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Wirecard: Ex-Chef Markus Braun verhaftet — die Geschichte eines Scheiterns


Skandal-Konzern  

Ex-Wirecard-Chef Braun: Die Geschichte eines Scheiterns

23.06.2020, 11:52 Uhr
Wirecard: Ex-Chef Markus Braun verhaftet — die Geschichte eines Scheiterns. Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Er lebte für den Dax-Konzern, dann verließ er das Unternehmen. (Quelle: imago images/Sven Simon)

Ex-Wirecard-Chef Markus Braun: Er lebte für den Dax-Konzern, dann verließ er das Unternehmen. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Es könnte auch der Plot eines Hollywood-Streifens sein: Vergangenen Freitag trat Wirecard-Chef Braun von seinem Posten zurück, am Montagabend wurde er festgenommen. Doch wer ist dieser Mann überhaupt?

Für einen deutschen Top-Manager wird der 19. Juni 2020 auf ewig ein historischer Tag sein – ein Tag des Scheiterns: Markus Braun. Der österreichische Wirtschaftsinformatiker führte bis zu diesem Tag den Dax-Konzern Wirecard. Und am Montagabend wurde Braun festgenommen, er habe sich selbst gestellt, teilt die Münchner Staatsanwaltschaft mit: ein Absturz, der seinesgleichen sucht.

Bis vergangenen Freitag galt er als Macher. Als Vater einer der größten Erfolgsgeschichten der deutschen High-Tech-Szene. Fast 20 Jahre lang stand der mittlerweile 50-Jährige an der Spitze des Bezahldienstleisters. In die Geschichte eingehen dürfte er jetzt als Verlierer, als Konzernchef, der seinen eigenen Laden nicht im Griff hatte – und dem nun gar Gefängnis droht.

Wie konnte es dazu kommen? Braun, über dessen Privatleben wenig bekannt ist, studierte einst in Wien, heuerte später bei der Unternehmensberatung KPMG an. Jener Beraterfirma also, die ihm später aus seiner Misere helfen sollte – es aber nicht vermochte. Im Jahr 2002 kam er zu Wirecard – und zwar direkt als Vorstand.

Bei Presseterminen und Hauptversammlungen wirkte Braun – schlank, unauffällig, randfreie Brille – gelegentlich etwas verknittert. Seine Anzüge saßen oft nicht ganz perfekt. Als lustig, zu Scherzen aufgelegt beschrieben ihn wenige, die ihn kannten. Vielen galt er als Nerd, als jemand, der sich mit seiner Sache sehr gut auskennt – aber wenig redete. Wenn Braun dann mal sprach, war das einzige Thema sein Unternehmen.

Braun lebte für Wirecard

Am vergangenen Freitag tat er dies ebenfalls: Wirecard habe ein exzellentes Geschäftsmodell – für eine große Zukunft. Die wolle er nicht belasten und geht deswegen. Für Braun, der für Wirecard lebte und hart arbeitete, muss das eine schwere Entscheidung gewesen sein. Es war ein Absturz, der sich lange zog – und dann ganz plötzlich ging.

Los ging alles vor etwa anderthalb Jahren: Als die britische "Financial Times" (FT) das Unternehmen mit einer Serie von Vorwürfen möglicher Bilanzmanipulationen in Bedrängnis brachte, schaltete Braun auf bockig und wies sämtliche Vorwürfe kategorisch zurück.

Da sei überhaupt nichts dran, sagte er 2019 mehrfach. Auch institutionelle Anleger – die sich mit Kritik an Unternehmen normalerweise zurückhalten – warfen Braun deswegen schon im vergangenen Jahr mangelnde Transparenz und schlechte Informationspolitik vor.

Braun führte Wirecard wie ein mittelständisches Unternehmen

Ein verbreiteter Kritikpunkt war lange: Wirecard ist nach dem rasanten Wachstum der vergangenen Jahre mittlerweile ein großes Unternehmen, werde aber immer noch geführt wie ein kleiner Mittelständler – mit Braun als dominanter Figur an der Spitze.

Ist da was dran? Immerhin: Wirecard war Brauns Lebenswerk, er ist mit einem Anteil von sieben Prozent auch der größte Aktionär des Unternehmens – ein wichtiger Grund für seine Abwehrhaltung.

Ein weiterer hat eine Vorgeschichte: Tatsächlich war Wirecard lange Ziel von Spekulanten. Schon vor zehn Jahren ermittelte die Münchner Staatsanwaltschaft wegen möglicher Kursmanipulationen gegen Investoren, die das Unternehmen als Spielball genutzt haben sollen. Das wiederholte sich seither mehrfach, doch erst seit vergangenem Jahr brachten die Vorwürfe Braun zunehmend in Bedrängnis.

2019 gab er deshalb eine Sonderuntersuchung der Unternehmensberatung KPMG in Auftrag, die beweisen sollte, dass alle Vorwürfe der FT haltlos waren. Doch die Beraterfirma, bei der er selbst einst tätig war, brachte das wahre Ausmaß der Ungereimtheiten erst ans Tageslicht. Braun erklärte lange Zeit, dass die Prüfer keine Indizien für Manipulationen gefunden hätten.

Zwei Milliarden Euro sind verschwunden

Dann kamen die Probleme der Bilanzvorlage für das Jahr 2019. Braun verschob die Präsentation lange, wand sich: Bei dem vierten Verschieben musste Braun mit der Wahrheit ans Licht.

Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) wüssten nicht, wo 1,9 Milliarden Euro geblieben seien. Eigentlich sollten diese auf Treuhandkonten auf den Philippinen liegen. Eigentlich. Doch die Banken auf den Philippinen teilten mit, dass es die Konten gar nicht gebe.

Braun zog die Reißleine: Er räumte seinen Posten, machte Platz für James Freis, der erst einen Tag zuvor für Brauns Kollegen Jan Marsalek in den Vorstand aufstieg – zuständig für "Compliance", also die Rechtsabteilung.

Brauns' Nachfolger muss den Scherbenhaufen aufkehren

Am Montag setzte sich der Kursverfall fort, denn nun spricht Wirecard selbst davon, dass die zwei Milliarden Euro wahrscheinlich fehlen. Kostete die Aktie am Mittwoch noch mehr als 100 Euro, musste man am Montag noch knapp 15 Euro dafür bezahlen.

War Braun lange für viele Investoren ein quasi unfehlbarer Guru, schlägt diese Verehrung nun um in harsche Kritik. Viele Anleger verloren durch den Absturz des Aktienkurses ihr Geld, beschimpfen Braun auf den sozialen Medien. Sie hätten ihm und der Erfolgsgeschichte von Wirecard vertraut. Doch das Vertrauen sei nun dahin.

Ob sie das in dem neuen Wirecard-Chef Freis wiederfinden? Zweifelhaft. Denn Freis, der Jurist aus den USA, muss nun erst einmal den Scherbenhaufen aufkehren, den Braun hinterlassen hat.

Das wird nicht einfach: Er muss vor allem mit den Banken verhandeln, die Wirecard mit Geld versorgen. Denn diese können Kredite in Höhe von zwei Milliarden abrufen, weil die Bilanz nicht vorliegt.

Für Braun persönlich könnte der Bilanzskandal teuer zustehen kommen. Die Ermittlungsrichterin werde noch am Dienstag prüfen, ob Braun in Untersuchungshaft kommt. Die Strafverfolger verdächtigen den 50-Jährigen der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation. Die einstige Erfolgsgeschichte, sie könnte hinter Gittern enden.

Verwendete Quellen:

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