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Niedrige Mehrwertsteuersenkung: "Hier blickt ja kein Mensch durch"

Preis-Wirrwarr beim Einkauf  

Niedrigere Mehrwertsteuer: "Hier blickt ja kein Mensch durch"

02.07.2020, 13:46 Uhr
Niedrige Mehrwertsteuersenkung: "Hier blickt ja kein Mensch durch". Ein Kunde vor einem Supermarktregal: Ab Juli sinkt die Mehrwertsteuer. (Quelle: imago images/Geisser)

Ein Kunde vor einem Supermarktregal: Ab Juli sinkt die Mehrwertsteuer. (Quelle: Geisser/imago images)

Ab sofort gilt in Deutschland ein reduzierter Mehrwertsteuersatz. Doch kaufen die Menschen deswegen mehr? Wie kommen sie mit den neuen Preisen zurecht? t-online.de hat nachgefragt.

Berlin, Alexanderplatz am ersten Tag der neuen Mehrwertsteuer-Zeit: Eine ältere Dame schlendert unter dem Fernsehturm entlang, in der Hand hält sie eine Einkaufstüte. "Das ist doch viel zu wenig", sagt sie, stellt sich dem Reporter als Gisela vor und deutet auf die Tüte. "Die niedrige Steuer bringt doch nichts."

Sie hat unter anderem ein Telefon gekauft – bei Saturn. Die Rentnerin kramt den Einkaufszettel aus der Tasche. 38,98 Euro hat das Gerät gekostet. Ihre Ersparnis: ein Euro. "Doch deswegen habe ich es nicht gekauft – ich hab es einfach gebraucht", sagt sie. "Damit man extra in ein Laden geht, müsste die Senkung deutlicher ausfallen."

Die Rentnerin Gisela hat ein Telefon gekauft – und einen Euro gespart. (Quelle: t-online.de/privat)Die Rentnerin Gisela hat ein Telefon gekauft – und einen Euro gespart. (Quelle: privat/t-online.de)

Nach dem Wumms, den Olaf Scholz mit der Mehrwertsteuersenkung beschwören wollte, klingt das nicht. Ab Juli liegt die Mehrwertsteuer, die jeder beim Einkaufen zahlen muss, nur noch bei 16 statt 19 Prozent. Auch der ermäßigte Satz – etwa für Lebensmittel – ist gefallen, von sieben auf nunmehr fünf Prozent. Mit dieser Maßnahme will der Bund die Konjunktur ankurbeln – die Menschen zum Einkaufen und Geldausgeben bewegen.

Doch ob das klappt, ist fraglich. Denn wie Gisela geht es vielen Menschen, die heute in Geschäften unterwegs sind. Auch die beiden Freundinnen Pina und Carlotta haben die niedrigeren Preise nicht bemerkt, sagen sie. "Das bekommt man praktisch nicht mit." Und extra deswegen shoppen seien sie schon gar nicht gewesen.

Carlotta und Pina (v.l.): "Das bekommt man praktisch nicht mit." (Quelle: t-online.de/privat)Carlotta und Pina (v.l.): "Das bekommt man praktisch nicht mit." (Quelle: privat/t-online.de)

Auch die 69-jährige Inge Geiger war nicht wegen der Mehrwertsteuersenkung einkaufen. "Es hat zeitlich gerade gepasst", sagt sie. Beim Einkaufen hätte sie nichts von der Senkung gemerkt – wenn nicht die Menschen an der Kasse sie darauf hingewiesen hätten. "Jetzt haben Sie ja etwas gespart", zitiert Geiger die Kassiererin.

Mehrwertsteuersenkung steigert Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent

Auch sie meint: "Die Mehrwertsteuersenkung merkt man höchstens, wenn man sich nach dem Einkauf zu Hause hinsetzt und die Ersparnisse ausrechnet." Die Kassenzettel habe sie noch, daran würde es nicht scheitern. "Aber wer hat schon die Zeit dazu?"

Zwar sind die Eindrücke aus der Hauptstadt kaum repräsentativ. Einen ersten Eindruck aber vermitteln sie wohl: Die Steuersenkung wird – zumindest bei alltäglichen Anschaffungen – kaum einen großen Stimulus für den Konsum darstellen und damit die Wirtschaft antreiben. 

Das passt zu dem, was jüngst auch die Ökonomen des Ifo-Instituts in einer entsprechenden Prognose vorgerechnet haben: Nur um 0,2 Prozent steigere die Mehrwertsteuersenkung die Wirtschaftsleistung. Dagegen muss der Bund auf Steuereinnahmen von 20 Milliarden Euro verzichten.

Dennoch gibt es auch Situationen, in denen die Menschen sich über die niedrige Steuer freuen. "Bei Netflix habe ich es gemerkt", sagt etwa der 22-jährige Pierre. "Die haben eine Mail geschickt."

Kunden sollten bei Amazon wachsam sein

Fakt ist: Auch in Online-Shops und bei Dienstleistungen im Netz fällt der Mehrwertsteuersatz. Allerdings sollten Kunden dabei noch aufmerksamer sein – etwa bei Amazon. Zwar betont ein Unternehmenssprecher: "Wir haben das Ziel, die Umsatzsteuerermäßigung vollständig an Kunden weiterzugeben. Bei den eigenen Angeboten von Amazon werden die Kunden von Einsparungen für Millionen von Produkten profitieren."

Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass die Verkäufer individuell darüber entschieden, ob und wie sie den Preisnachlass weitergeben. So kann es kommen, dass zwar Preise ausgewiesen werden "inklusive temporär gesenkter" Mehrwertsteuer – die Preissenkung aber gar nicht stattgefunden hat.

Douglas gibt niedrige Steuer in Form von Gutscheinen weiter

Viele Händler werden die Steuerersparnis gar nicht direkt an die Kunden weitergeben. Die Parfümeriekette Douglas etwa hat sich den Groll vieler Kunden zugezogen, weil sie statt niedrigerer Preise einen Gutschein für den nächsten Einkauf ausgibt – in Höhe des Rabatts.

Auf Twitter zog die Ankündigung der Douglas-Chefin Tina Müller einen regelrechten Shitstorm nach sich. "Absolute Frechheit, die der Marke Douglas langfristig schaden wird", kommentiert ein Nutzer.

Andere wirken eher genervt. "Ist mir zu kompliziert", schreibt ein Nutzer. "Da komme ich im Januar wieder."

Mehrwertsteuersenkung sorgt für Preis-Wirr-Warr

Viele Verbraucher fühlen sich zudem überfordert. Denn auch wenn die Preise angepasst werden, kann es für die Kunden kompliziert werden – und seltsame Blüten treiben. Beim Discounter oder Supermarkt entsteht ein regelrechtes Preis-Wirrwarr.

"Hier blickt ja kein Mensch durch", grummelt etwa eine Frau, die in Berlin bei Kaufland vor dem Joghurtregal steht.

Auf dem gelben Schild steht "Discount Billig". Aber was genau heißt das? (Quelle: t-online.de/privat)Auf dem gelben Schild steht "Discount Billig". Aber was genau heißt das? (Quelle: privat/t-online.de)

Bei dem Supermarkt wurden an jedem Regal die Preise geändert – dann steht bei einem Liter Milch auf einem gelben Schild durchgestrichen "0,71" – und daneben in groß: "0,69" sowie "Discount Billig". Eine Tüte Haribo-Goldbären kostet bei Kaufland zurzeit 0,59 Euro – das rote Schild weist darauf hin. (Quelle: t-online.de/privat)Eine Tüte Haribo-Goldbären kostet bei Kaufland zurzeit 0,59 Euro – das rote Schild weist darauf hin. (Quelle: privat/t-online.de)

Andere Preisauszeichnungen sind rot – das sind Produkte aus der Werbung. Beispielsweise eine Tüte Haribo-Goldbären kostet statt 99 Cent nur noch 59 Cent – ganze 40 Prozent kann man nun sparen. Aber ob das von der geringeren Mehrwertsteuer kommt, wird nicht klar.Die weißen Preisschilder zeigen an, wie teuer der Tee ist: 1,75 Euro. (Quelle: t-online.de/privat)Die weißen Preisschilder zeigen an, wie teuer der Tee ist: 1,75 Euro. (Quelle: privat/t-online.de)

Auch Hartmut Schmidt ist unsicher. "Ich achte genau auf die Preise", sagt er. Jeden Tag gehe er einkaufen – meist nur Kleinigkeiten. "Da merke ich schon, wenn alle Preise plötzlich fallen", sagt der 86-Jährige. Auch wenn es nur Cent-Beträge seien.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

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