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Corona-Insolvenzen: Warum die meisten Firmen erst ab Herbst pleite gehen

Insolvenzwelle  

Warum die meisten Firmen erst ab Herbst pleite gehen

08.06.2020, 15:57 Uhr
Corona-Insolvenzen: Warum die meisten Firmen erst ab Herbst pleite gehen. Eine Geschäftsaufgabe in Bonn (Symbolbild): Wegen der Corona-Krise dürften perspektivisch noch viele Unternehmen schließen. (Quelle: imago images/Phototek)

Eine Geschäftsaufgabe in Bonn (Symbolbild): Wegen der Corona-Krise dürften perspektivisch noch viele Unternehmen schließen. (Quelle: Phototek/imago images)

Die Zahl der Insolvenzen ist zum Jahresbeginn gefallen. Doch dabei wird es nicht bleiben. Für das zweite Jahr rechnet Experte Lucas Flöther mit einem starken Anstieg der Pleiten.

Es ist eine Statistik, die Laien überraschen dürfte: Die Zahl der eröffneten Insolvenzverfahren in Deutschland ist laut Statistischem Bundesamt in den ersten drei Monaten des Jahres leicht gesunken.

Insgesamt meldeten die Amtsgerichte 4.683 Fälle – 3,7 Prozent weniger als im ersten Quartal 2019. Die meisten Firmenpleiten gab es demnach im Handel mit 788 Fällen, gefolgt von Baufirmen (761 Fälle) und Unternehmen im Gastgewerbe (514 Fälle).

Alles also halb so wild? Treibt die Corona-Krise deutlich weniger Firmen in den Ruin als gedacht?

t-online.de hat darüber mit Lucas Flöther gesprochen, einem der bekanntesten Insolvenzverwalter Deutschlands, der unter anderem die Pleite von Air Berlin abwickelt. Sein Urteil: Anlass zur Entwarnung bieten die Zahlen nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Warum fällt die Zahl der Insolvenzen statt zu steigen?

Angesichts der jüngsten Nachrichten über coronabedingte Firmenpleiten wirken die Zahlen auf den ersten Blick widersinnig. Auf den zweiten aber wird schnell klar: Die Corona-Krise kann sich in den Zahlen noch gar nicht bemerkbar machen.

Insolvenzverwalter Lucas Flöther. (Quelle: Flöther und Wissing)Insolvenzverwalter Lucas Flöther. (Quelle: Flöther und Wissing)

"Erstens hat der Lockdown erst Ende März eingesetzt und damit erst ab diesem Zeitpunkt vielen Unternehmen die Geschäftsgrundlage entzogen", sagt Insolvenzexperte Flöther. Auf die Statistik für das erste Quartal konnte die Krise also fast keine Auswirkungen haben.

Ergänzend nennt das Statistischen Bundesamt Zahlen zu den eröffneten Insolvenzverfahren im Mai", so Flöther weiter. Zwischen der Beantragung und dem tatsächlichen Beginn eines Insolvenzverfahrens lägen in der Regel zwei bis drei Monate.

Flöther: "Das bedeutet: Wir haben es hier mit den Firmenpleiten von Anfang 2020 zu tun. Mit Corona hängt all das noch nicht zusammen."

Wann kommt die Insolvenzwelle – und wie groß wird sie?

Dass die Corona-Krise Tausende Firmen in die Pleite treiben wird, gilt unter Experten als sicher. Auch zahlreiche Branchenverbände, wie zum Beispiel der Handelsverband HDE, wiesen zuletzt regelmäßig auf die Gefahr einer Insolvenzwelle hin.

Diese aber wird sich voraussichtlich erst im zweiten Halbjahr bahnbrechen. Der wichtigste Grund dafür: Der Gesetzgeber hat Firmen, die wegen Corona von der Insolvenz bedroht sind, kurzfristig von der Pflicht zum Insolvenzantrag befreit.

"Diese Regelung läuft nach derzeitigem Stand zum 30. September aus", sagt Flöther. "Danach müssen die Unternehmen wieder durchfinanziert sein, weil die Geschäftsführer sonst Gefahr laufen, sich der Insolvenzverschleppung schuldig zu machen."

Wie viele Unternehmen dann pleite sind, lässt sich kaum prognostizieren. Flöther verweist jedoch auf die Zahl von über 850.000 Unternehmen, die wegen Corona bereits Kurzarbeit angemeldet hätten. Natürlich sei der Großteildieser Unternehmen nicht von einer Insolvenz bedroht, jedoch werde anhand dieser Zahl deutlich, wie viele Firmen finanzielle Schwierigkeiten hätten.

"Sicher ist schon jetzt: Die Zahl der größeren Unternehmen, die in Schieflage geraten, wird in der Corona-Krise deutlich steigen", so Flöther. "Die Krise wird folglich deutlich größere Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, weil mehr Menschen der Verlust ihrer Arbeitsplätze droht."

Welche Branchen trifft es besonders hart?

Vor allem jene, die schon jetzt wegen Probleme in den Schlagzeilen sind, also: die Gastronomie, der Tourismus, der Flugverkehr, aber auch viele Unternehmen im Kultur- und Eventsektor.

Zwar hätten laut Insolvenz-Experte Flöther viele Unternehmen von staatlichen Zuschüssen profitiert, sodass sie mehr oder weniger gut über die ersten Wochen des Corona-Lockdowns gekommen wären. "Viele haben aber auch neue Kredite aufgenommen, die sie später abbezahlen müssen", sagt er. "Gelingt das nicht, potenzieren sich die Probleme."

Die Reisebranche leidet stark unter der Corona-Krise: Die Lufthansa musste zuletzt vom Staat gerettet werden. (Quelle: dpa/Boris Roessler)Die Reisebranche leidet stark unter der Corona-Krise: Die Lufthansa musste zuletzt vom Staat gerettet werden. (Quelle: Boris Roessler/dpa)

Entscheidend sei deshalb, ob die Unternehmen die entgangenen Einkünfte wieder wettmachen könnten, wie hoch ihre Gewinnmargen seien. "Gerade im Gastgewerbe sind die Margen ohnehin schon sehr gering", so Flöther. "Dort wird es besonders schwierig."

Sind Corona-Insolvenzen schlimmer als übliche?

Ja und nein. Grundsätzlich unterscheiden sich Insolvenzen nicht großartig voneinander – Pleite ist Pleite. Allerdings sind die Rahmenbedingungen in der Corona-Krise andere als sonst, wie auch Flöther betont.

"So etwas wie die Corona-Krise habe ich in 20 Jahren als Insolvenzverwalter noch nie erlebt", sagt er. "Die Auswirkungen sind so heftig, weil die Pandemie und ihre Folgen die Angebots- und die Nachfrageseite gleichzeitig trifft."

Gemeint ist damit: Durch die Krise können viele Firmen nicht mehr produzieren, Lieferketten brechen zusammen, das Angebot an Waren und Dienstleistungen sinkt. Zugleich geht die Nachfrage zurück, weil weniger Menschen unterwegs sind, viele von ihnen in Kurzarbeit weniger Geld verdienen. "Und weil das fast alle Branchen trifft, ist es für viele Firmen deutlich schwieriger, aus dieser Krise wieder herauszukommen", so Flöther.

Hinzu kämen die bereits erwähnten Kredite und die Ausnahmeregelung im Insolvenzrecht. Diese würden zunächst zwar vielen Unternehmen zur Überbrückung helfen. "Gleichzeitig sind beide Dinge aber auch verführerisch", sagt der Insolvenzverwalter.


Einerseits türmten viele Firmen jetzt weitere Schulden auf, die sie später womöglich nur schwer zurückzahlen könnten. "Andererseits hat die Krise auch einen negativen psychologischen Effekt", sagt Flöther. "Chefs von Unternehmen, die ohnehin mit einem kranken Geschäftsmodell operieren, sogenannte Zombie-Unternehmen, schieben nun schnell alles auf Corona – und verdrängen so, dass sie sich schon viel eher um eine Sanierung ihres Unternehmens hätten kümmern sollen."

Sein Credo lautet deshalb: Geraten Unternehmen in der Corona-Krise in Schieflage, sollten sie sich lieber früher als später mit den Möglichkeiten eines geordneten Insolvenz- oder eines Schutzschirmverfahrens auseinandersetzen, um so zu verhindern, dass die Firma früher oder später komplett 

Verwendete Quellen:
  • Gespräch mit Lucas Flöther
  • Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und Reuters

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