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DGB-Chef Reiner Hoffmann: "Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen"

INTERVIEWDGB-Chef Hoffmann  

"Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen"

Von Florian Schmidt, Peter Schink

27.04.2020, 16:36 Uhr
DGB-Chef Reiner Hoffmann: "Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen". DGB-Vorsitzender: Reiner Hoffmann ist Deutschlands oberster Gewerkschafter. (Quelle: t-online.de/Robert Recker)

DGB-Vorsitzender: Reiner Hoffmann ist Deutschlands oberster Gewerkschafter. (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

Die Bewältigung der Corona-Krise wird teuer. Im Interview plädiert DGB-Chef Reiner Hoffmann für eine stärkere Belastung der Reichen – und erklärt, wie eine digitale Mai-Demonstration funktioniert.

Erstmals seit seiner Gründung im Jahr 1949 fallen die großen Straßendemonstrationen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) am Tag der Arbeit diesen Freitag aus. Wegen der Corona-Pandemie hat der DGB schon vor Wochen sämtliche Massenveranstaltungen abgesagt. Stattdessen ist nun ein digitales Event geplant, die Gewerkschaften senden unter anderem aus der DGB-Zentrale am Hackeschen Markt in Berlin.

Dort empfängt wenige Tage zuvor auch DGB-Chef Reiner Hoffmann zum großen Interview anlässlich des 1. Mai. Ein großer Raum, kreisrunder Tisch: Die t-online.de-Reporter und Hoffmann sitzen mit gebührendem Abstand von fast zwei Metern zueinander, dem Fotografen fällt es schwer, alle drei in einem gemeinsamen Bild zu vereinen.

Hoffmann wirkt entspannt – obwohl er und seine Kollegen derzeit viel zu tun haben: Die Corona-Krise verlangt auch den Gewerkschaften einiges ab. Besonders eng begleiten sie die Debatten über die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes, setzen sich aber auch für ein stärkeres Miteinander in Europa ein. Was genau sich Hoffmann dabei vorstellt, erklärt er im Interview mit t-online.de.

t-online.de: Herr Hoffmann, die Arbeitnehmer in Deutschland bekommen in der Corona-Krise sehr viel Unterstützung. Wie glücklich macht Sie das?

Reiner Hoffmann: Es zeichnet sich noch gar nicht ab, wie groß und wie lange diese Unterstützung ausfällt. Wir erleben auf der einen Seite eine große Wertschätzung für die Heldinnen und Helden der Arbeit, die systemrelevante Jobs haben im Gesundheits- und Pflegebereich oder im Supermarkt. Diese Wertschätzung hat andererseits aber auch einen Wert. Und der bemisst sich in Euro und Cent. Hierfür brauchen wir Arbeitgeber, die sich Tarifverträgen nicht verweigern.

Die Bundesregierung hat zuletzt weitreichende Verbesserungen beschlossen. Das Kurzarbeitergeld wird aufgestockt, wer arbeitslos wird, bekommt länger Arbeitslosengeld I. Das ist doch schon ein Erfolg.

Sicher. Daran hat der DGB mit seinen acht Gewerkschaften auch seinen Anteil. Man muss aber auch sehen, dass die CDU/CSU bis zum Schluss auf der Bremse stand. Das ist ärgerlich. Die angesprochenen Beschlüsse sind zwar ein Teilerfolg. Akut aber helfen sie den Menschen, die gegenwärtig besonders unter der Krise leiden, nur wenig. Ich meine zum Beispiel Angestellte in der Gastronomie, im Einzelhandel, aber auch in einigen Industriebetrieben. Sie müssen bereits seit vier Wochen Einkommensausfälle von bis zu 40 Prozent schultern. Das ist hart und nicht zumutbar.

Noch härter trifft es Menschen, die wegen der Krise ihren Job verlieren. Muss sich auch beim Arbeitslosengeld etwas ändern?

Zunächst einmal ist es gut, dass die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I verlängert wurde, das haben wir seit Langem gefordert. Denn absehbar wird der Arbeitsmarkt kaum neue Kräfte aufnehmen können. Wichtig ist aber auch, dass wir die Menschen, die ihren Job verlieren, besser qualifizieren. Wir erleben doch gerade, wie rasch die Digitalisierung voranschreitet. Weiterbildung und Qualifizierung ist das Gebot der Stunde. Das von Hubertus Heil vorgeschlagene "Arbeit-von-morgen-Gesetz" geht in die richtige Richtung und wird von uns unterstützt. Der Facharbeitermangel wird nach der Corona-Krise nicht geringer.

DGB-Chef Hoffmann: "Der Arbeitsmarkt wird absehbar kaum neue Kräfte aufnehmen." (Quelle: t-online.de/Robert Recker)DGB-Chef Hoffmann: "Der Arbeitsmarkt wird absehbar kaum neue Kräfte aufnehmen." (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

All das muss natürlich auch bezahlt werden. Vielen Menschen wird derzeit schwindelig, wenn sie sehen, wie schnell und wie stark sich der Staat gerade verschuldet. Ihnen auch?

Nein, überhaupt nicht. Nach derzeitigen Schätzungen wird die Staatsverschuldung auf 75 Prozent ansteigen, vielleicht auch auf 80 Prozent. Das ist absolut verkraftbar. In den europäischen Nachbarländern, aber auch in den USA und in Japan ist die Quote deutlich höher. Die Argumentation, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern keine Schulden hinterlassen sollten, ist schlicht Unfug. Das gilt auch für die Schuldenbremse und die schwarze Null. Denn die Lasten, die wir nachfolgenden Generationen überlassen, sind um ein Vielfaches höher, wenn wir nicht jetzt handeln und unsere Schulen, Brücken, unsere Infrastruktur in Ordnung bringen. Mit jedem Jahr, das wir warten, werden diese Reparaturen teurer. Auch in der Digitalisierung liegt Deutschland weit hinter manchen Nachbarländern der EU zurück. Da müssen wir jetzt mutig und ambitioniert handeln, das darf nicht länger warten – besonders in der Bildung.

Brauchen wir zusätzlich ein Nach-Corona-Konjunkturpaket – oder ist das dasselbe?

Das ist überhaupt nicht dasselbe. Die Investitionen in die Zukunft braucht es unabhängig von der Krise, die brauchten wir auch schon vor Corona. Zusätzlich benötigen wir zur aktuellen Krisenüberwindung ein Konjunkturprogramm, um die Wirtschaft wieder in Gang zu setzen. Dabei müssen wir darauf achten, die Ziele der Zukunftsinvestitionen im Blick zu behalten.

Der Gewerkschaftsboss
Reiner Hoffmann, geboren 1955, ist seit 2014 Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er vertritt damit die Interessen von rund sechs Millionen Mitgliedern der acht großen Gewerkschaften, zu denen unter anderem Verdi und die IG Metall zählen. Ehe er DGB-Chef wurde, hat der Diplom-Ökonom fast zehn Jahre als Direktor beim Europäischen Gewerkschaftsinstitut sowie mehrere Jahre in leitender Funktion bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie gearbeitet. Hoffmann sitzt für die Arbeitnehmerseite in mehreren Aufsichtsräten, darunter unter anderem bei der Bayer AG.

Von welchem Umfang reden wir jeweils?

Bereits vor der Corona-Krise hat ein Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (DIW) zusammen mit dem Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung darauf hingewiesen, dass wir für die nächsten zehn Jahre ein Investitionsprogramm im Umfang von 450 Milliarden Euro brauchen. Dazu kommen die Kosten der Krise, die lassen sich derzeit noch gar nicht taxieren. Deswegen können wir hier, zumindest seriös, noch keinen Preis dranmachen. Klar ist aber, wo der größte Teil der Kosten für ein Investitionsprogramm anfallen wird – nämlich bei den Kommunen. Sie müssen entlastet werden. Die Schulden vieler Kommunen sind so hoch, dass sie viele Investitionen gar nicht stemmen können. Ein Altlastentilgungsfonds ist überfällig. Da ist der Bund mit in der Pflicht und manche Bundesländer sollten sich gut überlegen, ob sie weiter blockieren wollen.

Die Rechnung wird damit noch länger. Auch wenn eine größere Staatsverschuldung zunächst kein Problem ist, diskutieren wir dennoch schon jetzt, wer die Kosten stemmen muss. Sollten Reichere stärker zur Kasse gebeten werden – oder müssen wir uns alle auf steigende Steuern einstellen?

Die Höhe der Staatsschulden ist nur relevant, wenn man sie ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung setzt. Das heißt: Je besser es uns gelingt, die Nachfrage und das Wirtschaftswachstum bald wieder anzukurbeln – durch eine Stützung der Masseneinkommen, Investitionen und starke Sozialsysteme beispielsweise –, desto eher wird Deutschland aus den Schulden einfach herauswachsen. Klar ist aber auch: Einkommen und Vermögen sind in Deutschland bereits heute sehr ungleich verteilt. Wenn die Krisenlasten zu hoch werden, müssen starke Schultern mehr tragen. Der DGB hat bereits vor Corona beispielsweise gerechte Vermögens- und Erbschaftssteuern gefordert – eine Forderung, die so drängend ist wie nie.

DGB-Chef Reiner Hoffmann (M.) im Gespräche mit den t-online.de-Redakteuren Peter Schink (l.) und Florian Schmidt (r.). (Quelle: t-online.de/Robert Recker)DGB-Chef Reiner Hoffmann (M.) im Gespräche mit den t-online.de-Redakteuren Peter Schink (l.) und Florian Schmidt (r.). (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

Viele Länder brauchen auch Unterstützung aus Europa. Der Streit über die umstrittenen Corona-Bonds geht weiter. Sie sind für solche gemeinschaftlichen Anleihen. Warum?

Weil wir nur auf diese Weise für einen fairen Ausgleich bei der Zinslast sorgen. Es ergibt doch keinen Sinn, wenn wir als Exportland weiter Absatzmärkte im EU-Ausland haben wollen, wir denselben Ländern in der Krise aber nicht unter die Arme greifen. Deswegen brauchen wir gemeinsame Staatsanleihen, um die Differenzen beim Zins, zu dem sich die Länder Geld leihen können, solidarisch auszugleichen. Deutsche Staatsanleihen haben einen negativen Zins, er liegt bei circa minus 0,5 Prozent. Wir bekommen also Geld von unseren Gläubigern. Italien hingegen zahlt derzeit 1,5 Prozent. Die Differenz beträgt fast zwei Prozentpunkte – und sie wird noch größer, wenn wir jetzt nicht gemeinsam gegen die Krise vorgehen. Wir bekommen als Exportland erhebliche Probleme, wenn unsere Nachbarländer nicht mehr unsere Waren kaufen können.

Für wie groß halten Sie das Risiko, dass die Corona-Krise auch eine Krise der Europäischen Union wird?

Das Risiko ist groß. Ich kann alle nur davor warnen, mit der Zukunft von Europa zu spielen. Wer das tut, verspielt schnell auch die Zukunft Deutschlands. Wir befinden uns an einem Scheideweg für die Zukunft der Europäischen Union. Wir erleben zum Glück, dass es um die Rechtsnationalisten derzeit ruhiger geworden ist. Doch wenn wir diese Krise nicht zusammen meistern, dann werden wir ein Wiedererstarken dieser Kräfte erleben – zum Beispiel bei den Wahlen in Italien oder Frankreich. Das dürfen wir nicht zulassen.

Lassen Sie uns über den DGB sprechen. Man könnte annehmen, dass Sie aktuell viel Zulauf erfahren, weil viele Ihrer Forderungen umgesetzt werden. Ist das so?

Zunächst merken wir den Zulauf daran, dass die Menschen uns wieder verstärkt wahrnehmen. Sie glauben gar nicht, wie stark die Zugriffe auf unsere Webseite zuletzt gestiegen sind. Die sind richtig durch die Decke gegangen – 100.000 Seitenaufrufe pro Tag. Das ist so viel wie sonst in einer Woche.

Und die Mitgliederzahlen? Steigen die auch?

Das ist schon etwas komplizierter. Mitgliedergewinnung findet vor allem im Betrieb, von Angesicht zu Angesicht statt. Das geht in der Corona-Krise, wo Geschäfte und Betriebe geschlossen sind, natürlich gar nicht. Interessant ist aber, dass die Onlinebeitritte bei den DGB-Gewerkschaften erfreulich zunehmen. Das darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir an manchen Stellen noch besser werden können. Früher machte ein Großteil der Jugendlichen eine Ausbildung im Betrieb oder in der Verwaltung, rund 70 Prozent von ihnen wurden Mitglied einer Gewerkschaft. Heute ist der Anteil der betrieblichen Ausbildung deutlich gesunken und die Zahl der Studierenden steigt stetig. Das ist ein Problem für uns.

"Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen", sagt Hoffmann mit Blick auf die Kosten der Corona-Krise. (Quelle: t-online.de/Robert Recker)"Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen", sagt Hoffmann mit Blick auf die Kosten der Corona-Krise. (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

Im Klartext: Für Menschen mit einer höheren Bildung sind Gewerkschaften immer unattraktiver.

Ich würde es anders ausdrücken. Wir sind zum Teil von unseren eigenen Erfolgen eingeholt worden. Den Menschen in Deutschland geht es mit Gewerkschaften deutlich besser als ohne. Aber weniger Menschen sind bereit, sich zu organisieren. Das gilt für Parteien oder die Kirchen in ähnlicher Weise.

Schwerer macht es ihnen auch die Parteienlandschaft. Früher haben die Gewerkschaften allein die SPD vor sich hergetrieben, heute werden sie oft von der Linkspartei überholt. Ärgert Sie das?

Nein, das ärgert mich nicht. Dass die Linkspartei oft versucht, die bessere Gewerkschaft zu sein, nehme ich als sportlichen Wettbewerb wahr.

Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, braucht es vor allem die richtigen Themen, um langfristig zu bestehen. Ihr letztes plakatives war der Mindestlohn. Seitdem, so hat man den Eindruck, fehlt es an einem neuen.

In der Tat, die Einführung des Mindestlohns war ein großer Erfolg der Gewerkschaften – auch wenn seine Einführung von vielen am Ende Angela Merkel zugeordnet wurde. Das ist schon ärgerlich. Doch wir müssen uns auch bei anderen Themen nicht verstecken: Ohne uns hätte es die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent nicht gegeben.

Die Grundrente soll Anfang nächstes Jahr in Kraft treten. Ist damit dann auch dieses Thema schon wieder durch?

Auch die Grundrente ist ein Erfolg, die jetzt aber auch kommen muss! Auf Dauer brauchen wir eine armutsfeste Rente, die bei etwa 50 Prozent liegen muss. Als Nächstes muss die Tarifbindung wieder deutlich gestärkt werden. Gerade in der Krise zeigt sich doch, wie wichtig Tarifverträge für die Sicherheit, für ein ordentliches Einkommen und gute Arbeitsbedingungen sind.

Aber Tarifverträge lassen sich schließlich nicht verordnen ...

Ich kann sie nicht verordnen, das stimmt. Ich will sie auch gar nicht verordnen. Aber was die Koalition machen kann, ist, bei der öffentlichen Auftragsvergabe – immerhin 400 Milliarden Euro im Jahr, 15 Prozent des Bruttoinlandproduktes – darauf zu achten, dass die beauftragten Unternehmen ihre Mitarbeiter ordentlich bezahlen. Es darf nicht sein, dass in Deutschland Firmen Staatsaufträge bekommen, die sich einen Wettbewerbsvorteil erschleichen, weil sie keine Tariflöhne zahlen.

In vielen Bundesländern gibt es deshalb schon einen Vergabe-Mindestlohn.

Ja, aber nicht in allen und mit sehr unterschiedlichen Regelungen, hier muss nachgebessert werden. Und auf Bundesebene gibt es ihn gar nicht. Wir brauchen dringend ein Bundesvergabegesetz, das auf Tariflöhne abstellt. Es ist doch absurd, dass der Staat mit Steuergeldern oft den billigsten Jakob beauftragt. Denn die Konsequenz daraus ist doch: Der Beschäftigte dieser Firma muss am Ende des Monats häufig zum Amt und Hartz IV aufstocken. Und wer zahlt das? – Wieder der Steuerzahler. Da werde ich wirklich sauer.

Lassen Sie uns auf den 1. Mai Ende dieser Woche blicken. Wegen der Corona-Krise haben die Gewerkschaften die Demos auf den Straßen abgesagt. Was bedeutet es, wenn erstmals seit 130 Jahren keine Arbeiterproteste stattfinden?

Zunächst einmal bedeutet das, dass wir frühzeitig Verantwortung übernommen haben: Wir können in einer solchen Situation nicht zulassen, dass sich Menschen während einer Kundgebung oder Demonstration potenziell mit dem Coronavirus anstecken. Leicht gefallen ist uns die Entscheidung natürlich nicht. Das wird ein anderer 1. Mai als sonst. Es freut mich aber, dass wir so schnell ein großes digitales Programm auf die Beine gestellt haben. Das Engagement unserer Kolleginnen und Kollegen ist wahnsinnig groß. Das macht, gerade in dieser schwierigen Zeit, extrem Spaß.

Hoffmann zu den Mitgliedszahlen der Gewerkschaften: "Wir sind zum Teil von unseren eigenen Erfolgen eingeholt worden." (Quelle: t-online.de/Robert Recker)Hoffmann zu den Mitgliedszahlen der Gewerkschaften: "Wir sind zum Teil von unseren eigenen Erfolgen eingeholt worden." (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

Wie genau können wir uns das vorstellen – einen 1. Mai im Internet?

Es wird einen Livestream auf DGB.de geben. Wir werden hier aus dem Haus senden, aus verschiedenen Räumen. Es werden Menschen zu Wort kommen, zum Beispiel Spitzenpolitiker der Parteien, verschiedene Diskussionen sind geplant. Im Eingangsfoyer spielen Bands. Das alles natürlich mit gebührendem Abstand von zwei Metern zwischen den Anwesenden und möglicherweise mit Atemschutzmasken. Wir wollen niemanden gefährden.

In den vergangenen Jahren sind die Teilnehmerzahlen der DGB-Demos geschrumpft, 2019 waren es deutschlandweit rund 380.000. Wie viele Zuschauer wären ein Erfolg, wie wenige eine Misserfolg?

Das ist schwer zu sagen. Ich rechne aber damit, dass viele Tausend Menschen dabei sein werden. Unabhängig von der Zuschauerzahl allein bin ich davon überzeugt, dass es definitiv ein Erfolg wird – schon allein deshalb, weil uns das Event einen enormen Digitalisierungsschub verpasst.

Die Corona-Krise hat anfangs dafür gesorgt, dass die Gewerkschaften und Arbeitgeber den Schulterschluss gesucht haben. Kämpferische Ansagen können Sie sich dieses Jahr also eigentlich sparen, oder?

Ach, wissen Sie, es geht in der aktuellen Situation doch gar nicht um Kampfansagen. Es geht nicht darum, zur sozialen Revolution aufzurufen, zu Großveranstaltungen auf den Straßen. Aber wir werden auch dieses Jahr am 1. Mai selbstverständlich auf die Missstände in diesem Land hinweisen und entsprechende Signale setzen – die die Probleme, Sorgen und Nöte der Menschen in den Mittelpunkt stellen. Eine unserer zentralen Botschaften an alle Menschen lautet: Wir können die Heldinnen und Helden der Arbeit nicht nur von den Balkonen beklatschen – wir brauchen ordentliche Löhne, gute Arbeitsbedingungen. Das geht nur mit Tarifverträgen, starken Betriebs- und Personalräten und mit Gewerkschaften.

Etwas konkreter, bitte.

Konkret heißt das zum Beispiel: Wir brauchen einen Tarifvertrag für das Pflegepersonal in Deutschland. Aktuell haben wir noch nicht einmal einen Verhandlungspartner für alle Pflegeeinrichtungen auf der Seite der Arbeitgeber, mit dem wir verbindlich etwas vereinbaren können. Wir treiben die Pflegeeinrichtungen nun dazu, dass alle sich einem Arbeitgeberverband anschließen. Wenn sie sich weigern, dann brauchen wir die Erleichterung von Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen. Wie schon gesagt, die Tarifbindung muss in unserem Land generell wieder deutlich erhöht werden.

Blicken wir auf andere Branchen, haben Sie in den vergangenen Jahren aber ja zum Teil für die Arbeitnehmer sehr gute Abschlüsse erzielt, etwa die IG Metall. Mit der Corona-Krise enden diese fetten Jahre jetzt vermutlich. Müssen jetzt nicht die Angestellten den Gürtel enger schnallen?

Das ist doch Unfug, das höre ich schon jetzt immer wieder aus Kreisen einzelner Parteien und verschiedener Arbeitgeber. Natürlich haben wir ein großes Interesse an der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit der Unternehmen. Dafür hat Deutschland Milliarden-Rettungsschirme aufgespannt – und ja, das wird teuer. Dennoch gilt: Wir müssen den Gürtel nicht enger schnallen. Wer das sagt, zieht eine völlig falsche Konsequenz aus der derzeitigen Situation. Wenn die Staatsverschuldung auf 80 Prozent steigt, bereitet mir das gar keine Sorgen. Die Sorge, die ich aber habe, ist, dass hier von interessierter Seite der Versuch unternommen wird, die Krise zu missbrauchen, um Arbeitnehmerrechte zu schleifen.

Hoffmann appelliert an die große Koalition: "Es darf nicht sein, dass in Deutschland Firmen Staatsaufträge bekommen, die sich einen Wettbewerbsvorteil erschleichen, weil sie keine Tariflöhne zahlen." (Quelle: t-online.de/Robert Recker)Hoffmann appelliert an die große Koalition: "Es darf nicht sein, dass in Deutschland Firmen Staatsaufträge bekommen, die sich einen Wettbewerbsvorteil erschleichen, weil sie keine Tariflöhne zahlen." (Quelle: Robert Recker/t-online.de)

Sie spielen auf die Debatte über die Sonntagsarbeit an. Der Handel etwa fordert, dass die Läden übergangsweise auch am Sonntag öffnen. Könnte das gerade kleineren Betrieben nicht durchaus helfen?

Das ist völlig unverantwortlich. Wer sind denn diejenigen, die jetzt Sonntagsöffnungszeiten wollen? Schauen Sie sich die Situation im Lebensmittelhandel an. Nicht einmal Rewe, Aldi oder Lidl wollen sonntags öffnen. Weil die Beschäftigten, die Heldinnen und Helden der Arbeit, schon jetzt an der Belastungsgrenze arbeiten. Und dann sollen sie auch noch am Sonntag arbeiten? Damit würde die Gesundheit der Menschen aufs Spiel gesetzt, das kann keiner wollen.

Um diese Geschäfte geht es derzeit aber ja gar nicht. Sondern um die Läden, die jüngst geschlossen waren, wo Menschen jetzt an einem Tag mehr in der Woche ihre Einkäufe nachholen könnten.

Das ist eine ideologische Debatte. Auf die sollten wir uns gar nicht einlassen. Der Sonntag ist und bleibt ein Ruhetag. Wir haben die systemrelevanten Bereiche, die funktionieren seit Jahren auch am Sonntag. Aber auch dort stoßen die Angestellten immer wieder an die Grenzen ihrer Kräfte. Ich kann nur davor warnen, das jetzt zum Modell für alle Berufe zu machen oder auch nur für den Einzelhandel.


Auch nicht temporär?

Es ergibt auch temporär keinen Sinn. Schauen Sie sich doch das Konsumverhalten der Menschen an, die jetzt nur noch 60 Prozent ihres Nettos über das Kurzarbeitergeld beziehen. Die rennen doch jetzt nicht alle in die Läden und werden wie Bolle Geld ausgeben und Dinge kaufen. Das verträgt sich auch nicht mit dem Eindämmen der Gefahr einer zweiten Infektionswelle. Wichtig ist, dass wir den Gesundheitsschutz absolut in den Vordergrund stellen. Denn eine zweite Welle kann uns wirklich in die Knie zwingen.

Um einen versöhnlichen Abschluss zu finden: Welche Chancen sehen Sie in der aktuellen Krise für die Gesellschaft?

Abseits der gewachsenen Wertschätzung für Berufsgruppen, die sonst nicht so sehr im Fokus stehen, freut mich vor allem eines: der gewachsene Zusammenhalt der Menschen im Alltag. Nehmen Sie zum Beispiel die zahlreichen Aktionen der Jugendverbände der großen Parteien, von der Jungen Union über die Jusos bis hin zu den Jungen Liberalen. Sie alle organisieren gerade Unterstützung und Hilfen für ältere Menschen. Das sind tolle Entwicklungen, wunderbare Dinge, die im Gewerkschaftskontext einen Namen haben: Solidarität. Wenn wir dieses Engagement in schwierigen Zeiten mitnehmen in die Zukunft, hilft uns das allen sehr bei der Bewältigung der Aufgaben, die noch vor uns liegen. Zum Beispiel bei der Bekämpfung des Klimawandels, bei der Digitalisierung. Wenn wir das vereint und nicht gegeneinander gestalten, wäre das eine richtig große Chance für uns alle. Hier gilt unser diesjähriges Mai-Motto: "Solidarisch ist man nicht alleine."

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Hoffmann.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann

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