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Flughäfen in Corona-Zeit: "Schlimmste Krise seit Beginn der zivilen Luftfahrt"

Deutsche Flughäfen leiden  

"Schlimmste Krise seit dem Beginn der zivilen Luftfahrt"

02.05.2020, 11:42 Uhr
Was die Corona-Krise am Himmel bewirkt

Die Corona-Krise macht sich auch im Luftraum bemerkbar. Laut dem internationalen Luftverkehrsverband ging die Nachfrage weltweit um 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. (Quelle: t-online.de)

Luftfahrt in der Krise: Welche Länder am stärksten betroffen sind und was der internationale Luftfahrverband jetzt fordert. (Quelle: t-online.de)


Deutschlands Flughäfen haben ein großes Problem: Sie müssen den Betrieb aufrechterhalten – verdienen aber kaum mehr Geld, weil das Passagiergeschäft fast komplett eingebrochen ist. Die Rufe nach Staatshilfen werden lauter.

Um die Misere der Luftfahrt zu erkennen, genügt ein Blick gen Himmel: Kaum ein Flieger ist zu sehen – und das seit Wochen. Airlines und Flugzeugbauer bringt das in Existenznot.

Die Lufthansa verhandelt über eine Staatsbeteiligung, erwägt gar, geordnet insolvent zu gehen, also unter einen Schutzschirm zu schlüpfen. Der Ferienflieger Condor steht ebenfalls vor großen Problemen, erhält einen weiteren Rettungskredit vom Bund in Höhe von mehr als einer halben Milliarde Euro. Und auch Airbus und Boeing, die beiden größten Flugzeughersteller, kämpfen mit Umsatzrückgängen – weil viele Airlines angesichts der Corona-Krise ihre Bestellungen stornieren.

Weniger im Fokus, aber ähnlich dramatisch ist die Situation an den deutschen Flughäfen. Das Grundproblem ist bei ihnen dasselbe wie bei den Fluggesellschaften: Weltweit ist der Passagierverkehr aufgrund der Reisebeschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie fast vollständig zum Erliegen gekommen (siehe Video).

"Schlimmste Krise seit dem Beginn der zivilen Luftfahrt"

Besonders deutlich wird das an Zahlen von Deutschlands größtem Airport, dem Frankfurter Flughafen. In einer durchschnittlichen Woche stauen sich in den Sicherheitschecks, Gängen und Gates mehr als 1,3 Millionen Fluggäste – Tendenz seit Jahren steigend. Jetzt, mitten in der Corona-Krise, sind die großen Hallen leer. Vom 20. bis 26. April zählte der Flughafen nur 45.270 Fluggäste – 96,8 Prozent weniger als in der gleichen Kalenderwoche im Vorjahr, wie die Betreibergesellschaft Fraport jüngst mitteilte. So viele Passagiere werden ansonsten in rund fünf Stunden abgefertigt.

Auch auf anderen Flughäfen sieht die Lage nicht besser aus. "Wir hatten noch nie einen solchen Einbruch. Die Flughäfen erleiden die schlimmste Krise seit dem Beginn der zivilen Luftfahrt", sagte Ralph Beisel, Chef des Flughafenverbandes ADV, im Gespräch mit t-online.de. "Das Passagiergeschäft, das unsere Haupteinnahmequelle darstellt, ist faktisch komplett weggefallen."

Die Airports befänden sich in einem Dilemma: Sie müssen ihre Betriebspflicht erfüllen – gleichzeitig aber mit einem Bruchteil ihrer Einnahmen zurecht kommen. Hintergrund dafür ist die sogenannte "Luftverkehrs-Zulassungs-Ordnung". Sie regelt den Betrieb der deutschen Flughäfen und gibt in Paragraph 45 vor: "Das Flughafenunternehmen hat den Flughafen in betriebssicherem Zustand zu halten und ordnungsgemäß zu betreiben."

Im Umkehrschluss heißt das: Nur die jeweils zuständigen Luftfahrtbehörden der Bundesländer können einen Flughafen von seiner Betriebspflicht befreien. Voraussetzung dafür wiederum ist, dass die Betreibergesellschaft die temporäre Schließung beantragt.

Auf diese Weise hatte zwischenzeitlich Baden-Württemberg den Stuttgarter Flughafen gänzlich geschlossen – und notwendige Bauarbeiten vorgezogen. Zuletzt war ein ähnliches Vorgehen auch in Berlin im Gespräch, hier sollte der City-Airport Tegel schließen, Flughafen-Chef Engelbert Lütke Daldrup wollte so rund 200.000 Euro an Betriebskosten sparen – pro Tag.

Flughäfen verlieren halbe Milliarde Euro pro Monat

Ähnlich hohe Summen veranschlagen auch die anderen 15 deutschen Flughäfen mit internationalen Zielen. Laut ADV belaufen sich die Vorhaltekosten für die Betriebsbereitschaft aller deutschen Airports auf rund 170 Millionen Euro pro Monat. Das Problem: Diesen Kosten, zum Beispiel für die Flughafenfeuerwehr, stehen derzeit kaum Einnahmen gegenüber.

Der Verband schätzt, dass den Airports monatlich Umsätze in Höhe von einer halben Milliarde Euro durch die Lappen gehen – Geld aus Start- und Landegebühren, aber auch Einkünfte aus der Vermietung von Werbeflächen oder aus Parkhäusern, in denen Reisende ihr Auto abstellen. ADV-Chef Beisel klagt: "Flughäfen waren noch nie mit üppigen Gewinnen gesegnet."

Ralph Beisel, Chef des Flughafenverbandes ADV. (Quelle: t-online.de/ADV)Ralph Beisel, Chef des Flughafenverbandes ADV. (Quelle: ADV/t-online.de)

Gern würde der eine oder andere Flughafen den Betrieb deshalb vorübergehend einstellen. Gleichzeitig ist aber entscheidend, dass die Flughäfen momentan offen bleiben: So gibt es viele Rückholflüge und Krankentransporte. Aber auch Erntehelfer aus Rumänien und Bulgarien werden per Flugzeug nach Deutschland gebracht.

Der wichtigste Grund, der gegen eine Schließung spricht, ist jedoch das Frachtgeschäft: Schutzmasken und anderes medizinisches Equipment kommen aus dem Ausland in deutsche Krankenhäuser, Schulen und Supermärkte. Wären die Airports zu, würden die internationalen Lieferketten zusammenbrechen, Versorgungsengpässe drohten.

Deutsche Flughäfen seien in Corona-Krise systemrelevant

"Es ist uns gerade in dieser schwierigen Situation wichtig, den Flughafen offen zu halten", sagte ein Fraport-Sprecher auf t-online.de-Anfrage. Der Flughafen Frankfurt sei besonders in Krisenzeiten für die Versorgung mit wichtigen Gütern und der Aufrechterhaltung von Lieferketten von zentraler Bedeutung für Deutschland.

Auch an kleineren Airports, die keine Passagierdrehkreuze sind, sieht es ähnlich aus, wie Götz Ahmelmann, der Vorstandschef der Mitteldeutschen Flughäfen Leipzig/Halle und Dresden, erläutert. Zwar ist auch hier das Passagiergeschäft fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Dennoch haben seine Kollegen in Leipzig derzeit noch viel zu tun, denn der Airport ist nach Frankfurt der zweitgrößte Frachtflughafen in Deutschland.

Rund 1.000 Flüge mit Gütern aus aller Welt registriert er in Leipzig pro Woche. "Tag für Tag wird hier lebensnotwendige Fracht wie Pharmaprodukte, medizinisches Gerät und Atemschutzmasken umgeschlagen", sagte Ahmelmann t-online.de. Auch ihm ist wichtig zu betonen: "Die deutschen Flughäfen zeigen in der aktuellen Krise, wie systemrelevant sie sind."

Staatliche Hilfen für die Airports gibt es nicht

ADV-Chef Beisel spricht in diesem Zusammenhang von "Daseinsvorsorge" – und fordert deshalb schnellstmögliche Hilfe vom Staat. "Es freut mich, dass jeder merkt, wie unverzichtbar die Flughäfen sind“, sagte er. "Es würde mich aber noch mehr freuen, wenn den Flughäfen geholfen wird."

Zuständig dafür wäre eigentlich das Bundesverkehrsministerium (BMVI) unter Andreas Scheuer (CSU). Bislang aber fehlt es noch an einem Konzept für mögliche Kredite und Zuwendungen. Das Ministerium erkennt die Bedeutung der Airports zwar an, teilt auf t-online.de-Anfrage mit, dass die Flughäfen "gerade in diesen Zeiten wichtige Aufgaben" erfüllten.

 Andreas Scheuer (CSU): Sein Bundesverkehrsministerium ist für die Flughäfen in Deutschland zuständig. (Quelle: imago images/Eibner)Andreas Scheuer (CSU): Sein Bundesverkehrsministerium ist für die Flughäfen in Deutschland zuständig. (Quelle: Eibner/imago images)

Gleichzeitig heißt es seitens des BMVI: "Flughäfen, die mehrheitlich in staatlicher Hand sind, haben in der Regel gute Möglichkeiten, sich Liquidität auf dem Kapitalmarkt zu verschaffen." Zudem erlaubten die gelockerten EU-Regelungen zur staatlichen Beihilfe, dass auch die Anteilseigner, in der Regel die Länder und Kommunen, Geld hinzuschießen können. Das BMVI erarbeite momentan auf dieser Grundlage eine Rahmenregelung für Flugplätze, damit diese eine finanzielle Unterstützung durch den Staat erhalten könnten. Gemeint ist damit: Mögliche Höchstgrenzen und bürokratische Hürden für Beihilfen sollen erst einmal wegfallen.

Flughäfen erhalten keine KfW-Kredite

Fakt ist aber: Bislang sind derlei Zuschüsse noch nicht geflossen. Gern würden die Flughäfen deshalb kurzfristig auch auf staatliche Kredite zurückgreifen, etwa die Angebote der Förderbank KfW, die mit einem milliardenschweren Programm Tausende Unternehmen in der Corona-Krise mit Liquidität versorgt.

Dieses Geld aber können die meisten Flughäfen nicht abrufen. "Wir fühlen uns bei der Liquiditätssicherung benachteiligt, weil uns der Zugang zu den KfW-Krediten aus dem Corona-Hilfspaket verwehrt wird", sagte Beisel.

Der Grund ist derselbe, auf den auch das Ministerium abstellt: Nur die wenigsten Flughäfen befinden sich mehrheitlich in privater Hand. Bei den meisten Airports ist die Kommune, das Land oder sogar der Bund mit Anteilen von mehr als 50 Prozent beteiligt. In diesem Fall sind die KfW-Kredite nicht möglich.

Rettungsschirm für deutsche Airports

Der ADV fordert deshalb einen Rettungsschirm, der nicht nur die Airlines, sondern im gleichen Zuge auch die Flughäfen umspannen muss. "Die Politik lobt und preist die Flughäfen, dass die einen wichtigen Beitrag in der Corona-Krise leisten", so ADV-Chef Beisel zu t-online.de. "Das Lob freut uns. Aber ein Flugbetrieb ohne Einnahmen lässt sich nicht lange durchhalten."

Konkret will Beisel: "Wenn wir im Interesse Deutschlands die Flughäfen offenhalten, fordern wir, dass unsere Betriebs- und Vorhaltekosten vom Staat kompensiert werden. Sonst können einige Standorte nicht mehr lange über Wasser schwimmen. Das wäre für die Logistik in der Corona-Krise fatal."

Wer die Fluglinien am Leben halten wolle, müsse auch ihre Basis, die Airports, schützen. "Den Flughäfen muss unter die Arme gegriffen werden. Die Politik muss hier dringend handeln. Eine Entscheidung muss eher heute als morgen fallen."

Kurzarbeit an allen deutschen Flughäfen

Bis es aber dazu kommt, wird ordentlich gespart: Alle deutschen Flughäfen haben bereits Kurzarbeit eingeführt, viele sogar für mehr als 80 Prozent der Beschäftigten. Am Frankfurter Flughafen etwa sind derzeit 18.000 der 22.000 Mitarbeiter in Kurzarbeit – bis mindestens Ende Mai, heißt es von Fraport.

Verbandschef Beisel hofft, dass es bald wieder losgeht. Ansonsten wäre es auch möglich, dass es zu Entlassungen kommt – und zu Insolvenzen: "An einigen Standorten sieht es brenzlig aus. Ob alle kleineren Flughäfen durchhalten, hängt vollkommen davon ab, wann der Luftverkehr wieder anläuft."

Menschenleere Abflughalle am Düsseldorfer Flughafen: Deutsche Airports verlieren zurzeit monatlich 500 Millionen Euro. (Quelle: imago images/Moritz Müller)Menschenleere Abflughalle am Düsseldorfer Flughafen: Deutsche Airports verlieren zurzeit monatlich 500 Millionen Euro. (Quelle: Moritz Müller/imago images)

Für diesen Wiederanlauf sehen sich die Flughäfen bislang gut gerüstet. Pläne für Hygiene- und Abstandsregeln gebe es bereits. "Das Einchecken und die Sicherheitskontrollen werden sich verzögern", so ADV-Chef Beisel. Diese Anpassungen könnten auch zulasten der Abfertigungskapazität gehen. Wichtig sei deshalb, die Anlaufphase zeitlich zu befristen.

"Wir werden ein rabenschwarzes Jahr sehen"

Wann das soweit sein wird, ist bislang offen. Eines stünde jedoch fest: Die Auswirkungen der Corona-Krise werden verheerend sein, so Beisel. "Wir werden ein rabenschwarzes Jahr sehen." Insbesondere der Sommerurlaub werde noch stark beeinträchtigt, schätzt er. "Ich gehe davon aus, dass wir nächstes Jahr noch nicht die Zahlen von 2019 sehen werden."

Einziger Profiteur der deutschen Flughäfen in Corona-Zeiten könnte der Berliner Pannenairport BER werden. Möglich wäre, dass er früher als Ende Oktober, wie momentan geplant, in Betrieb genommen wird – und so nach neun Jahren Verspätung erstmals den Zeitplan übererfüllt.

Der Grund: Viele Flugzeuge parken bereits auf dem Schönefelder Flughafen, der Teil des neuen Hauptstadtairports werden soll. Und ein Umzug von einem leeren Flughafen aus ist für viele Airlines deutlich günstiger, als wenn dies im Regelbetrieb geschieht.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Ralph Beisel
  • ADV
  • Götz Ahmelmann
  • Fraport AG
  • Bundesverkehrsministerium
  • gesetze-im-internet.de
  • Statistisches Bundesamt
  • Welt
  • tagesspiegel.de
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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