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Was bedeutet der Dax-Aufstieg von Delivery Hero für Anleger?


Essenslieferant  

Was bedeutet der Dax-Aufstieg von Delivery Hero für Anleger?

Von Mauritius Kloft, Florian Schmidt

24.08.2020, 11:19 Uhr
Was bedeutet der Dax-Aufstieg von Delivery Hero für Anleger?. Zentrale von Delivery Hero in Berlin: Das Unternehmen steigt in den Dax auf. (Quelle: Reuters/Fabrizio Bensch)

Zentrale von Delivery Hero in Berlin: Das Unternehmen steigt in den Dax auf. (Quelle: Fabrizio Bensch/Reuters)

Ab sofort ersetzt der Berliner Essenslieferdienst Delivery Hero den insolventen Skandal-Konzern Wirecard im deutschen Leitindex Dax. Doch was heißt das für mich als Anleger? Und was für ein Unternehmen ist Delivery Hero überhaupt?

Änderung im deutschen Aktienindex (Dax): Als Folge aus dem Bilanzskandal um den insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard ist nach der jüngsten Entscheidung der Deutschen Börse ab sofort der Berliner Essenslieferant Delivery Hero Teil der ersten deutschen Börsenliga.

Mit Delivery Hero, einst Muttergesellschaft bekannter deutscher Lieferplattformen wie Pizza.de, Foodora und Lieferheld, ist erstmals ein Unternehmen im Dax, das seine Umsätze ausschließlich im Ausland verdient. Der Schwerpunkt des Geschäfts liegt in Asien.

Doch was für ein Unternehmen ist Delivery Hero genau? Warum zieht es nun in den Dax ein? Und was bedeutet das für mich als Privatanleger? t-online.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist Delivery Hero für ein Unternehmen?

Delivery Hero ist ein Essenslieferdienst mit Sitz in Berlin. 2011 gegründet, stieg 2015 die Start-Up-Schmiede Rocket Internet ein, die auch etwa Anteile am Online-Modehändler Zalando hält. 2017 ging Delivery Hero an die Börse. Knapp eine Milliarde Euro nahm das Unternehmen dadurch ein.

Das Geschäftsmodell: Delivery Hero betreibt Plattformen, auf denen Kunden an Restaurants und Lieferdienste vermittelt werden. Die Firma beschäftigt nach eigenen Angaben etwa 25.000 Mitarbeiter.

Delivery Hero ist nicht mehr in Deutschland aktiv

Mittlerweile ist Delivery Hero weltweit in mehr als 40 Ländern mit seinen Bestellplattformen aktiv, jedoch nicht mehr in Deutschland. Anfang 2019 schloss die Firma den Verkauf des Deutschlandgeschäfts an den niederländischen Konkurrenten Takeaway ab (Betreiber von Lieferando) – dafür gab es abermals rund eine Milliarde Euro. Die Einkünfte der einst von Delivery Hero in Deutschland betriebenen Bestellplattformen Lieferheld, Pizza.de und Foodora schlagen sich seitdem in den Büchern von Takeaway nieder.

Das Geld nutzten die Berliner für ihre Expansion in anderen Erdteilen. Den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet Delivery Hero heute im nahen Osten und in Asien. Dort übernahm die Firma mehrere Konkurrenten für Milliardensummen. Die Märkte in Nord- und Südosteuropa spielen im Vergleich dazu noch keine große Rolle.

Delivery Hero schreibt seit Jahren rote Zahlen

Der aggressiv vorangetriebene Wachstumskurs spiegelt sich auf den ersten Blick in beeindruckenden Konzernzahlen wider. Delivery Hero verzeichnete im zweiten Quartal trotz eines Dämpfers zu Beginn der Corona-Krise 281 Millionen Buchungen auf seinen Plattformen, fast doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Der Konzern erwartet, dass sich auch der Jahresumsatz mehr als verdoppelt: auf 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro.

Ob es sich dabei um ein nachhaltiges Wachstum handelt, ist offen. Denn bislang hat Delivery Hero noch keine Profite erzielt. Im Jahr 2018 betrug der operative Verlust 242 Millionen Euro, 2019 waren es sogar 648 Millionen Euro.

Experte: Delivery Hero noch nicht reif für Dax

Das Unternehmen sieht sich zudem der Kritik von Gewerkschaften ausgesetzt. Die Fahrer werden oftmals nicht angestellt, sondern arbeiten als Selbstständige und werden nur pro Lieferung bezahlt – ein bekanntes Problem in der Lieferdienstbranche.

Christian Strenger, Ex-Chef des Vermögensverwalters DWS und Experte für gute Unternehmensführung, kritisierte deshalb das Unternehmen scharf. Jüngst sagte er dem "Handelsblatt", das vergleichsweise junge Unternehmen wäre noch nicht reif genug für den Dax.

Was bedeutet der Dax-Aufstieg für mich als Privatanleger?

Das hängt davon ab, ob Sie Aktionär von Delivery Hero sind oder nicht. Normalerweise gilt: Der Einzug eines Unternehmens in den Dax befeuert den Kurs seiner Aktie. Da über den Aufstieg von Delivery Hero jedoch schon seit einigen Wochen spekuliert wurde, er also keine Überraschung darstellt, fiel das Kursplus am Montag mit etwas mehr als einem Prozent nur gering aus.

Wenn Sie noch keine Delivery-Hero-Papiere besitzen, könnte sich ein Investment hingegen bald lohnen. Denn: Unternehmen, die im deutschen Leitindex Dax gelistet sind, rücken stärker in den Fokus professioneller Investoren, auch aus dem Ausland. Stecken sie verstärkt Geld in Aktien von Delivery Hero ein, könnte das zu steigenden Kursen führen.

Verstärkt wird dieser Effekt durch sogenannte Indexfonds, genannt ETF. Das sind passive Fonds, die unter anderem einen ganzen Aktienindex per Algorithmus nachbilden und in die Anleger investieren können. Ändert sich die Zusammensetzung des Aktienindex, stößt der Algorithmus die Aktien des Absteiger-Unternehmens ab und ersetzt sie durch die der aufsteigenden Firma – was je nach Menge der Aktien zu einem Kurssprung führen kann.

Auch auf den Dax gibt es entsprechende ETF. Wenn Sie Ihr Geld in einen solchen ETF angelegt haben, ein Unternehmen aus dem Dax absteigt und dafür ein neues nachrückt, investieren Sie plötzlich in eine andere Firma und in ein anderes Geschäftsmodell. Als Dax-ETF-Anleger wären Sie jetzt also automatisch bei Delivery Hero investiert und nicht länger bei Wirecard.

Warum steigt Delivery Hero auf?

Die kurze Antwort lautet: Weil Wirecard nach seiner Insolvenz den Dax verlassen muss – und Delivery Hero die zwei ausschlaggebenden Kriterien für den Aufstieg – Handelsumsatz und Börsenwert – besser erfüllt als andere mögliche Kandidaten aus dem MDax. Der MDax ist der Index der mittleren Börsenwerte, sozusagen die zweite deutsche Börsenliga.

So fällt die Entscheidung über die Dax-Zusammensetzung
Der sogenannte Arbeitskreis Aktienindizes, der aus Mitgliedern der Deutschen Börse als auch einiger Banken besteht, entscheidet nach zwei Kriterien der Deutschen Börse, dem Börsenwert des Unternehmens und dem Handelsumsatz. 
Der Börsenwert errechnet sich aus der Anzahl der Aktien multipliziert mit dem Aktienkurs
Der Handelsumsatz meint, wie viele Aktien in einem bestimmten Zeitraum gehandelt werden.

Nachfolger für Pleite-Konzern Wirecard gefunden

Die lange Antwort ist: Die Deutsche Börse hatte angesichts der Insolvenz von Wirecard extra ihr Regelwerk überarbeitet. Ursprünglich nämlich hatte der Fall, dass ein Dax-Konzern insolvent geht, gar keine Auswirkung auf den Verbleib der Firma in dem Aktienindex – weil es das noch nie zuvor gab.

Ab sofort gilt: Insolvente Unternehmen nimmt die Deutsche Börse als Herausgeber des Dax' binnen zwei Handelstagen aus den Dax-Auswahlindizes (Dax, MDax, SDax und TecDax) heraus. Unabhängig von der nächsten planmäßige Überprüfung der Dax-Indizes im September musste Wirecard nun also gehen, sodass Platz für Delivery Hero wurde.

Hintergrund der Wirecard-Insolvenz ist ein Bilanz-Skandal: Im Juni musste das Unternehmen Luftbuchungen über 1,9 Milliarden Euro zugeben, eine Woche später meldete sich der Zahlungsdienstleister zahlungsunfähig. Seitdem ermittelt auch die Staatsanwaltschaft – unter anderem wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Bandenbetrugs.

Nun musste jedoch ein Unternehmen nachrücken, die Wahl fiel auf Delivery Hero. Denn der Aktienkurs zog in den vergangenen Monaten stark an und mit ihm der Börsenwert des Essenslieferdienstes.

Börsenwert von Delivery Hero stieg stark

Der Grund: Während des Lockdowns, als zahlreiche Restaurants dicht waren, bestellten weltweit viele Menschen ihr Essen online. Investoren preisten dies ein – und kauften kräftig Delivery-Hero-Anteile.

Seit Beginn des Jahres legte die Aktie um knapp 44 Prozent zu: Kostete eine Aktie Anfang Januar noch 70 Euro, ist sie nun für mehr als 100 Euro zu haben. Der Börsenwert wuchs von etwa 14 auf mehr als 20 Milliarden Euro.

Lange Zeit galt noch der Aromenhersteller Symrise als Favorit (siehe unten), auf der entscheidenden Rangliste von Juli hat aber Delivery Hero das Rennen gemacht. Schon ab diesem Montag soll der Leitindex in der neuen Zusammensetzung berechnet werden.

Wer war der ärgste Konkurrent beim Dax-Aufstieg?

Der Aromenhersteller Symrise aus Holzminden in Niedersachsen war der entscheidende Konkurrent um den Aufstieg in die erste Börsenliga. Der Öffentlichkeit ist das Unternehmen indes wenig bekannt. Symrise-Chef Heinz-Jürgen Bertram sagte einmal: "Symrise ist der klassische Hidden Champion – uns kennt man außerhalb der Branche nicht."

Dabei finden sich die Geruchs- und Geschmacksstoffe des Holzmindener Herstellers in vielen Produkten – zum Beispiel in Shampoo, Zahnpasta, Reinigungsmitteln, Tiernahrung oder im Essen. Das Unternehmen verdiente 2019 unter dem Strich 304 Millionen Euro bei einem Umsatz von 3,4 Milliarden Euro.

Symrise nicht Nachfolger des "Trümmerhaufens Wirecard"

Und auch an der Börse sieht es gut für die Firma aus: Seit 2006 ist es dort aktiv und wurde 2007 in den MDax der mittleren Werte aufgenommen. Der Aktienkurs stieg seit Anfang 2020 um gut 21 Prozent – von rund 93 auf 114 Euro.

Allerdings musste es sich beim Dax-Aufstieg Delivery Hero geschlagen geben. Doch Symrise wird darüber nicht böse sein. So sagte Unternehmenschef Bertram vor der Börsen-Entscheidung in einer Telefonkonferenz mit Journalisten: "Ich weiß auch nicht, ob es so toll ist, ein direkter Nachfolger für den Trümmerhaufen Wirecard zu werden."

Er hatte es für besser gehalten, wenn Delivery Hero das Rennen machte, wie nun geschehen. Der Lieferdienst Delivery Hero sei ein Unternehmen, "das noch nie Geld verdient hat und von dem nicht klar ist, ob sie jemals Geld verdienen."

Symrise könnte doch bald aufsteigen

Das heißt aber nicht, dass Symrise keine Chancen mehr auf einen Einzug in den Dax hat – allerdings muss sich das Unternehmen noch etwas gedulden. Denn diese Entscheidung nun war außerplanmäßig aufgrund der Wirecard-Insolvenz.

Anfang September entscheidet die Börse erneut darüber, wer in den Dax aufsteigen wird, das ist die planmäßige Überprüfung. Index-Experten rechnen Symrise große Chancen zu – dann als Nachfolger für den Kunststoffkonzern Covestro. Die einstigen Konkurrenten würden dann zu Dax-Kollegen.

Welche Entscheidungen sind noch gefallen?

Der Aufstieg von Delivery Hero aus dem MDax zieht noch weitere Index-Änderungen nach sich. Der im Index der mittelgroßen Werte frei werdende Platz wird vom bisherigen SDax-Mitglied Aixtron besetzt, ein auf die Chipindustrie ausgerichteter Spezialmaschinenbauer.

Für diesen wiederum kommt der Hornbach-Baumarkt in den Nebenwerteindex SDax. Der insolvente Wirecard-Konzern war neben dem Dax noch im Technologiewerte-Index TecDax gelistet. Dort fliegt er nun auch heraus – dafür zieht LPKF ein, ein Produzent von Lasersystemen.

Verwendete Quellen:

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