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Corona-Wirtschaftskrise? Jetzt droht ein noch weit größerer Einbruch

Zweite Welle  

Einbruch der Wirtschaft: Jetzt droht eine noch weit größere Krise

Von Saskia Leidinger

13.05.2020, 15:49 Uhr
Corona-Wirtschaftskrise? Jetzt droht ein noch weit größerer Einbruch. Eine Monteurin arbeitet im Werk des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen: Die Autobranche befindet sich im Umbruch und war schon vor der Corona-Pandemie in der Krise. (Quelle: dpa/Felix Kästle)

Eine Monteurin arbeitet im Werk des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen: Die Autobranche befindet sich im Umbruch und war schon vor der Corona-Pandemie in der Krise. (Quelle: Felix Kästle/dpa)

Geschäfte dürfen wieder öffnen, Restaurants mit Einschränkungen auch. Doch noch immer sind viele Menschen in Kurzarbeit und die Aufträge in vielen Industriezweigen gehen zurück. Kommt jetzt die zweite Welle der Krise?

Virologen warnen seit Wochen vor einer möglichen zweiten Ansteckungswelle. Und diese könnte den Experten zufolge noch schlimmer werden als zuvor. Doch auch der Wirtschaft könnte eine zweite Welle drohen; auf die millionenfache Anmeldung von Kurzarbeit folgen potenziell massenhafte Entlassungen und Insolvenzen.

Schon jetzt haben erste Firmen wie Galeria Karstadt Kaufhof angekündigt, ihren Personalstamm verkleinern zu wollen, auch die Luftfahrtbranche bereitet Stellenstreichungen vor. 

Laut einer Umfrage des Münchner Ifo-Instituts beschlossen im April bereits 58 Prozent der Betriebe in der Gastronomie, 50 Prozent der Hotels und 43 Prozent der Reisebüros, Beschäftigte zu entlassen. "Von nun an schlägt die Krise auf den deutschen Arbeitsmarkt durch", sagte dazu jüngst der Leiter der Ifo-Befragungen, Klaus Wohlrabe.

Viele Aufträge wurden storniert

Auch das Bundeswirtschaftsministerium ist deshalb alarmiert. "Generell gibt es eine sehr breite Betroffenheit in der Wirtschaft. Besonders betroffen sind natürlich alle Unternehmen, deren Geschäftstätigkeit durch die Beschränkungen ganz oder teilweise eingestellt werden musste", hieß es aus dem Ministerium. "Andere Unternehmen sind durch Lieferengpässe oder den Rückgang der Nachfrage betroffen."

Der Präsident des Mittelstandverbands (BVMW) Mario Ohoven warnte deshalb unlängst im Gespräch mit t-online.de: "Es ist fünf vor zwölf. Wir wissen aus einer Umfrage unseres Verbandes, dass die meisten Unternehmen bei einem harten Lockdown im Höchstfall noch vier Wochen durchhalten können."

Doch wie schlimm ist es wirklich? Wie sehen die Prognosen aus – und was sagen Unternehmensvertreter in den einzelnen Regionen?

Wer sich in Deutschland danach umhört, stößt auf viel Zustimmung zu Ohovens Einschätzung. Zum Beispiel von Carsten Meier, der als Geschäftsführer bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Saarland die Interessen der Firmen im kleinsten Flächenland der Republik vertritt. "Gerade bei kleinen und mittelständigen Unternehmen ist das Kapitalpolster sehr dünn", sagte er t-online.de

Kein Eigenkapitalaufbau in der Gastronomie möglich

Vor allem in der Gastronomie fürchten viele um ihre Existenz. Erst kürzlich gaben bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ein Drittel der befragten Betriebe eine drohende Insolvenz an, sollte sich die wirtschaftliche Lage nicht schnell verbessern.

Zwar gehörte die Gastronomie auch schon vor der Corona-Pandemie zu den Branchen mit den meisten Insolvenzen. Laut Statistischem Bundesamt lag die Insolvenzhäufigkeit im Gastgewerbe 2019 bei 97 Betrieben pro 10.000 Unternehmen. Nur im Bereich "Verkehr und Lagerei" müssen Betriebe häufiger Insolvenzen anmelden.

Kellner im Lokal "Herr Pimok" zapft ein Bier: In der Gastronomie wurden viele Menschen entlassen. (Quelle: dpa/Oliver Berg)Kellner im Lokal "Herr Pimok" zapft ein Bier: In der Gastronomie wurden viele Menschen entlassen. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

Dennoch könne man den Betrieben in der jetzigen Krise keinen Vorwurf machen, so Meier: "Die Umsatzmargen in der Gastronomie sind sehr gering. Das reicht nicht für einen großen Eigenkapitalaufbau."

Verbraucher in Schockstarre

Um weitere Unternehmenspleiten zu verhindern, fordern Wirtschaftsverbände ein schnelles Ende der Beschränkungen. "Es muss gelingen, den Wirtschaftskreislauf schnell wieder in Gang zu bringen und neue Perspektiven zu schaffen", sagte BVMW-Präsident Ohoven. "Die Unternehmen brauchen endlich wieder Planungssicherheit."

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): Der Minister strebt ein Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft an. (Quelle: dpa/Michael Kappeler)Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): Der Minister strebt ein Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft an. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet dagegen damit, dass sich die jüngsten Lockerungen der Corona-Einschränkungen positiv auf die Wirtschaft auswirken. "Die schrittweisen Lockerungen werden sich nach und nach auch für die Unternehmen und deren Ertragslage auswirken. Genaue Prognosen dazu sind nicht möglich", teilte das Ministerium auf Anfrage von t-online.de mit.

Doch führt die Öffnung einzelner Läden automatisch zu mehr Umsatz im Handel, womöglich künftig auch in der Gastronomie?

Nicht wirklich – sagen zumindest die Experten von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). "Die Verbraucher befinden sich in einer Schockstarre", sagte GfK-Experte Rolf Bürkl. Die Menschen gingen davon aus, dass Deutschland wegen der Corona-Krise in eine schwere Rezession stürzen werde. "Einkommenserwartung und Anschaffungsneigung befinden sich im freien Fall."

Mehrwertsteuer bringt wenig

Das lässt sich auch gut selbst beobachten. Denn trotz Wiedereröffnung sind die Einkaufsstraßen derzeit noch vergleichsweise leer. Obwohl sich vor einigen Geschäften Schlangen bilden, wirkt die Kundenschar in den Geschäften oft überschaubar. "Die Beendigung des Shutdowns war nur ein erster Schritt", sagte auch Meier von IHK Saarland. "Jetzt müssen Kunden wieder Vertrauen fassen."

Das ist auch wichtig, damit die von der Bundesregierung beschlossene Absenkung der Mehrwertsteuer für Gastronomiebetriebe greifen kann. "Diese nützt ohne Kunden wenig. Deshalb müssen Konsumenten der Branche unter die Arme greifen", empfiehlt Meier. 

Und noch etwas hindert die Unternehmen daran, schnell wieder die nötigen Umsätze erzielen zu lassen. "Durch die Hygienemaßnahmen rechnen wir in der Gastronomie damit, dass nur 30 Prozent der ursprünglichen Umsätze erzielt werden können", sagt Meier.

Krise betrifft fast alle Branchen

Wenig anders sieht es in zahlreichen anderen Wirtschaftszweigen aus. Laut DIHK rechnen 80 Prozent der befragten Unternehmen aus verschiedenen Branchen mit einem Umsatzrückgang für das gesamte Jahr. Jedes vierte Unternehmen rechnet demnach mit einem Minus von mehr als 50 Prozent – und viele glauben, dass sich der Umsatz erst wieder im nächsten Jahr stabilisieren wird.

Besonders drastisch zeigt sich das anhand der Kurzarbeit. Laut Ifo-Institut hat jedes zweite Unternehmen Kurzarbeit angemeldet, wobei es Unterschiede gibt: So mussten Hersteller von Medikamenten bis zuletzt keine Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Für sie gibt es genug zu tun.

Staat soll Autobranche helfen

Auch in der Chemiebranche waren es der Schätzung zufolge nur 30 Prozent. Hart aber trifft es die Automobilbranche, wo 94 Prozent der Firmen betroffen seien. "Das schlägt alle Zahlen aus der Finanzkrise von 2009", so Ifo-Experte Wohlrabe. Jetzt planen 39 Prozent der Betriebe in der Automobilbranche Stellenkürzungen.

Um einen noch größeren Schaden für die deutsche Wirtschaft abzuwenden, müsse laut Ohoven der Staat eingreifen, um die deutsche Autobranche zu retten.

Aktivisten der Kampagnenorganisation Campact demonstrieren vor dem Kanzleramt mit Schildern mit der Aufschrift "Vorfahrt fürs Klima" und "Stop Abwrackprämie": Die Protest richtete sich gegen eine erneute Abwrackprämie für Pkw.  (Quelle: dpa/Michael Kappeler)Aktivisten der Kampagnenorganisation Campact demonstrieren vor dem Kanzleramt mit Schildern mit der Aufschrift "Vorfahrt fürs Klima" und "Stop Abwrackprämie": Die Protest richtete sich gegen eine erneute Abwrackprämie für Pkw. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

"Die Automobilbranche ist von elementarer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland", sagte er t-online.de. "Daran hängen 800.000 Arbeitsplätze bei den Herstellern und ihren mittelständischen Zulieferern. Deshalb muss der Staat das Überleben dieser Schlüsselindustrie in der Corona-Krise sichern."

Investition statt Abwrackprämie

Auch Carsten Meier findet: "Wir müssen alle ein Interesse daran haben, dass es der Automobilbranche wieder gut geht. Das ist eine Branche mit großer regionaler Wertschöpfung." Doch von einer Abwrackprämie hält der IHK-Experte wenig. "Stattdessen sollte es Investitionen in die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge geben", so Meier.

Eine mit Gittern und Absperrband geschlossene grüne Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland: Wirtschaftsverbände fordern baldige Grenzöffnungen. (Quelle: dpa/Georgios Kefalas)Eine mit Gittern und Absperrband geschlossene grüne Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland: Wirtschaftsverbände fordern baldige Grenzöffnungen. (Quelle: Georgios Kefalas/dpa)

Ohoven geht noch weiter. Um schnell aus der Krise wieder herauszukommen, hat er eine Reihe von Ideen. "Entscheidend ist, dass im Mittelstand das Vertrauen in den Markt und damit auch für langfristige Investitionen zurückkehrt", sagte er t-online.de "Dafür benötigen wir eine politische Reformagenda: weniger Steuern und Abgaben, mehr Flexibilität."

Auch der Solidaritätszuschlag sollte laut Ohoven rückwirkend zum 1. Januar 2020 abgeschafft werden. "Dadurch erhielten die Betriebe schnell und unbürokratisch frische Liquidität."

Beschleunigung für Digitalisierung

Meier hat mit Blick auf die Unternehmen in grenznahen Gebieten eine klare Forderung an die Politik: "Unser Appell ist, dass die Grenzen wieder öffnen müssen. Unternehmen entgehen durch Grenzschließung 30 Prozent des Umsatzes."

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will mit einem Vier-Stufen-Plan den Unternehmen helfen. "Dabei geht es neben Hilfen für die Unternehmen auch um ein Konjunkturprogramm sowie darüber hinausgehend ein 'Fitness-Programm', das strukturell die Wirtschaft unterstützen soll, unter anderem durch eine Unterstützung von Investitionen und Innovationen, einen Abbau von Belastungen und eine Beschleunigung von Verfahren", erklärte das Ministerium. 


Trotz der großen Umsatzeinbußen könnte die Corona-Krise auch einen positiven Effekt erzielen. "Die Corona-Pandemie wird Beschleuniger der Digitalisierung", schätzt Meier. Doch die meisten Unternehmer und Arbeitnehmer hoffen wohl erst einmal darauf, dass die große Entlassungswelle nicht kommt – genauso wie eine zweite Ansteckungswelle.

Verwendete Quellen:

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