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Werden Frauen in der Corona-Krise häufiger arbeitslos als Männer?

Ökonomen uneins  

Werden Frauen in der Corona-Krise häufiger arbeitslos als Männer?

31.05.2020, 12:55 Uhr
Werden Frauen in der Corona-Krise häufiger arbeitslos als Männer?. Zwei Geschäftsleute in einer Fabrik (Symbolbild): Ökonomen streiten darüber, ob Männer oder Frauen stärker von der Corona-Krise betroffen sind. (Quelle: imago images/Westend61)

Zwei Geschäftsleute in einer Fabrik (Symbolbild): Ökonomen streiten darüber, ob Männer oder Frauen stärker von der Corona-Krise betroffen sind. (Quelle: Westend61/imago images)

Nicht nur Virologen, auch Volkswirte streiten über die Folgen der Corona-Krise. Jüngstes Beispiel: die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt für Frauen und Männer. 

Dass die Corona-Krise einen Großteil der Frauen deutlich stärker belastet als Männer, lässt sich in vielen Familien beobachten: Oft sind es vor allem Mütter, die sich derzeit um die Kinder kümmern, die wegen der Schul- und Kitaschließungen Zuhause bleiben müssen.

Umstritten ist dagegen, welche Konsequenzen die Krise für Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt hat. Während einige Ökonomen aufzeigen, dass die Corona-Krise Branchen trifft, in der primär Frauen arbeiten, sagen andere, dass es bei Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Klare Ergebnisse

t-online.de liegt dazu vorab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) vor. Ihr zufolge sind Frauen und Männer gleich stark von den Folgen der Krise auf dem Arbeitsmarkt betroffen. Die Autoren widersprechen damit in Teilen einem vor zwei Wochen veröffentlichten Papier des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), das zu dem Schluss kommt, dass Frauen stärker und Kurzarbeit und Jobverlusten litten.

Beide Studien belegen ihre Ergebnisse anhand von Statistiken und Zahlen. Und doch stellt sich die Frage: Wer hat recht in diesem Ökonomen-Zwist? t-online.de hat die Untersuchungen gelesen und fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen:

Sind Frauen stärker als Männer von Kurzarbeit betroffen?

  • Die DIW-Forscherinnen Anna Hammerschmid, Julia Schmieder und Katharina Wrohlich sagen Ja. Zumindest im Vergleich zu früheren Krisen. Als Grund dafür führen sie an, dass – anders als etwa in der Finanzkrise 2009 – aktuell nicht nur Fabriken, in denen überwiegend Männer arbeiten, Kurzarbeit beantragt haben, sondern wegen des Lockdowns auch viele Firmen im Einzelhandel, im Kulturbereich und in der Gastronomie schließen mussten. Allein im Gastgewerbe, so die Expertinnen, meldeten die Betriebe für 96 Prozent aller Beschäftigten Kurzarbeit an, im Kultursektor für immerhin noch 71 Prozent der Angestellten.

    Worauf die Volkswirtinnen dabei besonders hinweisen: Gerade in diesen beiden Bereichen sind überdurchschnittlich viele Frauen beschäftigt. Ihre Schlussfolgerung: "Im Unterschied zu vergangenen Krisen, die häufig männerdominierte Wirtschaftssektoren besonders getroffen haben, drohen infolge der Corona-Pandemie auch Sektoren mit einem hohen Frauenanteil unter den Beschäftigten Einschnitte. Im besonders stark von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffenen Bereich Gastgewerbe sind beispielsweise mehr als die Hälfte aller Beschäftigten Frauen." Plakativ leiten sie daraus in der Überschrift ihrer Studie ab: "Frauen [sind] in [der] Corona-Krise stärker am Arbeitsmarkt betroffen als Männer".
  • Die IW-Volkswirte Holger Schäfer und Jörg Schmidt kommen in ihrem bislang noch unveröffentlichten Papier zu einem anderen Schluss. In der Studie, die t-online.de vorliegt, berufen sie sich auf die jüngsten Daten der Bundesagentur für Arbeit. Zwar räumen sie ein, dass die Betroffenheit von Frauen im Vergleich zur Finanzkrise 2009 größer ist, wenn man sich einzelne Wirtschaftsbereiche mit den höchsten Frauenanteilen anschaue. Jedoch "liegen keine Hinweise vor, dass Branchen mit einem höheren Frauenanteil überdurchschnittlich stark von Kurzarbeit betroffen sind".

    Mit Blick auf sämtliche Branchen in Deutschland zeichneten die offiziellen Daten der Bundesagentur für Arbeit sogar einen gänzlich anderes Bild: "Über alle Sektoren beträgt die geschätzte Gesamtzahl von Frauen, die im März und April 2020 Kurzarbeit angezeigt wurde, rund 4,1 Millionen Beschäftigte, während etwa 6,0 Millionen Männer von Kurzarbeit betroffen sein dürften." Von den Rund zehn Millionen Beschäftigten, für die Kurzarbeit angemeldet wurde, sind also nur 41 Prozent Frauen.Und dieser Prozentsatz ist sogar noch geringer als der Frauenanteil an der Gesamtzahl aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, der 46 Prozent liege. Im Klartext: Unter den Beschäftigten, für die Kurzarbeit angemeldet wurde, sind Frauen im Vergleich zur gesamten Arbeitnehmerschaft unterrepräsentiert.

Verlieren Frauen in der Corona-Krise öfter ihren Job?

  • Die DIW-Expertinnen haben sich zur Beantwortung dieser Frage den Zuwachs der Arbeitslosenzahlen im April dieses Jahres angeschaut und mit Zahlen vom April 2019 verglichen. Demnach habe sich der "Zugang an Arbeitslosen", also der Saldo aus neuen Arbeitslosen und jenen, die einen Job gefunden haben, um insgesamt 81.000 gegenüber dem Vorjahr erhöht. Die Zahl der weiblichen Neu-Arbeitslosen stieg dabei um 16 Prozent – die der männlichen nur um zwölf Prozent. Prozentual wurden im April also mehr Frauen arbeitslos als Männer. Im Vorjahr 2019, so die Autorinnen, war das Verhältnis umgekehrt.

    Erneut verweisen sie dabei auf Hotels, Restaurants und Bars, wo mehr Frauen als Männer arbeiten. "Der Anstieg derer, die ihre Beschäftigung im Gastgewerbe verloren und daher arbeitslos wurden, war besonders groß", so die Autorinnen. "Der Übergang von Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit war hier mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr." Ähnlich sehe es im Bereich Kunst und Kultur aus – ein Sektor, in dem ebenfalls überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten.
  • Die IW-Volkswirte hingegen haben für den Anstieg der Arbeitslosigkeit während der Corona-Krise zunächst die Arbeitslosenquote je Geschlecht betrachtet. Damit ist der Prozentsatz an arbeitsfähigen Menschen gemeint, die sich arbeitslos gemeldet haben. Im Vergleich zum März erhöhte sich die Arbeitslosenquote bei Männern von 5,5 Prozent auf 6,2 Prozent, also um 0,7 Prozentpunkte. Bei Frauen fiel der Anstieg der Quote mit einem Plus 0,7 Prozentpunkten genauso hoch aus: Bei ihnen stieg die Arbeitslosenquote den IW-Experten zufolge, von 4,7 Prozent auf 5,4 Prozent – ein Indiz dafür, dass es keine Geschlechterunterschiede gibt.

    Auch Schäfer und Schmidt gehen anschließend auf den absoluten Anstieg der Arbeitslosenzahlen je Geschlecht ein, rechnen dabei auch mit ähnlich gerundeten Zahlen wie ihre DIW-Kolleginnen. Allerdings geben sie zu bedenken, dass grundsätzlich mehr Männer als Frauen einer Beschäftigung nachgehen und Männer zahlenmäßig auch unter den Arbeitslosen stärker vertreten sind. Die These, dass Frauen von der Corona-Krise in besonderem Maß negativ betroffen seien, könne deshalb "empirisch nicht gestützt werden".

Und was heißt das jetzt – wer hat nun recht?

Zunächst heißt das, dass auch die Volkswirtschaftslehre, in diesem Fall die Ökonomie des Arbeitsmarktes, keine rein naturwissenschaftliche Disziplin ist. Es gibt also nicht nur schwarz und weiß. Vielmehr zeigt die aktuelle Frage, dass es – wie in einer Sozialwissenschaft – auf den Blickwinkel ankommt. Denn sowohl die Volkswirtinnen des DIW als auch die IW-Wirtschaftsforscher bringen stichhaltige Argumente hervor, um ihren Standpunkt zu untermauern.

Insofern haben, bezogen den engeren Fokus der jeweiligen Studien, beide Autorengruppen in Teilen recht. Die DIW-Expertinnen belegen, dass Frauen in Zeiten von Corona die Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt stärker zu spüren bekommen als in früheren Krisen, zum Beispiel nach dem Finanzmarkt-Crash 2009. Denn es stimmt: Anders als vor zehn Jahren leiden jetzt auch Wirtschaftszweige, in denen besonders viele Frauen arbeiten – das ist ein neues Phänomen.

Die zugespitzte Aussage, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt momentan stärker als Männer in Mitleidenschaft gezogen werden, ist dagegen nicht gänzlich korrekt, zumindest nicht pauschal. Denn über alle Branchen und Wirtschaftsbereiche hinweg zeigen die IW-Ökonomen anhand der offiziellen Statistiken, dass umgekehrt sogar für mehr Männer als Frauen Kurzarbeit angemeldet wurde wurde. Ebenso sieht es bei der Frage aus, ob Frauen grundsätzlich, über alle Branchen hinweg, eher arbeitslos werden als Männer. Hier zeigt sich, dass beide Geschlechter ähnlich stark betroffen sind.

Verwendete Quellen:
  • IW-Kurzbericht 64/2020: "Arbeitsmarkt in Corona-Zeiten: kein Nachteil für Frauen"
  • DIW-Aktuell Nr. 42: "Frauen in Corona-Krise stärker am Arbeitsmarkt betroffen als Männer"

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