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Corona-Krise: So wollen Ökonomen die deutsche Wirtschaft ankurbeln

Plan von Top-Ökonomen  

Die Corona-Krise soll Deutschland stärker machen

07.05.2020, 20:18 Uhr
Corona-Krise: So wollen Ökonomen die deutsche Wirtschaft ankurbeln. Touristen am Brandenburger Tor in Berlin: Um Deutschland zukunftsfest zu machen, setzen Top-Ökonomen auch auf eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs. (Quelle: imago images/Jochen Tack)

Touristen am Brandenburger Tor in Berlin: Um Deutschland zukunftsfest zu machen, setzen Top-Ökonomen auch auf eine Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs. (Quelle: Jochen Tack/imago images)

Deutschlands Ökonomen wollen das Land aus der Corona-Krise führen – mit einem riesigen Investitionsprogramm. Ohne Zahlen zu nennen, ist dennoch klar: Das wird hunderte Milliarden Euro kosten. 

Jetzt wird es ernst: Deutschlands führende Ökonomen haben sich zusammengetan und ein gemeinsames Konzept für den Aufbau nach der Krise präsentiert. Die Allianz, die sie bilden, ist bemerkenswert:

Erneut haben mit Sebastien Dullien vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) und Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zwei Wirtschaftswissenschaftler den Schulterschluss gesucht, die üblicherweise sehr unterschiedliche Auffassungen von der richtigen Wirtschaftspolitik haben.

Ihnen angeschlossen haben sich die Ökonomen Tom Krebs (Universität Mannheim), Barbara Praetorius, Co-Vorsitzende der "Kohlekommission", sowie Christa Katharina Spieß vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Gemeinsam fordern sie ein riesiges Investitionsprogramm, um die Wirtschaft nach der Corona-Krise wieder in Gang zu bringen.

Zentral sollten dabei die Bewältigung der Dekarbonisierung, des demographischen Wandels und der digitalen Transformation sein. Die Impulse sollten anders als in früheren Rezessionen zunächst nicht auf die Stimulierung des Konsums abzielen, sondern sich auf langfristig angelegte Investitionen in Zukunftsbereiche fokussieren, so die Ökonomen. "Eine solche Situation ist bei allen Belastungen und Unsicherheiten auch eine Chance", so IW-Chef Hüther in einer Videoschalte mit Journalisten.

Was wollen die Ökonomen genau?

Auf 13 Seiten stellen die Forscher ein großes Programm vor. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

1. Investitionen für den Privatsektor

Sie wollen hier besonders die Autoindustrie unterstützen – jedoch nicht mit einer Abwrackprämie, wie es die Branche selbst fordert, sondern durch die Förderung von Elektroautos, Ladesäulen und Batteriezellenproduktion. Eine Abwrackprämie wollen sie zwar auch – allerdings für Ölheizungen. Diese sollte verbunden werden mit Anreizen zum Einbau von Wärmepumpen. Ebenso wollen die Wirtschaftsforscher die Solar- und Windenergie in Deutschland ausbauen.

Außerdem sollten die Mittel für Forschung und Entwicklung für bestimmte Industrien wie erneuerbare Energien oder die Medizinbranche aufgestockt werden. Medizinische Produkte sollten vermehrt in Deutschland hergestellt werden. Dafür fordern die Ökonomen Zusagen, dass die Güter auch gekauft werden – und nicht etwa günstigere Produkte aus China.

2. Erhöhung der öffentlichen Ausgaben

Der Staat müsse insbesondere den Kommunen helfen, fordern die Ökonomen. "Die Pandemie ist kein kommunales Problem", sagte Dullien in der Videoschalte. Die Kommunen hätten jedoch mit hohen Kosten zu kämpfen.

So sollen ältere Verbindlichkeiten überschuldeter Kommunen gestrichen werden. Außerdem soll ein Corona-Fonds eingerichtet werden Aus diesem können sich die Kommunen die Kosten für die Pandemie-Bekämpfung erstatten lassen.

Generell wünschen sich die Experten den Ausbau des Schienen-Nahverkehrs sowie die Gründung von mehr öffentlichen Unternehmen, Firmen also, die mehrheitlich dem Staat gehören. Hier soll insbesondere die Digitalisierung vorangebracht werden, so die Hoffnung.

3. Investitionen in Bildung

Dritte zentrale Säule des Forderungskataloges stellen Investitionen in die Bildung dar. Die Ökonomen wollen, dass die Mittel für Schulen, Kitas, Berufsschulen und Unis in Deutschland aufgestockt werden. Sie fordern den Ausbau einer ganztägigen Betreuung von Grundschulkindern oder die flächendeckende Digitalisierung von Schulen. "Die heutige Pandemie ist ein Lackmustest, wie ernst wir es mit dem Investieren in die Bildung meinen", sagte Ökonomin Spieß.

Außerdem soll der Bund das sogenannte Transformations-Kurzarbeitergeld ausweiten. Das könnten Unternehmen in dem Fall für ihre Mitarbeiter in Anspruch nehmen, wenn sie wegen Modernisierung weniger Arbeit haben oder sich eine Branche generell wandelt. Die Mitarbeiter bekämen dann Kurzarbeitergeld vom Staat – und würden sich weiterbilden oder sich umschulen lassen.

Was würde ein solches Programm kosten?

Details zum Umfang und den Kosten eines solchen Pakets wollten die Forscher nicht nennen. Dafür erfordere der weitere Krisenverlauf zu viel Flexibilität. "Wir haben bewusst jetzt keine Milliardenzahl auf den Tisch gelegt", so Ökonom Dullien in der Videoschalte. Der Grund: Sie wollten jetzt keine Diskussion über genaue Summen aufmachen.

Einige Zahlen nannten die Ökonomen in dem Konzeptpapier allerdings doch. Aus ihnen lässt sich der Umfang zumindest grob ablesen. Fest steht: Das Programm würde sehr viel Geld kosten, mutmaßlich Hunderte Milliarden Euro. Allein für die Unterstützung finanzschwacher Kommunen schlagen die Forscher fünf Milliarden Euro vor – bis 2025.

Es könnte also mehr kosten als das Paket, das Dullien und Hüther bereits vergangenen Herbst vorgestellt hatten. Damals – als es noch kein Corona gab – nannten sie Zahlen. Und die waren gigantisch: 450 Milliarden Euro.

Und wie soll das bezahlt werden?

Wenigstens hierauf haben die Ökonomen eine Antwort, zumindest eine vorläufige: Der Bund müsse mehr Kredite aufnehmen. Angesichts momentan niedriger Zinsen und einer moderaten Staatsschuldenquote sei das momentan eine gute Zeit. 


Allerdings warnen andere Ökonomen derzeit vor einer steigenden Staatschuldenquote in den nächsten Jahren. Das Programm sei dennoch nachhaltig, hoffen die Ökonomen. Die genannten Zukunftsinvestitionen seien generationengerecht, "weil die erwartete gesamtwirtschaftliche Rendite weit über dem Zinssatz für eine Neuverschuldung liegt", schreiben die Wissenschaftler in dem Konzeptpapier.

Steuererhöhungen wollen sie hingegen nicht. Sonst würden die positiven Impulse aus dem Paket gleich wieder abgewürgt. "Diskussionen über Steuererhöhungen sind zurzeit kontraproduktiv", sagte Krebs von der Uni Mannheim.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Konzeptpapier von Dullien, Hüther et al.
  • Video-PK mit Journalisten
  • Mit Material der Nachrichtenagentur AFP
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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