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Historischer Preissturz: Was ein negativer Preis beim US-Öl bedeutet

Historischer Preissturz  

Was ein negativer Preis beim US-Öl bedeutet

20.04.2020, 22:35 Uhr
Historischer Preissturz: Was ein negativer Preis beim US-Öl bedeutet. Eine Öl-Fracking-Förderanlage in Texas: Der Preis für US-Rohöl ist am Montag ins Negative gestürzt. (Quelle: imago images)

Eine Öl-Fracking-Förderanlage in Texas: Der Preis für US-Rohöl ist am Montag ins Negative gestürzt. (Quelle: imago images)

Der Preis für Rohöl aus den USA ist am Montagabend um 200 Prozent auf minus 37 US-Dollar gefallen. Auslöser war ein kurzfristiges Marktphänomen. Das aber könnte langfristige Folgen haben.

Auch an den internationalen Märkten gibt es wenige Momente, die die Bezeichnung "historisch" tatsächlich verdienen – dieser aber ist ein solcher: Erstmals in der Geschichte hat Rohöl, der Schmierstoff der globalen Wirtschaft, einen negativen Preis. Nachdem zuerst die Aktienbörsen wegen der Corona-Krise ins Bodenlose stürzten, erreicht das Chaos, das das Virus auslöst, damit endgültig die Rohstoffmärkte.

Vereinfacht gesprochen ist Folgendes passiert: Wer am Montagabend ein Barrel (159 Liter) amerikanisches Öl der Sorte Western Intermediate (WTI) abstoßen wollte, musste dafür bis zu 37 US-Dollar an den Abnehmer draufzahlen.

Oder anders und im übertragenen Sinne ausgedrückt: Wer seinen Wagen volltanken wollte, bekam den Sprit umsonst – und von der Tankstelle noch Geld für die nächste Tankfüllung obendrauf.

Marktphänomen löst Preissturz aus

Auslöser dieser Entwicklung ist einerseits ein riesiges Loch, das kurzfristig zwischen Angebot und Nachfrage klaffte. Konkret fiel der Preis sogenannter Futures, also Terminverträge für WTI-Öl-Lieferungen im Mai. Diese werden am Dienstag fällig und gelten als wichtige Bezugsgröße für den tatsächlichen Ölpreis.

Solche Lieferverträge schließen Käufer und Verkäufer in der Regel Wochen, zum Teil Monate im Voraus ab. Beide Seiten, Verkäufer und Käufer, wetten dabei auf einen künftigen Preis. Sie hoffen darauf, Gewinn zu machen, wenn der Preis zum Zeitpunkt des Lieferung entweder ober- oder unterhalb des Börsenpreises liegt.

In diese Geschäfte involviert sind aber nicht nur Händler, die tatsächlich Öl kaufen wollen, sondern auch Spekulanten, die über Futures an der Preisentwicklung des Öls teilhaben wollen. Diese Rohstoffhändler verkaufen ihre Kontrakte meist zum Monatsende und erwerben von den Erlösen gleich neue Futures des Folgemonats.

"Käuferstreik": Händler finden keine Abnehmer

Das Problem am Montag: Wegen der Corona-Krise stehen weltweit und damit auch in den USA viele Fabriken still. Auch Ölraffinerien, die aus Rohöl Benzin für Autos oder Kerosin für Flugzeuge machen, brauchen weniger Öl, weil die Menschen wegen des Virus weniger reisen.

Viele Händler fanden deshalb für ihre Mai-Verträge keine Abnehmer. Die Folge dieses "Käuferstreiks": Den gesamten Montag über fiel der Ölpreis, eilte von einem Tiefstand zu nächsten.

Am frühen Abend erreichte er zunächst einen Preis von unter einem Dollar. Vier Barrel Öl, schlappe 636 Liter also, kosteten zu diesem Zeitpunkt so viel wie ein Döner Kebab. Dann aber ging es weiter bergab, auf einen Cent je Barrel. Schließlich durchbrauch der Preis die Marke von null Dollar und rutschte erstmals ins Negative. Am späten Abend erreichte er einen Wert von minus 37 Dollar – einen Preis, den es so noch nie gegeben hat.

"Das ist völliges Neuland"

Der Grund für das Durchbrechen der magischen Nulllinie sind deshalb andererseits weniger Preisspekulationen allein, als vielmehr eine relativ profane Größe: die der Öl-Lagertanks im US-Bundesstaat Oklahoma. Denn angesichts der jüngsten Nachfragerückgänge für Rohöl sind diese randvoll.

Bereits in den vergangenen Wochen zeichnete sich ab, dass bei den heimischen Ölproduzenten die Speicher volllaufen. In den USA gibt es schlicht nicht mehr genug Platz für neues Öl, das die Produzenten mittels der Fördermethode Fracking aus dem Boden pressen.

Obwohl das bekannt ist, reagierten selbst erfahrene Rohstoffexperten am Montagabend überrascht. "Am Montagnachmittag deutete sich eine solche Entwicklung bereits an", sagte Commerzbank-Analyst Carsten Fritsch am Abend t-online.de. "Dass wir aber nach den negativen Zinsen nun sogar negative Ölpreise erleben, war so nicht abzusehen. Das ist völliges Neuland."

Am Dienstag dürften die Preise wieder steigen

Die Folgen des Preissturzes lassen sich derzeit kaum prognostizieren. Zwar geht Fritsch wie viele seiner Kollegen davon aus, dass der Preis für Rohöl am Dienstag kurzfristig wieder steigen dürfte, da die Kontraktpreise für Öl-Lieferungen im Juni unberührt von den Mai-Verträgen noch immer bei einem Wert plus 21 US-Dollar liegen.

Gleichzeitig ist klar: Auch dieser Preis ist im historischen Vergleich sehr niedrig. Sorgt die Corona-Krise dafür, dass die weltweite Öl-Nachfrage über einen längeren Zeitraum auf einem derartigen Level bleibt, womöglich dauerhaft geringer ausfällt, weil etwa weniger geflogen wird, wird die Ölförderung in den USA schnell unrentabel.

Europäisches Öl gibt nur leicht nach

Erst vor knapp 20 Jahren hatten die Amerikaner im großen Stil mit Fracking begonnen, bei der mithilfe von Gasgemischen Öl aus tieferen Gesteinsschichten gepresst wird – eine Methode, die vergleichsweise teuer ist und sich erst wegen der gestiegenen Ölpreise überhaupt lohnte. Die USA waren damit auf dem besten Weg, gänzlich unabhängig von Ölimporten aus dem Nahen Osten zu werden.

Wird Fracking und damit Öl "Made in USA" langfristig so teuer, dass die Produzenten keine Gewinne mehr einfahren, führt dies nicht nur zum Einbruch eines ganzen amerikanischen Wirtschaftszweiges und damit potenziell zu einem Kollaps der gesamten US-Wirtschaft. Es hat schlimmstenfalls auch das Potenzial für neue geopolitische Machtspielchen, mindestens jedoch für weitere Auseinandersetzungen mit der OPEC, dem Kartell der Ölförderländer um Saudi-Arabien und Russland.

Für die Deutschen hingegen dürften der Preissturz kurzfristig noch keine Auswirkungen haben: Maßgeblich für den europäischen Rohölmarkt ist nämlich nicht der Preis von amerikanischen WTI-Öl, sondern der der Nordseesorte Brent. Zwar geriet auch dieser jüngst unter Druck, fiel aber lediglich um etwa acht Prozent auf rund 26 Dollar.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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