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Auswege aus der Corona-Krise – "Wir brauchen ein Endlager für Schulden"

INTERVIEWAusweg aus Corona-Krise  

"Ewige Schulden sind das Beste, was uns passieren kann"

07.06.2020, 13:42 Uhr
Auswege aus der Corona-Krise – "Wir brauchen ein Endlager für Schulden". Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main: Ökonom Daniel Stelter schlägt vor, sie solle ein Endlager für Staatsschulden aufbauen. (Quelle: imago images/Hannelore Förster)

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main: Ökonom Daniel Stelter schlägt vor, sie solle ein Endlager für Staatsschulden aufbauen. (Quelle: Hannelore Förster/imago images)

Was bringt das Konjunkturpaket der großen Koalition? Wie schnell geht es mit der Wirtschaft wieder bergauf? Und warum muss das Renteneintrittsalter steigen? Fragen an den Ökonomen Daniel Stelter.

Die Corona-Krise ist für die globale Wirtschaft nicht nur eine vorübergehende Herausforderung. Sie könnte der Auslöser sein, um das Wirtschaftssystem als Ganzes, unser Verständnis von Staatsschulden und Wachstum zu überdenken. So zumindest sieht es der Volkswirt Daniel Stelter.

Stelter bezeichnet sich selbst als unabhängigen Ökonomen, weil er nicht Teil eines der großen Wirtschaftsforschungsinstitute ist. Die Krise hat er zum Anlass genommen, ein 200 Seiten starkes Buch über die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft zu schreiben – sein griffiger Titel: "Coronomics", ein Kofferwort aus "Corona" und "Economics", zu Deutsch Ökonomik.

Darin beschreibt er nicht nur, wie die Ausbreitung des Virus die Unternehmen lahmlegt, sondern skizziert auch seine Ideen zur Lösung der Probleme. Im Interview erläutert er, was zur Wiederbelebung der Wirtschaft besser wäre als die geplante Senkung der Mehrwertsteuer – und warum es in Ordnung ist, wenn Staaten große Schuldenberge auftürmen.

t-online.de: Herr Stelter, eine Senkung der Mehrwertsteuer lehnen Sie in "Coronomics" ab. Jetzt kommt sie trotzdem. Wie sehr ärgert es Sie, dass Finanzminister Olaf Scholz Ihr Buch nicht gelesen hat?

Daniel Stelter: Einspruch! Ich habe einzig die alleinige Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie abgelehnt, weil ich der Meinung bin, dass die geringe Ersparnis für die Verbraucher kaum mehr Menschen in die Restaurants treibt. Eine temporäre Senkung der Mehrwertsteuer auf alles finde ich dagegen prinzipiell charmant. Denn bei größeren Anschaffungen etwa Autos, Möbel oder einem neuen Dach stellen geringere Preise einen Kaufanreiz dar – der den Konsum und damit Wirtschaft befeuert.

Zielgerichtet aber ist das nicht. Es gilt vielmehr das Gießkannen-Prinzip. Ökonomisch ist das doch schlecht, oder?

Ja, das stimmt, das ist der Haken daran. Zwar finde ich es grundsätzlich gut, dass es die Steuersenkung gibt, sie ist besser als nichts. Noch sinnvoller aber wäre gewesen, Konsumgutscheine mit einem Ablaufdatum zu verteilen. Bei ihnen hätte man sagen können, dass sie nur zu bestimmten Anlässen, etwa in Hotels, Restaurants, aber auch in den lokalen Geschäften genutzt werden dürfen. Die Mehrwertsteuersenkung sorgt dagegen – wenn überhaupt – nur dafür, dass größere Anschaffungen spürbar günstiger werden. Kleine Geschäfte, die vergleichsweise günstige Waren anbieten, profitieren wahrscheinlich weniger davon, weil die Steuersenkung keinen Massenkonsum hervorrufen wird. Zumindest nicht in den Innenstädten.

Sie spielen darauf an, dass vor allem der Onlinehandel profitieren könnte, zum Beispiel Amazon.

Das jedenfalls ist gut möglich. Wir sehen ja schon jetzt, dass die Menschen kaum mehr in die Geschäfte gehen, zum Teil aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona, zum Teil, weil sie genervt sind vom Schlangestehen mit Masken. Viele Menschen haben während des Lockdowns zudem gelernt, wie komfortabel die Lieferung nach Hause ist – das könnte sich jetzt fortsetzen. Das Konjunkturpaket löst also eines der Hauptprobleme nicht: Es setzt keinen Anreiz dafür, dass die Menschen wieder verstärkt in die kleinen Geschäfte und Betriebe vor Ort stürmen.

Sie vergessen den Pauschalbetrag für Eltern von 300 Euro je Kind, der einem Gutschein sehr nahe kommt. Was ist damit?

Das zählt nicht. Denn erstens ist das Ausgeben dieses Betrags weder zeitlich noch örtlich begrenzt. Und zweitens handelt es sich dabei ja eher um eine soziale Wohltat für Familien, die in den vergangenen Monaten erhöhte Ausgaben hatten. Das Geld dient also eher der rückwirkenden Finanzierung von vergangenem Konsum und weniger für Ausgaben in der Zukunft.

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich erwägt schon jetzt, aus der temporären Steuersenkung eine dauerhafte zu machen. Was halten Sie von der Idee?

Für die Antwort auf diese Frage muss ich eines vorausschicken: Ich bin generell dafür, dass man die Steuern und Abgaben in Deutschland deutlich senken sollte – und zwar dauerhaft. Im konkreten Fall aber ist die Idee ja eine andere. Hier geht es darum, der Wirtschaft einen Impuls zu verleihen, sie kurzfristig anzuschieben. Das erreiche ich nur mit Maßnahmen, die zeitlich beschränkt sind. Wird die Mehrwertsteuer dauerhaft gesenkt, hat niemand einen Grund, jetzt loszulaufen und etwas zu kaufen. Denn dann könnte sie das ja auch noch nächstes Jahr machen. Deshalb wäre es im aktuellen Kontext falsch, die Mehrwertsteuer dauerhaft zu senken.

Der Wirtschaftsexperte
Daniel Stelter, geboren 1964, ist promovierter Volkswirt und Spezialist für Makroökonomie. Nach seiner Promotion an der Universität St. Gallen arbeitete er bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group, ehe er sich als freier Autor und Wirtschaftsexperte selbstständig machte. Stelter bezeichnet sich als unabhängigen Ökonomen. In seinem Blog "Beyond the obvious" veröffentlicht er regelmäßig Kommentare zur Wirtschaftspolitik. Vor seinem jüngsten Werk "Coronomics. Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise", das im Campus Verlag erschien, schrieb er unter anderem das Buch "Schulden im 21. Jahrhundert". Stelter ist verheiratet und hat drei Kinder.

Impulse setzen will der Bund auch mit Entlastungen für die Kommunen und Extra-Geld für die Bahn. Wie schnell helfen solche Maßnahmen der Wirtschaft?

Auf den Tag genau lässt sich das nicht sagen. Klar ist aber: Investitionen, etwa bei der Bahn, werden sehr lange dauern. Zunächst muss die Bahn ein Bauprojekt aufsetzen, dann muss sie es planen, ausschreiben, schließlich den Auftrag zur Ausführung an eine Firma vergeben. Erst dann werden die Gelder wirklich wirksam. Bis dahin haben wir eine völlig andere Welt. Trotzdem ist es natürlich absolut richtig, dass wir im Inland mehr investieren. Nur wenn wir das tun, wenn wir vor allem Geld in unsere Infrastruktur stecken, kann sich Deutschland dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg sichern. Und das ist wichtig, denn ich glaube: Wir werden jetzt, in der zweiten Jahreshälfte, einen relativ steilen Anstieg des Wachstums erleben – danach aber, 2021, wird die Wachstumskurve wieder abbröckeln. Daran werden die aktuellen Maßnahmen nichts ändern. Deshalb werden wir weitere Konjunkturpakete in den kommenden Jahren sehen, auch auf europäischer Ebene.

Der Bund muss bereits für das aktuelle Paket Kredite aufnehmen. Wie groß ist die Gefahr, dass aus kurzfristigen Schulden dauerhafte, schließlich "ewige Schulden" werden?

Da sehe ich gar keine Gefahr, weil es keine ist. Ich halte ewige Schulden für das Beste, was uns passieren könnte. Es ist ein deutsches Missverständnis, dass Staaten ihre Schulden zurückbezahlen. Staatsschulden lösen sich durch das Wachstum der Wirtschaft auf. Zur Verdeutlichung: Für die sogenannte Schuldenquote als Gradmesser der Staatsverschuldung werden die Verbindlichkeiten ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), gesetzt. Wächst das BIP bei gleichbleibendem Schuldenstand, sinkt die Quote und damit die Verschuldung. So einfach ist das.

Das stimmt nicht ganz. Der Staat tilgt ja auch einen Teil seiner Schulden.

Ja, für einen gewissen Anteil der Schulden trifft das zu. Im Großen und Ganzen aber sind wir etwa die Staatsschulden aus der Finanzkrise 2008/2009 durch Wachstum, vor allem dank der Exporte der Auto- und Maschinenbauer, losgeworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es ähnlich: Damals haben sich viele Staaten, die sich wegen des Krieges verschuldet hatten, durch Wachstum und durch Inflation entschuldet. Es wäre dumm, wenn der Staat jetzt spart, um die neuen Schulden abzubauen. Die Wirtschaft braucht das staatliche Geld. Deutschland muss zum Wachstum zurückfinden.

Der Ökonom Daniel Stelter ist freier Autor und Wirtschaftsexperte. (Quelle: Robert Recker/Berlin)Der Ökonom Daniel Stelter ist freier Autor und Wirtschaftsexperte. (Quelle: Robert Recker/Berlin)

Um das zu erreichen, muss, so schreiben Sie es in Ihrem Buch, die Produktivität in Deutschland steigen. Was muss dafür wiederum geschehen?

Kurz gesagt: Wir müssen endlich wieder mehr investieren. Vor der Corona-Krise wurde geschätzt, dass es in den nächsten Jahren 450 Milliarden Euro braucht, um Deutschland langfristig flott zu machen. Wir sprechen von Straßen, Brücken, vom Bahnnetz, vor allem aber auch von der digitalen Infrastruktur. Da ist Deutschland im weltweiten Vergleich ganz weit hinten. Jeder, der zuletzt im Homeoffice saß, weiß das. Dann müssen wir dringend in Bildung investieren – und vor allem die Standards erhöhen. Es darf nicht sein, dass die Zahl der Abiturienten und Studenten immer weiter wächst und die der Lehrlinge in der dualen Ausbildung sinkt. Zudem braucht es natürlich mehr Investitionen in den Klimaschutz, in die Forschung und Entwicklung grüner Technologien.

Was Sie in diesem Zuge immer wieder und auch jetzt in Ihrem jüngsten Werk fordern, ist eine Anhebung des Rentenalters. Stellen Sie sich vor, Sie wären Bundeskanzler: Wie würden Sie diese Idee dem Volk vermitteln?

Ich würde sagen: Liebe Bürger, ich weiß, ein späteres Renteneintrittsalter ist sehr unpopulär, aber es führt kein Weg daran vorbei. Erstens wird es in spätestens zehn Jahren ohnehin so kommen. Und zwar ungeordnet. Besser ist es, wenn wir es jetzt langsam vorbereiten und allen die Möglichkeit geben, sich darauf einzustellen, sodass alle entsprechend vorsorgen können. Und zweitens: Ich will, dass Sie Spaß daran haben. Deshalb senke ich die Steuern und Abgaben für ältere Menschen, die jetzt schon über dem aktuellen Rentenalter sind und noch arbeiten. Wer dann weiter arbeitet, bekommt von mir also eine besondere Entlastung.

Blicken wir nach Brüssel: Die jüngst gefundene europäische Antwort auf die Corona-Krise kommt de facto einer Vergemeinschaftung von Schulden gleich. Sie sehen sie kritisch. Warum?

Weil das der Einstieg in eine sogenannte Transferunion ist, bei der die weniger verschuldete Staaten wie Deutschland den höher verschuldeten Staaten wie Italien, Spanien aber auch Frankreich mit ihrem Geld aufpäppeln. Nach dem aktuellen Plan der EU-Kommission bekommen diese Staaten deutlich mehr Geld aus Brüssel als etwa Deutschland. Gleichzeitig steht Deutschland für einen viel größeren Teil der Schulden gerade. Das heißt, es handelt sich um ein Geschenk von uns an unsere Nachbarländer. Und das ist nicht gerecht. Denn innerhalb der Eurozone gehören die Privathaushalte in Deutschland zu den ärmsten. Insbesondere die Privathaushalte in Italien sind deutlich vermögender als die deutschen. Zudem verfestigt der Plan nur alte Strukturen, das Geld sorgt nicht dafür, dass die hoch verschuldeten Länder produktiver werden.

Was wäre besser, um die Folgen der Corona-Krise in Europa gemeinsam zu bekämpfen?

Wir brauchen ein Endlager für Schulden. Deshalb plädiere ich dafür, dass die Staaten – auch Deutschland! – einen Teil ihrer Schulden bei der Europäischen Zentralbank (EZB) abladen können, sodass sie selbst nicht mehr davon belastet werden.

Wie genau meinen Sie das?

Im Prinzip sind wir ja schon auf dem Weg dahin. Die EZB kauft gerade noch einmal mehr als früher im großen Rahmen Staatsanleihen auf. Die Endlager-Idee würde bedeuten: Die EZB behält diese Schulden auf Dauer, die Staaten tilgen sie bei ihr nicht. Praktisch wäre das eine Art Schuldenschnitt – der nicht nur den Staaten helfen würde, die sehr hohe Schulden haben, sondern auch Staaten wie Deutschland.

Das neueste Buch von Daniel Stelter: "Coronomics. Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise", erschienen im Campus-Verlag. (Quelle: Promo)Das neueste Buch von Daniel Stelter: "Coronomics. Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise", erschienen im Campus-Verlag. (Quelle: Promo)

Erlaubt ist ein solches Endlager aber nicht. Denn die EZB darf laut ihrem Mandat die Staaten der Eurozone nicht direkt finanzieren.

Das täte sie ja auch nicht. Sie trüge lediglich zur Stabilisierung der Eurozone bei, sorgte dafür, dass die Wirtschaft wächst und dass das Inflationsziel von knapp zwei Prozent erreicht wird. Wenn der Bundestag einer solchen Übertragung der Schulden zustimmt, sehe ich selbst darin kein Problem.


Zum Abschluss ein Blick auf die Finanzmärkte, an denen bekanntlich die Zukunft gehandelt wird: Dort herrscht derzeit Hochstimmung. Ist das ein Zeichen dafür, dass alles halb so schlimm wird?

Das könnte man sagen, es ist aber nicht sicher. Sicherlich nehmen die Börsen gerade viele Entwicklungen vorweg. Sie sind aber auch stark vom billigen Geld und den staatlichen Konjunkturpaketen geleitet. Die Erholung basiert auf drei Annahmen: Erstens, das billige Geld bleibt uns erhalten. Zweitens, wir erleben wirklich eine V-förmige Entwicklung des Wachstums, also einen starken Anstieg, der auf den starken Absturz der Wirtschaft folgt. Und drittens, wir bekommen keine weitere Welle der Pandemie. Die erste Annahme ist richtig. Bei der zweiten und dritten lässt es sich noch nicht abschließend sagen. Deshalb ist offen, ob alles halb so schlimm wird oder nicht.

Herr Stelter, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Interview mit Daniel Stelter
  • "Coronomics", von Daniel Stelter

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