass er es nicht zurückzahlen könne. Das ist ihm schließlich schneller gelungen als angenommen.

Gründer sind von Investorengeldern abhängig

Nun aber befindet sich Wildcorn – wie so viele Unternehmen – in der schwerwiegendsten Krise seiner noch jungen Geschichte: Die Produktion steht still, der Absatz ist eingebrochen, es fehlt an Geld.

Rittel ist mit solchen Sorgen nicht allein. Eine Umfrage des Bundesverbands Deutsche Start-ups zeigt: Mehr als 70 Prozent der deutschen Start-ups fürchten um ihre Existenz. Die negativen Auswirkungen der Corona-Krise auf die Start-up-Landschaft bestätigte auch eine Studie der Beratungsfirma EY. "2019 dürfte vorerst das letzte Rekordjahr für das europäische Start-up-Ökosystem gewesen sein", so EY-Chef Hubert Barth. Die Pandemie werde zu deutlich weniger Investitionen und massiven Umsatzausfällen führen.

Seine Warnung: Trockne der Finanzierungsmarkt für Gründer aus, könnte das den Technologiestandort Deutschland um Jahre zurückwerfen. Die Branche stünde vor einer "existenziellen Herausforderung".

Start-ups müssen in Krise Kosten stark reduzieren

Gründer und ihre Mini-Firmen sind stark vom Geld ihrer Investoren abhängig. Oft müssen Start-ups in mehreren Finanzierungsrunden Geld von so genannten "Business Angels" einsammeln – häufig sind es Millionen Euro. Mit diesem Geld können sie dann eine Zeit lang wirtschaften, ihr Geschäft aufbauen, Personal einstellen und neue Absatzmärkte erschließen. Anders als bei Bankkrediten müssen sie das Geld später nicht zurückzahlen – die Kapitalgeber wollen später allerdings an den etwaigen Gewinnen beteiligt werden.

Uwe Horstmann, Chef von Project A Ventures und Mitglied im Präsidium des Bundesverbands Deutsche Startups. (Quelle: t-online.de/Privat)Uwe Horstmann, Chef von Project A Ventures und Mitglied im Präsidium des Bundesverbands Deutsche Startups. (Quelle: Privat/t-online.de)

Das Vertrackte: In der Corona-Krise sind auch viele Investoren verunsichert. Da auch sie nicht wissen, wie heftig die wirtschaftlichen Auswirkungen werden, halten sie sich mit Investitionen in Start-ups zurück. "Die Start-ups haben auf zwei Ebenen Herausforderungen zu bewältigen", sagt auch Uwe Horstmann. Er ist Mitglied im Präsidium des Bundesverbands Deutsche Start-ups und selbst Chef des Unternehmens Project A Ventures, das zahlreiche Gründer finanziert.

"Wie bei etablierten Firmen fallen auch bei Start-ups Umsätze und Kunden weg", sagt Horstmann. Das gilt auch für Lebensmittel-Start-ups wie Wildcorn. Hinzu komme, dass Start-ups vor einer weiteren, speziellen Herausforderung stünden: "Sie gehen grundsätzlich von einer optimistischen Zukunft aus."

Es liege in der Natur der Sache, dass Start-ups lange defizitär seien und selten große Geldreserven hätten, so Horstmann. "Selbst Start-ups, deren Geschäft stabil weiter läuft, bekommen zu spüren, wenn Investitionen wegbrechen." Deshalb müssten sie in einer Krise stark zurückfahren – und die Kosten herunterschrauben.

Wildcorn-Gründer: "Wir müssen uns jetzt so lang wie möglich strecken"

So erlebt es derzeit auch Rittel mit seiner Firma Wildcorn. "Selbst in guten Zeiten sind Start-ups Hochrisikogeschäfte", sagt er. Deshalb führe Wildcorn jetzt einen Kampf um die eigene Existenz. "Wir müssen uns jetzt so lang wie möglich strecken", sagt er. Mit ihrem Vermieter hätten sie sich schon geeinigt und die Mieten für das Berliner Büro gestundet.

Die acht festen Mitarbeiter – darunter auch Rittel und sein Partner – sind in Kurzarbeit, Werksverträge der Studenten mussten sie aussetzen. "Das tut mir alles sehr leid", so der Firmenchef. "Im Moment gibt es aber nun mal keine Arbeit."

Das wiederum liegt daran, dass die Lieferketten zusammengebrochen sind. Die meisten Bestandteile der Verpackung der Wildcorn-Chips etwa kämen aus Asien. Die Produktion sitzt in Belgien, Tschechien und Italien. "Das können wir auch nicht einfach ändern." Groß Lagerbestände gebe es nicht, weil vieles nicht besonders lange haltbar sei. "Wir produzieren praktisch direkt in den Lkw", sagt Rittel.

Finanzierungsrunde wurde gestoppt

Doch nicht nur die Produktion ist zum Erliegen gekommen. Auch die Nachfrage habe nachgelassen. "Niemand interessiert sich im Moment für neue innovative Snacks", sagt der Gründer. Im Mai sollte eine neue Marke auf den Markt gebracht werden, neue Chips, neue Geschmackssorten.

Wildcorn-Gründer Rejne Rittel: "Niemand interessiert sich im Moment für neue innovative Snacks." (Quelle: t-online.de/Privat)Wildcorn-Gründer Rejne Rittel: "Niemand interessiert sich im Moment für neue innovative Snacks." (Quelle: Privat/t-online.de)

Das verschiebt sich jetzt auf unbestimmte Zeit, denn eine Finanzierungsrunde sei gestoppt worden. "Alles ist auf just-in-time optimiert, selbst Geld. Das rächt sich jetzt." Es ging um rund drei Millionen Euro. Rittel hofft, dass es im September wieder voll losgeht.

Uwe Horstmann vom Start-up-Verband ergänzt: "Viele Investoren reagieren in solch einer Krise erst einmal nicht rational." Schließlich bleibe eine innovative Idee auch nach der Corona-Krise ein gutes Investment. "Bildlich gesprochen führt die Straße in die richtige Richtung, es gibt aber ein paar Schlaglöcher", so Horstmann. "Deutsche Kapitalgeber sollten ihre Gelder deshalb jetzt nicht abziehen."

Gefahr feindlicher Übernahmen steigt

Fehlende Nähe, erschwerte Kommunikation seien keine Ausreden. Schließlich könnten Investoren auch gut über Video-Telefonie mit Gründern, die gute Ideen haben, sprechen. "Wir haben in der Corona-Krise eine Finanzierungsrunde in Millionenhöhe abgeschlossen – ohne dass wir uns persönlich begegnet sind", sagt er. "Das funktioniert, man braucht aber eben auch ein größeres Vertrauen."

Wie wichtig es ist, dass Kapitalgeber ihr Geld nicht abziehen, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Schon vor der Corona-Krise beklagten viele Start-ups, dass ab einem gewissen Niveau fast ausschließlich Investoren aus dem Nicht-EU-Ausland zur Finanzierung bereit sind. 

Das Problem: Je mehr Geld die Investoren bereitstellen, desto größer ist ihr Einfluss in den Unternehmen. Nicht selten verfügen sie gar eine Verlegung des Firmensitzes – zum Beispiel in die USA. Deutschland entgehen so nicht nur Steuereinnahmen, auch Arbeitsplätze gehen verloren.

Junge Firmen bekommen kaum Kredite

Diese Gefahr ist laut Horstmann jetzt noch einmal gewachsen. "Es kann selbstverständlich zu Abwanderungen kommen." Investoren aus Ländern außerhalb der EU würden jetzt verstärkt bei deutschen Start-ups einsteigen, sagt er. Das sei besonders schlimm, weil dann nicht nur Innovationen, sondern auch die Rendite abwandern könnte.

Um das zu verhindern und angeschlagenen Start-up-Unternehmen schnellstmöglich zu helfen, fordert Horstmann deshalb Hilfen von der Politik. Der Grund: "Start-ups bekommen naturgemäß keine Bankkredite."

Im Bundeswirtschaftsministerium ist man sich der Problematik nach eigenen Angaben bewusst. Der Bund plant derzeit bereits einen so genannten "Matching-Fonds". Bei diesem investieren sowohl private als auch staatliche Akteure in ein Start-up.

Investoren müssen schnell Klarheit bekommen

"Wir arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung der einzelnen Maßnahmen des Start-up-Pakets", teilt eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) auf t-online.de-Anfrage mit. "Dazu befinden wir uns in Abstimmungen mit dem Bundesfinanzministerium und dem Bundeskanzleramt."

Zudem soll es einen Zukunftsfonds geben, der Start-ups mittelfristig aus der Krise helfen solle. "Wichtig ist, dass die Investoren schnell Klarheit bekommen", so Horstmann. Er geht davon aus, dass 2021 viele Start-ups wieder auf Kurs sein könnten.

Auch Rittel sagt: "Ich bin zuversichtlich, dass wir es schaffen: Unser Team, unsere Investoren und auch unsere Geschäftspartner packen alle mit an." Er selbst könne der Corona-Krise auch Positives abgewinnen. "In solch einer Krise sind wir als Geschäftsführer mehr als nur Arbeitgeber", sagt Rittel. "Und die nächsten Wochen werden zeigen, wer durch den Sturm führen kann." Daran werde er auch persönlich wachsen – hofft er.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Rejne Rittel
  • Gespräch mit Uwe Horstmann
  • Bundeswirtschaftsministerium
  • Report "Start-ups in der Corona-Krise"
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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