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Corona, Wirecard & Co: Sieben Geld-Lehren aus dem verflixten Jahr 2020


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Sieben Geld-Lehren aus dem verflixten Corona-Jahr 2020

28.12.2020, 15:29 Uhr
Corona, Wirecard & Co: Sieben Geld-Lehren aus dem verflixten Jahr 2020. Ein Aktienhändler an der New Yorker Börse: Im März brachen durch den Ausbruch des Coronavirus die Kurse weltweit ein. (Quelle: Reuters/Lucas Jackson)

Ein Aktienhändler an der New Yorker Börse: Im März brachen durch den Ausbruch des Coronavirus die Kurse weltweit ein. (Quelle: Lucas Jackson/Reuters)

Corona, Wirecard, Gold-Rally: Wer dieses Jahr sein Geld investierte, hat einiges erlebt – und gelernt. Sieben Gedanken zu einem denkwürdigen Jahr für unsere Finanzen.

Für Anleger war 2020 ein turbulentes Jahr. Erstmals seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 haben die weltweiten Finanzmärkte einen rasanten Kurseinbruch erlebt, binnen weniger Tage pulverisierte die Angst vor der Corona-Pandemie im Frühjahr Wertpapiervermögen in Billionenhöhe.

Ein rabenschwarzes Jahr also für die Börse und alle, die ihr Geld investiert haben? Nicht unbedingt. Schon jetzt, zum Jahresende, notieren viele Aktienindizes wieder nahe ihren einstigen Höchstständen. Und auch für andere Anlageklassen wie Immobilien und Gold lief es 2020 nicht schlecht.

Warum ist das so? Und was genau heißt das für Anleger? t-online stellt sieben Thesen, Gedanken und Lehren aus dem verflixten Corona-Jahr auf.

1. Eine neue Generation Börse ist geboren

Die Börse ist wieder "in". Was angesichts des globalen Corona-Schocks auf den ersten Blick widersinnig erscheint, ist auf den zweiten nur konsequent. Denn obwohl viele Arbeitnehmer durch Kurzarbeit Einkommensverluste hinnehmen mussten, sind die Ersparnisse der Deutschen im laufenden Jahr beträchtlich gestiegen.

Weil etwa viele Reisen ausfielen, dürften die Privatvermögen in Deutschland laut dem Global Wealth Report der Allianz dieses Jahr um rund 3,9 Prozent zulegen. Dieses angesparte Geld muss irgendwo hin – und die Auswahl an rentablen Investitionsmöglichkeiten wird immer knapper, der Anlagenotstand größer.

Denn auch das haben die Corona-Krise und ihre Bekämpfung gelehrt: Die Nullzinsphase wird voraussichtlich noch eine lange Zeit andauern. Viele Menschen schienen das 2020 zu erkennen und begannen sich mit Aktien und Indexfonds, kurz ETFs, zu beschäftigen.

Schnell zu spüren bekamen diesen Trend, diese neue Generation Börse, Direktbanken wie die DKB, Consors oder Comdirect. Im ersten Halbjahr verzeichneten sie laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" einen Rekord bei der Nachfrage nach Depots. Allein bei der ING Deutschland eröffneten von Januar bis Juni demnach rund 210.000 Privatkunden ein eigenes Wertpapierdepot – knapp 50.000 mehr als im gesamten Jahr 2019.

Treiber und Profiteur dieser Entwicklung waren auch die sogenannten Neobroker wie Trade Republic, Smartbroker oder JustTrade. Die Zahl solcher Billig-Anbieter, die nach dem amerikanischen Vorbild Robinhood mit Smartphone-Apps vor allem Jüngere ansprechen, ist 2020 gewachsen. Ihnen nutzte, dass gerade während des ersten Lockdowns viele Menschen Zeit und Langeweile hatten und deshalb begannen, sich mit der Börse zu beschäftigen.

Der positive Nebeneffekt: Die sehr niedrigen Gebühren der Neobroker werden mittelfristig auch etablierte Banken dazu bringen, geringere Orderentgelte zu verlangen. Werden aus den neuen Börsianern keine reinen Zocker, dürfte das der Aktienkultur in Deutschland einen nachhaltigen Schub verleihen. 

2. Wirtschaft und Märkte sind entkoppelt

Dass an der Börse die Zukunft gehandelt wird, ist nichts Neues. Neu allerdings war 2020, wie extrem die tatsächliche Wirtschaftsleistung, die Konjunkturdaten der Realwirtschaft und das Geschehen an den Finanzmärkten auseinanderfielen.

Noch während die Wirtschaft durch den ersten harten Lockdown im März und April praktisch zum Erliegen kam, die Zahl der Kurzarbeiter in Deutschland und die der Arbeitslosen weltweit nach oben schnellte, setzten die Aktienmärkte zu einer beispiellosen Erholungsrally nach dem Corona-Schock vom März an.

Schon Anfang Juni stand etwa der Dax erneut bei 12.800 Punkten und damit nur weniger als 1.000 Punkte entfernt von seinem Allzeithoch aus dem Februar. Zur Erinnerung: Im Corona-Crash bis Mitte März ging es von genau diesem Punktestand um fast 40 Prozent auf etwas über 8.400 Punkte bergab.

Noch stärker als im Frühjahr zeigte sich dieses Auseinanderfallen von Wirtschaft und Märkten im Herbst, als Europa und Amerika von der zweiten Corona-Welle erfasst wurden. Obwohl noch kein Impfstoff Anlass für Optimismus gab, stiegen die Aktienkurse weiter, der US-Leitindex Dow Jones erreichte gar einen neuen Rekordstand, der deutsche Leitindex Dax folgte kurz nach Weihnachten.

Wichtigster Grund für dieses Phänomen: Es ist ohne Ende Geld vorhanden, im Akkord pumpten es Staaten und Zentralbanken zur Krisenbekämpfung in die Wirtschaft. Die Investoren verließen sich folglich darauf, dass die Hilfspakete die Unternehmen stabilisieren – oder verschoben ihre Investments einfach von klassischen Value-Titeln in Tech-Aktien, die von der Krise profitierten, statt ihre Wertpapierbestände gänzlich zu liquidieren.

3. Der Goldrausch ist zurück

2020 war nicht nur das Jahr, in der die Kryptowährung Bitcoin ihren Wert verdreifachte. Auch der Preis des Goldes stieg ordentlich an. Zwischenzeitlich mussten Anleger für die Feinunze einen Rekordpreis von 2.069 US-Dollar zahlen. Aufs gesamte Jahr gesehen legte der Wert des Edelmetalls um rund 24 Prozent zu, einen größeren Zuwachs binnen eines Jahres gab es zuletzt 2010.

Ein typisches Phänomen in der Krise? Gold als "sicherer Hafen" für Anleger, die Angst vor großen Wertverlusten an den Finanzmärkten haben? Ja und nein. Zwar hat gewiss auch die Corona-Krise selbst, der krasse Einbruch der Aktienkurse im März, für Panik und eine Flucht zahlreicher Börsianer in Sachwerte gesorgt.

Viel mehr als das aber dürfte erneut die ultralockere Geldpolitik der Zentralbanken und die Aussicht auf weitere Jahre ohne Zinsen Gold attraktiver gemacht haben. Denn wo sicher verzinste Wertpapiere wie Staatsanleihen absehbar kaum Erträge mehr abwerfen, stören sich Investoren weniger daran, dass auch Gold ein reiner Wertspeicher ist, der zwar keine eigenen Gewinne erwirtschaftet, sie aber vor einer möglichen Inflation schützen könnte.

4. ETFs sind weitgehend krisensicher

Krisen auszusitzen war auch schon vor Corona eine gute Idee. Zumindest für all jene, die ihr Geld langfristig anlegen, zum Beispiel mit passiven ETFs, die per Computeralgorithmus einen Aktienindex nachbilden.

Doch hält sich die zuletzt stark gestiegene Zahl der Kleinanleger mit ETFs wirklich an diese Regel? Oder werden sie so nervös, dass sie all ihre Fondsanteile verkaufen und so – wie es viele Manager herkömmlicher Fonds unkten – die Abwärtsspirale an den Börsen noch verstärken?

Die Corona-Krise lieferte Antworten, 2020 hat gezeigt: Die Sorgen vieler Experten waren weitgehend unbegründet. Tatsächlich deutet in der Rückschau vieles darauf hin, dass es im Corona-Crash im März vor allem institutionelle Anleger waren, die den Kurssturz durch Abverkäufe von Aktien verstärkt haben. Glaubt man den Aussagen von ETF-Emittenten wie Vanguard oder Blackrock, blieben umgekehrt die Kleinanleger, die ihr Geld in ETFs gesteckt hatten, ruhig – und kauften im Krisentief sogar häufig nach.

5. Der Dax muss sich neu erfinden

Es ist ein Debakel, das in der Geschichte des Deutschen Aktienindex (Dax) Seinesgleichen sucht. Vom größten Bilanzskandal Deutschlands ist die Rede, von einem Wirtschaftskrimi ungeahnten Ausmaßes – und von einer Blamage für den Finanzstandort Deutschland.

Mit Wirecard meldete im Juni nicht nur erstmals ein Dax-Konzern die Insolvenz an. Der Fall des einstigen Börsenstars zeigt auch: Bei der Kontrolle der Bücher wurde vielerorts geschlampt, weggeschaut, womöglich wissentlich Verbrechen vertuscht.

Der Schaden wiegt dabei schwerer als der reine Wertverlust der Wirecard-Aktie, die von einst fast 200 Euro auf zuletzt weniger als 50 Cent abstürzte. Einerseits stellen sich der Bafin, den Wirtschaftsprüfern und der Politik nun viele Fragen. Andererseits ist die Causa Wirecard auch für das Image der Deutschen Börse als Herausgeber des Dax ein Gau.

Nur konsequent ist deshalb, dass sie in der Folge des Skandals die Hürden für die Aufnahme in den Dax verschärft und den Index 2021 vergrößern will. Gelingt dieser Neustart mit strengeren Aufnahme- und Rausschmiss-Regeln, etabliert sich der Dax mit künftig 40 statt bislang 30 gelisteten Unternehmen, dürfte der deutsche Leitindex das verlorengegangene Vertrauen zurückgewinnen – und damit für vorsichtige Anleger wieder attraktiver werden.

6. Tech und Asien sind Krisengewinner

Immer wieder haben sich Kleinanleger in den vergangenen Jahren gefragt, wie notwendig es ist, auf Aktien aus Schwellenländern zu setzen. Auch manche Experten zeigten sich ob der großen Kursschwankungen in den aufstrebenden, "emerging", Märkten skeptisch.

Recht gab ihnen dabei etwa der Aktienindex MSCI World, der die Industrieländer abdeckt – und in den vergangenen zehn Jahren deutlich besser abschnitt als sein Indexbruder MSCI Emerging Markets, der die größten Firmen aus den Schwellenländern zusammenfasst.

2020 aber hat gezeigt: Wer nicht wenigstens einen Teil seines Geldes in eben diese aufstrebenden Unternehmen investiert hat, verpasst etwas. Denn gerade die asiatischen Länder, allen voran das diktatorische China, schafften es, das Coronavirus zügig unter Kontrolle zu bringen. Die Folge: ein rasches Anspringen der Wirtschaft nach dem Corona-Schock.

Ähnliches gilt für die Kursrally der Tech-Titel. Zwar waren die Aktien von Unternehmen wie Google, Amazon und Apple schon in den vergangenen Jahren Rendite-Garanten. Im Corona-Schock aber stürzten sie und viele weitere Technologiewerte nicht nur weniger tief, sie stiegen im Anschluss auch schneller und noch stärker als die Titel der meisten anderen Branchen.

Deutlich wird das am Technologie-Leitindex Nasdaq Composite, in dem mehr als 3.000 Technologieunternehmen gelistet sind. Er legte seit Jahresbeginn um mehr als 40 Prozent zu.

Klar ist: Solche starken Kursgewinne sind eine Ausnahmeerscheinung. Es ist unwahrscheinlich, dass Tech- und Schwellenländer-Aktien auch im kommenden Jahr derart hohe Kursgewinne versprechen. Aus den Augen verlieren sollten Anleger die Megatrends von 2020 allerdings auch nicht, denn Technologie wird in den nächsten Jahren nicht weniger wichtig zur Transformation der Wirtschaft.

7. Immobilien kann Corona wenig anhaben

Leere Büros, geschlossene Läden, Mieter, die wegen Kurzarbeit nicht zahlen können: Eigentlich hätte Corona den Immobilienmarkt ins Wanken bringen können.

Tatsächlich aber scheint es, als könne ihm die Pandemie nur wenig anhaben. Die Preise für Wohnungen, Häuser und auch Geschäftsflächen sind 2020 nicht gefallen, sondern bisweilen sogar deutlich gestiegen. Zentral für diese Entwicklung sind Faktoren, die auch schon vor Corona die Preise getrieben haben.

Besonders in den Ballungszentren sind das Platz- und Wohnungsangebot weiter knapp, die Nachfrage ungebrochen noch hoch. Hinzu kommt das niedrige Zinsniveau: Seit Jahren ist die Finanzierung des Immobilienkaufs so günstig wie nie zuvor, was Nachfrage und Preise nach oben treibt.

Fraglich aber ist, ob es dabei bleibt. Steigen die Preise überall weiter – oder sorgt Corona am Ende doch noch für nachhaltige Verschiebungen auf dem Immobilienmarkt?

Schon jetzt gehen Arbeitsforscher davon aus, dass auch nach der Corona-Krise viele Angestellte einen größeren Teil ihrer Arbeitszeit im Homeoffice verbringen werden. Viele Unternehmen könnten dadurch ihre Büroflächen reduzieren.

Im selben Zuge dürfte der Bedarf an Wohnraum weiter steigen. Wer mehr zu Hause arbeitet, braucht womöglich ein eigenes Arbeitszimmer, mehr Platz. Diesen wiederum in Innenstadtlagen zu finden, ist unwahrscheinlich. Eher dürfte Corona den Trend der Stadtflucht verstärken und die Immobilienpreise im Umland von Metropolen steigern.

Sämtliche Artikel erarbeitet die t-online-Redaktion mit journalistischer Sorgfalt. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass unsere Texte keine Beratung ersetzen und insbesondere keine Anlage-, Rechts-, Steuerberatung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren darstellen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Allianz Global Wealth Report
  • FAS: Die Neue Lust auf Börse
  • weitere Quellen
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