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Nachhaltiger Trend? Wie das Coronavirus für einen Fahrrad-Boom sorgt

Nachhaltiger Trend?  

Wie das Virus für einen Fahrrad-Boom sorgt

09.05.2020, 11:43 Uhr | sle, dpa

Nachhaltiger Trend? Wie das Coronavirus für einen Fahrrad-Boom sorgt. Eine Frau arbeitet in einer Fahrradwerkstatt (Symbolfoto): Über sechs Milliarden Umsatz machte die Branche im vergangenen Jahr in Deutschland. (Quelle: imago images)

Eine Frau arbeitet in einer Fahrradwerkstatt (Symbolfoto): Über sechs Milliarden Umsatz machte die Branche im vergangenen Jahr in Deutschland. (Quelle: imago images)

Bei den Fahrradhändlern stehen Menschen aktuell Schlange. Viele Werkstätten kommen mit der Arbeit nicht mehr hinterher. Beschleunigt die Corona-Krise die Verkehrswende?

Wer dieser Tage beim Fahrradgeschäft The B-Site in Idar-Oberstein anruft, bekommt eine blecherne Ansage zu hören: "Liebe Kunden. Corona-Zeit ist Fahrrad-Zeit. Wir haben diese Woche geschlossen, um die aufgelaufenen Aufträge abzuarbeiten".

Ähnlich sieht es auch in anderen Teilen der Republik aus. Auch beim Fahrradladen von Jürgen Jung rheinland-pfälzischen Bad Sobernheim stehen die Kunden vor der Tür Schlange. Für ein Interview bleibt da keine Zeit.  

Ausgerechnet in der Hauptsaison mussten zuletzt Tausende Fahrradgeschäfte in ganz Deutschland schließen. Normalerweise werden zwischen März und Mai die meisten Räder verkauft. Wegen des Corona-Shutdowns fiel der Saisonstart für die Händler ins Wasser. Einzig in Berlin galt eine entsprechende Ausnahme, hier durften Fahrradläden weiter öffnen.

Fraglich, ob der Boom anhält

In den übrigen Bundesländern beginnt das Geschäft erst jetzt – und zwar merklich. "Mit der Wiedereröffnung der Fahrradgeschäfte am 20. April ist ein wahrer Boom losgegangen", sagt Arne Sudhoff, Sprecher des Fahrradherstellers Derby Cycle aus Cloppenburg.

Bei den Fahrradhändlern zeigt sich das anhand langer Schlangen vor den Geschäften und den Werkstätten. "Wir haben gut zu tun", sagt Albert Herresthal, Geschäftsführer des Verbund Service und Fahrrad e.V. (VSF) t-online.de.

Wie hoch der Umsatz seit der Wiedereröffnung ist, könne er noch nicht sagen, dafür sei es noch zu früh. Auch sei fraglich, ob der jetzige Boom tatsächlich zu höheren Umsätzen in diesem Jahr führe.

Manche Kunden steigen erst jetzt aufs Fahrrad um

"Zum einen dürfen durch die Sicherheitsmaßnahmen weniger Menschen in die Geschäfte", sagt Herresthal. "Zum anderen holen viele Menschen, die bereits vor einigen Wochen ein Fahrrad kaufen wollten, das jetzt lediglich nach".

Dazu passt, was Jirko Rienitz berichtet. Er arbeitet beim Fahrradgeschäft Radwelt in Berlin, das während der Shutdown-Phase weiter offen bleiben durfte. Rienitz konnte in den vergangenen Wochen keinen größeren Kundenansturm durch die Corona-Krise feststellen.

"Wir haben zwar auch Kunden, die jetzt sagen, dass sie wegen des Coronavirus aufs Fahrrad steigen", sagt er. "Davor waren es dann aber andere Gründe, wie Gesundheit und Fitness".

Nicht nur das Fahrrad ist Gewinner der Krise

Dennoch bestätigen zwei Studien, die diese Woche veröffentlicht wurden, dass einige Menschen ihr Verhalten ändern möchten. Laut einer repräsentativen Erhebung des Beratungsunternehmens McKinsey geben 40 Prozent der Befragten an, in Zukunft seltener öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu wollen und stattdessen auf das Auto oder Fahrrad umsteigen zu wollen.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine Studie des Instituts für Verkehrsforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Vieles weist darauf hin, dass Auto und auch Fahrrad als Gewinner aus der Krise hervorgehen werden", sagte die Direktorin des DLR-Instituts für Verkehrsforschung, Barbara Lenz.

Fahrradbranche macht Milliardenumsatz 

Dabei erlebt die Fahrradbranche bereits seit Jahren einen Aufwärtstrend. Besaßen die Deutschen vor zehn Jahren noch 69 Millionen Fahrräder, waren es 2019 bereits knapp 76 Millionen. Darunter machen Pedelecs, also Fahrräder mit einem Elektroantrieb, mittlerweile mehr als ein Drittel des Absatzes aus.

Für wen sich das E-Bike eignet und für wen nicht, lesen Sie hier.

Der Gesamtumsatz aller verkaufen Räder lag laut VSF im vergangenen Jahr bei 6,3 Milliarden Euro. Gegenüber dem Jahr 2014 entspricht das einem Plus von 75 Prozent.


Auch zeigt sich, dass Kunden bei Fahrrädern auf die Beratung vor Ort setzen. 67 Prozent der Verkäufe werden im Fachhandel getätigt. Zum Vergleich: Elektronik-Produkte wurden 2019 nur noch zu 40 Prozent im stationären Handel verkauft – 60 Prozent der Absatzes entfielen auf den Online-Handel.

Unterschiede zwischen Stadt und Land

Das lässt auch den Umsatz deutlich steigern. Während die am zweithäufigsten verkauften Räder, das Trekkingrad ohne E-Antrieb, im Schnitt 761 Euro kostet, liegt der Durchschnittspreis bei Rädern mit E-Antrieb bei 2.491 Euro.

Während es bei den Altersgruppen mittlerweile keine Unterschiede mehr gibt, sieht Albert Herresthal vom VSF Unterschiede zwischen Stadt und Land. "Die schweren E-Bikes werden am meisten auf dem Land verkauft, während in der Stadt leichte Räder bevorzugt werden", sagt er.

Ob sich der positive Trend für die Branche auch nach der Corona-Krise fortsetzen wird, ist laut Herresthal noch völlig offen.  Der Verband hofft allerdings darauf, dass sich neu geschaffenen, provisorischen "Pop-up"-Radwege, die während der Corona-Krise etwa in Berlin entstanden, positiv auf die Infrastruktur auswirken.

Linke will Fahrradprämie

"Nicht jeder Radweg wird bleiben, aber wenn einmal Fakten geschaffen sind, gewöhnen sich die Menschen auch schnell daran. Wir würden uns sehr freuen", sagt Herresthal. Schließlich sei die schlechte Infrastruktur mit ein Grund, warum Menschen bislang das Fahrrad nicht genutzt haben, sagt er.

Deshalb kommen jetzt aus der Politik Forderungen, den Radverkehr in Deutschland zu fördern. "Ich bin daher für eine Fahrradprämie oder Mobilprämie, die zur Finanzierung einer Reparatur oder Neuanschaffung eines Fahrrads genutzt werden kann", sagte der verkehrspolitische Sprecher der Linken, Andreas Wagner.

Ein Mechaniker arbeitet an einem Fahrradreifen: Fahrradverbände fordern mehr Investitionen in Infrastruktur. (Quelle: imago images)Ein Mechaniker arbeitet an einem Fahrradreifen: Fahrradverbände fordern mehr Investitionen in Infrastruktur. (Quelle: imago images)

Die Union steht dem Vorschlag skeptisch gegenüber. Für sie sei noch nicht erkennbar, ob jetzt tatsächlich mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen wollen. Auch seien die Kosten für eine solche Prämie zu hoch, sagte der verkehrspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Alois Rainer.

Menschen fühlen sich im Auto wohl

Der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Oliver Luksic, forderte, der Staat solle allgemein mehr in die Rad-Infrakstruktur investieren. "Das ist besser als einzelne Verkehrsträger direkt zu subventionieren". Für den Ausbau von Radwegen müssten die Mittel aber auch abgerufen werden. "In den letzten Jahren wurden die Bundesmittel nicht immer alle verbaut, dies muss besser werden", sagte Luksic.

Wie sehr die Menschen dauerhaft aufs Fahrrad umsteigen und sich die Infrastruktur für Fahrräder verbessert, bleibt abzuwarten. Denn eines hat die Studie des Instituts für Verkehrsforschung des DLR auch gezeigt:


Im privat genutzten Pkw fühlen sich die Menschen aktuell am Wohlsten – selbst junge Städter sehnen sich nach einem Auto. "Im Kontext der Corona-Krise kann man durchaus von einem Revival des Privatautos sprechen", sagte Barbara Lenz "Ob diese Entwicklungen auch in der Zeit nach Corona anhalten, wird nicht nur für uns Forschende spannend zu beobachten sein". Die Fahrradhändler dürften das ähnlich sehen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Nachrichtenagentur dpa
  • ZIV: Zahlen – Daten – Fakten zum Fahrradmarkt in Deutschland 2019
  • VSF: Fahrradfachhandel. Zahlen und Trends 2019/20
  • Berliner Morgenpost: Pop-Up-Wege sollen bleiben
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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