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Luftfahrtexperte erklärt Szenarien: Wird Condor nach Polen-Absage zerschlagen?

Luftfahrtexperte erklärt Szenarien  

Wird Condor nach der Polen-Absage zerschlagen?

16.04.2020, 19:53 Uhr
Luftfahrtexperte erklärt Szenarien: Wird Condor nach Polen-Absage zerschlagen?. Ein Condor-Flieger beim Start: Die Airline könnte Experten zufolge zerschlagen werden. (Quelle: imago images)

Ein Condor-Flieger beim Start: Die Airline könnte Experten zufolge zerschlagen werden. (Quelle: imago images)

Eigentlich sollte die Muttergesellschaft der polnischen Airline Lot den Ferienflieger Condor kaufen. Dann aber platzte der Deal. Für die Fluggesellschaft wird es jetzt eng.

Erst knallten die Sektkorken, dann kam der Kater: Der Mutterkonzern der polnischen Fluggesellschaft Lot, PGL, wird doch nicht den deutschen Ferienflieger Condor übernehmen. Am Ostermontag hatte PGL die bereits fest vereinbarte Übernahme abgesagt – ohne Angabe von Gründen.

Für Condor ist der geplatzte Deal ein großes Problem. Denn bis Freitag muss die Fluggesellschaft den Staatskredit über 380 Millionen Euro nebst Zinsen zurückzahlen und das Schutzschirmverfahren verlassen. In diesem sollte die Airline saniert werden, nachdem ihre Mutter, Thomas Cook, insolvent ging und sie deshalb selbst in Schwierigkeiten geriet.

Bei der Rückzahlung des Kredites hatte der Konzern fest auf das Geld der Polen gesetzt und deshalb keine Verlängerung der Staatshilfe beantragt. Umso größer sind jetzt die Herausforderungen bei Condor, wie auch Luftfahrtexperte Cord Schellenberg feststellt. "Die PGL hat die Braut nach dem Standesamt verlassen", sagte er t-online.de. Ohne einen neuen Käufer werde Condor seine Kredite kaum bedienen können.

Condor könnte in viele Teile zerschlagen werden

Die Airline selbst gibt sich kämpferisch. Zumindest noch. "Wir prüfen, wie wir unsere Ansprüche aus den unterschriebenen Kaufverträgen geltend machen werden", sagte eine Condor-Sprecherin auf t-online.de-Anfrage.

Doch wie erfolgsversprechend ist das? Schellenberg ist skeptisch – zumal nun die polnische Regierung die deutschen Verhandlungspartner für das Scheitern der Übernahme verantwortlich macht.

Schatzminister Jacek Sasin sagte dem privaten Rundfunksender RMF am Donnerstag, Polen werde für den Rückzieher aus dem Vertrag keine Entschädigung zahlen, wie es Condor gefordert hatte. Der Grund: Condor habe sich nicht an die vereinbarten Vertragskonditionen gehalten. Eine Condor-Sprecherin wies die Vorwürfe zurück: "Condor hat die Vertragsbedingungen für die Übernahme durch PGL erfüllt."

Luftfahrtexperte Cord Schellenberg (Quelle: t-online/Privat)Luftfahrtexperte Cord Schellenberg (Quelle: Privat/t-online)

Wie es mit Condor nun weitergeht, ist ungewiss. Es gehe nicht nur um die Rückzahlung des Kredites, so Experte Schellenberg. Viel problematischer sei, dass nun erneut die Zukunft des gesamten Konzerns auf dem Spiel stehe.

"Es ist möglich, dass Condor nicht als Einheit erhalten werden kann", sagte Schellenberg – und meint damit: Eine Zerschlagung des Konzern wird immer wahrscheinlicher.

Für Condor-Chef Ralf Teckentrup war das bis zuletzt keine Option. Im Herbst noch hatte er beteuert, den Konzern bloß nicht in Teilen verkaufen zu wollen, sondern als Ganzes. "Diese Möglichkeit wird aufgrund der jetzigen Situation weniger realistisch", so Schellenberg weiter.

Easyjet und Ryanair könnten Teile übernehmen

Der Grund: Viele Airlines sind momentan extrem angeschlagen. Wegen des Coronavirus stehen die meisten Flugzeuge am Boden, viele Reisen wurden storniert. In solch einer Situation werde sich kein Investor finden, der einen Konzern im Ganzen übernimmt – auch keinen, der bisher ordentlich gewirtschaftet hat. "Bislang stand Condor gut da", sagte Schellenberg. "Das hat sich mit der Krise aber geändert, wie bei allen Fluggesellschaften weltweit."

Der Luftfahrtexperte hofft, dass es keine "Rosinenpickerei" gebe. Gemeint ist damit, dass Condor in viele kleine Teile aufgespalten werde.

Stattdessen sei auch möglich, dass die Kurz- und Mittelstrecken von Billigairlines wie Ryanair oder Easyjet übernommen werden könnten. Die Lufthansa könnte dann die Langstreckensparte des Ferienfliegers oder Teile dieser Sparte übernehmen. 

"Lufthansa freut sich, wenn es einen Mitbewerber weniger gibt"

Die größte deutsche Fluggesellschaft habe in den vergangenen Jahren viel beim Ferienfliegen experimentiert, so Schellenberg. Mit Condor könnte der Konzern ein Konzept übernehmen, das bislang gut funktioniert hätte. "Außerdem freut sich die Lufthansa natürlich, wenn es einen Mitbewerber weniger gibt."

Condor habe in jedem Fall die schwächere Verhandlungsposition. Und das, obwohl es der Lufthansa derzeit selbst alles andere als gut geht. Zuletzt war bekannt geworden, dass der Konzern rund eine Million Euro verliere – und das pro Stunde.

Eine Konzern-Sprecherin sagte in dem Zuge auf t-online.de-Anfrage: "Wie lange wir das durchstehen, kommt ganz darauf an, wann der Betrieb wieder anlaufen kann." Einen Zeitpunkt zu nennen, sei unmöglich. "Möglich, dass es noch bis in den Sommer geht."Ein Condor-Flugzeug am Frankfurter Flughafen: Die Airline könnte nach der Absage von PGL zerschlagen werden. (Quelle: imago images/onemorepicture)Ein Condor-Flugzeug am Frankfurter Flughafen: Die Airline könnte nach der Absage von PGL zerschlagen werden. (Quelle: onemorepicture/imago images)

Auch Luftfahrtexperte Schellenberg rechnet nicht damit, dass eine mögliche Übernahme vollzogen werde, ehe die Lufthansa wieder auf Kurs sei. Von der Lufthansa heißt es auf t-online.de-Anfrage, man wolle solche Gerüchte nicht kommentieren. Auch Condor will sich an Spekulationen nicht beteiligen.

Die Lufthansa könnte der Staat retten

So unsicher die Zukunft von Condor ist, so sicher gilt derweil die der Lufthansa. Laut Schellenberg führt kaum ein Weg daran vorbei, dass sich der Staat an dem Konzern beteiligt. "Nach der Krise braucht Deutschland einen stabilen Flieger, der viele Ziele bedient", sagte er. Das sei nur möglich, wenn der Staat bei der Lufthansa einsteige. Die Lufthansa sei bereits in Gesprächen mit dem Staat, heißt es von dem Unternehmen.

Und Condor? Käme auch hier eine staatliche Beteiligung infrage? "Das wäre eine Überraschung", sagt Schellenberg. "Schließlich braucht Deutschland keinen staatlichen Ferienflieger."

Übergangsweise, bis es einen oder mehrere neue Käufer gibt, geht er deshalb von einer staatlichen Treuhänderstruktur aus. Im Auftrag der Bundesregierung übernähme dann ein Treuhänder die Geschäfte der Fluggesellschaft, ohne jedoch Eigentümer zu werden.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Cord Schellenberg
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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