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Reaktion auf Corona-Regeln: "Konsumlaune der Deutschen wird nicht steigen"

Reaktion von Ökonomen  

"Die Konsumlaune der Deutschen wird nicht sprunghaft steigen"

15.04.2020, 21:53 Uhr
Reaktion auf Corona-Regeln: "Konsumlaune der Deutschen wird nicht steigen". Ehemaliger "Wirtschaftsweiser": Der Ökonom Peter Bofinger ist Professor an der Universität Würzburg. (Quelle: imago images)

Ehemaliger "Wirtschaftsweiser": Der Ökonom Peter Bofinger ist Professor an der Universität Würzburg. (Quelle: imago images)

Neben Virologen kommt Wirtschaftsexperten in der Corona-Krise eine entscheidende Rolle zu. Was sagen sie zu den beschlossenen Lockerungen? t-online.de hat mit mehreren gesprochen.

Die Beschlüsse zur Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen haben unter Deutschlands führenden Ökonomen und Wirtschaftsexperten ein geteiltes Echo hervorgerufen. Während einige die nun vorgestellten Schritte begrüßten, reagierten andere verhalten.

Dem früheren "Wirtschaftsweisen" der Bundesregierung, Peter Bofinger, zufolge gingen die Lockerungen zwar in die "richtige Richtung". Gleichzeitig sagte er im Gespräch mit t-online.de, dass die Wirtschaft noch lange brauche, um sich zu erholen. "Die Corona-Krise ist im Mai nicht einfach vorbei", sagte er am Mittwochabend.

Daran ändere auch nichts, dass nun viele Läden wieder aufschließen könnten. "Die Konsumlaune der Deutschen wird nicht sprunghaft steigen", sagte Bofinger t-online.de. "Viele Menschen sind weiter stark verunsichert. Auch wenn die Geschäfte nun teilweise wieder öffnen dürfen, ist es deshalb unwahrscheinlich, dass sie viele Verbraucher Einkäufe nachholen.“

Mittelstand brauche staatliche Zuschüsse

Problematisch bleibe die Krise vor allem für den Mittelstand. Er leide weiter unter einer Lücke in den Hilfspaketen der Bundesregierung. Der Grund: Die Unternehmen bekommen zwar im großen Umfang Kredite, so genannte Liquiditätshilfen, um Umsatzausfälle auszugleichen.

Allerdings entstünden für sie dadurch große Schuldenberge, die sie später kaum abtragen könnten. Bofinger: "Gerade mittelständischen Unternehmen sollte der Staat deshalb mehr Eigenkapital und nicht nur Liquiditätshilfen bereitstellen. Sie brauchen quasi Entschädigungen."

Grundsätzlich plädiert der Volkswirt dafür, nun an verschiedenen Orten zu "testen", welche konkreten Maßnahmen in der Bekämpfung des Coronavirus Erfolg versprechen – und welche dauerhaft gelockert werden könnten. "Um zu lernen, wie wir die Infiziertenzahlen langfristig in den Griff bekommen, braucht es nun ein regional unterschiedliches Vorgehen", sagte Bofinger.

"Das absolute Mindestmaß des Notwendigen"

Auch der Direktor des arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, äußerte sich skeptisch zu den jüngst beschlossenen Schritten. Die Lockerungen hält er maximal für ausreichend. "Es ist absolute Mindestmaß des Notwendigen" sagte Hüther t-online.de.

Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. (Quelle: imago images)Michael Hüther ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. (Quelle: imago images)

Irritiert zeigte er sich besonders mit Blick auf die Regelungen für den Handel – und die Entscheidung, dass die Gastronomie nur in Teilen wieder öffnen darf. "Im Einzelhandel treffen wir oft auf Geschäftsmodelle mit kurzer Kapitaldecke und geringen Margen", so Hüther. "Hier geht es um existentielle Fragen. Das gilt aber auch für Gastronomie und Hotels, wo kein Ende in Sicht ist."

Mit Blick auf die vergangenen Wochen bemängelte er, dass Bund und Länder zu zögerlich agiert hätten. "Es ist bedauerlich, dass die vergangenen Wochen seit Verhängen des Lockdowns nicht genutzt wurden, den Ausstieg systematisch vorzubereiten", sagte Hüther.

Ausbau der Testkapazitäten zu langsam

Testkapazitäten hätten noch schneller ausgebaut, neue Schutzkleidung zügiger beschafft werden müssen. "Wenn wir nicht schneller werden, dann wird der Lockdown unweigerlich zur großen Depression – mit gravierenden sozialen, psychischen und gesundheitlichen Folgen."

Noch sei dennoch möglich, dass sich die Wirtschaft im Rahmen eines V-Szenarios erhole. Das aber, so der IW-Direktor, hänge maßgeblich von der internationalen Zusammenarbeit der Staaten ab. "Die liegt leider brach", so Hüther.

Weil alle Länder zu unterschiedlichen Zeitpunkten verschiedene Maßnahmen im Ausstieg aus dem Lockdown ergriffen, werde die Erholung "zäh sein und uns weitere wirtschaftspolitische Maßnahmen abverlangen".

Politik habe "Rückgrat" bewiesen

Im Kontrast zu Hüther und Bofinger äußerte sich dagegen der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Er kommentierte den Ausgang der Videoschalte von Kanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder wohlwollender.

Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. (Quelle: imago images)Marcel Fratzscher leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. (Quelle: imago images)

"Die Politik beweist damit Rückgrat und Standhaftigkeit, indem sie den immer lauter werdenden Forderungen nach baldigen und möglichst weitgehenden Lockerungen widersteht und nicht anderen Ländern mit deutlich schnelleren Ausstiegstrategien folgt", sagte Fratzscher.

Es sei richtig, dass die Politik Daten und Fakten und weniger Gefühlen und Forderungen folge. Klar sei, dass auch der Wirtschaft ein zu schneller Ausstieg nicht diene, wenn es zu einer zweiten Welle von Ansteckungen kommt und dann weitere Maßnahmen notwendig würden.

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Peter Bofinger
  • Gespräch mit Michael Hüther
  • Pressemitteilung DIW
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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