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Kunden stürmen Friseursalons in Deutschland: "Mir stehen die Haare zu Berge"

"Mir stehen die Haare zu Berge"  

Kunden stürmen Friseursalons in Deutschland

Von Saskia Leidinger

04.05.2020, 18:02 Uhr
Nach Corona-Pause: Diese Regeln gelten nun in Friseursalons

Durch die Auflagen zum Schutz vor dem Coronavirus können trotz des erwarteten Kundenansturms weniger Menschen bedient werden. Viele Friseursalons müssen wegen des vorgeschriebenen Mindestabstands mit weniger Stühlen auskommen. Außerdem wird das Haarewaschen für alle Kunden Pflicht. (Quelle: dpa)

Nach der Corona-Zwangspause: Diese Regeln gelten nun bei Friseurbesuchen. (Quelle: dpa)


Nach wochenlanger Corona-Pause durften Friseure heute wieder öffnen. Das nutzten viele Menschen. Vor Ort wird schnell klar: Ein Friseurbesuch ist mehr als nur Haareschneiden.

Eine ältere Dame mit grau-gelocktem Haar sitzt auf einer Bank an einer stark befahrenen Straße in der saarländischen Kleinstadt Neunkirchen. Sie trägt Mundschutz und ihr ist kalt.

"Ich warte hier schon seit über zehn Minuten in der Kälte", beklagt sich Lore Drumm. Sie will sich die Haare schneiden lassen, doch der warme und windgeschützte Wartebereich in dem kleinen Friseurgeschäft ist mit einem rot-weißem Band gesperrt.

Sie ist nicht die einzige Kundin, die sich in dem Friseurladen in der Neunkirchen Innenstadt schon am frühen Morgen die Haare schneiden lassen will. "Heute Morgen hatten wir schon 25 Kunden und jetzt stehen noch 30 auf der Warteliste", sagt Friseurin Gülcan Tulan, während sie vor dem Salon steht. Drinnen arbeiten währenddessen mehrere Friseure die Warteliste ab. Waschen, Schneiden, Föhnen im Akkord – mit Handschuhen und Mundschutz.

Neue Regeln sorgen für höhere Preise

Seit heute dürfen Friseurbetriebe in Deutschland wieder öffnen. Dabei müssen sie besondere Hygienemaßnahmen beachten. Sowohl Friseure als auch Kunden müssen eine Maske tragen, beim Betreten müssen sich Kunden die Hände desinfizieren und jeder zweite Stuhl soll wegen der Abstandsregelung frei bleiben. Außerdem: Haare dürfen nur gewaschen geschnitten werden. Durch den Mehraufwand rechnet der Verband Deutscher Friseurunternehmen mit einem Preisanstieg von ein bis zwei Euro.Mann steht vor einem Friseursalon: Kunden müssen sich vor dem Salon in eine Warteliste eintragen. (Quelle: t-online)Mann steht vor einem Friseursalon: Kunden müssen sich vor dem Salon in eine Warteliste eintragen. (Quelle: t-online)

Bei Gülcan Tulan zahlen vor allem Männer jetzt mehr. Denn deren Haare wurden zuvor meist ungewaschen geschnitten. Die vorgeschriebene Haarwäsche kostet jetzt extra. "Das sind zwar nur drei Euro, aber für Jugendliche ist das viel Geld", sagt die Friseurin.

Doch nicht überall ist es teurer geworden. In den Salons in einem Einkaufszentrum im saarländischen Neunkirchen wurden die Preise bislang nicht erhöht. Diese gehören allerdings zu den großen Friseurketten Klier und Essanelle.

Frau desinfiziert einen Stuhl in einem Friseursalon: Friseure müssen neue Hygieneregeln einhalten. (Quelle: t-online)Frau desinfiziert einen Stuhl in einem Friseursalon: Friseure müssen neue Hygieneregeln einhalten. (Quelle: t-online)

"Wir leben zu einem großen Teil von Trinkgeld"

Die Friseurbranche ist die umsatzschwächste Branche unter den zulassungspflichtigen Handwerksbetrieben. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen wurde laut Statistischem Bundesamt 2017 ein Umsatz pro Mitarbeiter von 28.000 Euro erwirtschaftet.

Und auch die Löhne sind gering. Knapp 16 Prozent verdienten im Monat 450 Euro oder weniger. "Wir leben zu einem großen Teil vom Trinkgeld. Ohne Job lässt sich die Miete nicht bezahlen", so Tulan. Auch deshalb sind die Friseure froh, dass die Salons wieder öffnen dürfen. 

Auf mehr als eine halbe Milliarde Euro schätzt Jörg Müller, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks, den Umsatzverlust der Branche für die Wochen der Zwangsschließungen wegen der Corona-Krise. Die Öffnung sei rechtzeitig gekommen.

Alle Unternehmen hätten ihre Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt, sagte Müller. "Das hat natürlich auch Entlassungen verhindert und diese Mitarbeiter werden jetzt bei der Wiedereröffnung händeringend gebraucht." Viele Friseure setzten ihre Beschäftigten nun in Schichten ein, um länger offen bleiben zu können und den Kundenstrom zu entzerren. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff zählte heute zu den zahlreichen Kunden, wie er auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mitteilte.

"Mir stehen die Haare zu Berge"

Vor einem Friseurgeschäft in Neunkirchen, das einen Haarschnitt für zehn Euro anbietet, hat sich an diesem Morgen bereits eine Schlange von fünf Personen gebildet. Auch Leonhard, ein Mann mittleren Alters mit weißen Haaren und Jeansjacke, wartet darauf, sich die Haare schneiden zu lassen. "Mir stehen die Haare zu Berge", sagt er lachend.

Nach einer repräsentativen Online-Umfrage des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel, wünschen sich 55 Prozent der befragten Frauen und 24 Prozent der befragten Männer, die Haare wieder nachfärben zu können. Etwa 16 Prozent  will den "misslungenen Haarschnitt, den ich in der friseurlosen Zeit bekommen habe", wie Leonhard ihn scherzhaft nennt, ausbessern lassen.

Während Leonhard noch in der Schlange wartet, ist eine Frau, die anonym bleiben möchte, bereits fertig und sehr zufrieden mit ihrer neuen Frisur. "Haare schneiden ist für mich Glück", sagt die Frau mit dunkelgrauen Haaren. Für sie war es auch wichtig, ihre lieb gewonnene Friseurin wiederzusehen. Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus hatte die Asthmatikerin nicht. Für sie war es heute wichtiger, sich ein Stück Freiheit zurückzuholen.

Verwendete Quellen:

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