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Gamestop: An der Wall Street tobt der Börsenkrieg


Wirbel um Gamestop-Aktie  

An der Wall Street tobt der Börsenkrieg

29.01.2021, 18:50 Uhr
Gamestop: An der Wall Street tobt der Börsenkrieg. Die Wall Street in New York: Hier schlägt das Herz der amerikanischen Börsen. (Quelle: imago images)

Die Wall Street in New York: Hier schlägt das Herz der amerikanischen Börsen. (Quelle: imago images)

Die Wall Street hat sie belächelt und beleidigt: Eine neue Börsianer-Generation bedroht mit dem Kauf der Gamestop-Aktie riesige Hedgefonds. Jetzt melden sich immer mehr von ihnen zu Wort.

Es ist ein Börsenkrimi, der in der jüngeren Geschichte der Wall Street seinesgleichen sucht – und der alle Zutaten hat für ein spannendes Finanzabenteuer: Es geht um einen Kampf der Generationen, um eine alte gegen eine neue Welt.

Verkürzt geht die Geschichte so: Seit Tagen ärgert eine neue Generation von Anlegern, die sich nicht um Börsenweisheiten schert, herkömmliche Investoren. Mit dem Zukauf von Aktien der Videospiel-Kette Gamestop hat sie den Kampf aufgenommen gegen Manager großer Hedgefonds – und droht diese jetzt zu ruinieren.

Für Außenstehende und Finanzlaien ist all das nicht leicht zu durchschauen. Zu intransparent scheinen die Geschäfte an der Börse auf den ersten Blick, zu kompliziert wirken die Mechanismen, die am Werk sind.

Was genau also ist da los? Wie konnte mit der Gamestop-Aktie ein fast wertloses Wertpapier die Wall Street so durcheinander bringen? Und was motiviert die neuen Anleger, die Regeln der Börse eigentlich neu zu definieren? t-online hat mit den deutschen Anlegern im Reddit-Forum gesprochen und klärt die wichtigsten Fragen.

Wie fing der Gamestop-Krimi an?

Kurz gesagt: Riesige Hedgefond-Manager haben an der Börse eine riskante Wette abgeschlossen und sehr viele junge Anleger haben ebenso risikofreudig dagegen gewettet. Im Mittelpunkt dieser Wetten steht die Aktie der US-Videospielkette Gamestop.

Lange Zeit strauchelte das Unternehmen, das auch in Deutschland 217 Filialen betreibt. Der Grund: der zunehmende Onlinehandel. Im zweiten Quartal 2019 hatte Gamestop einen Verlust von 400 Millionen Dollar verzeichnet, weil immer mehr Menschen Videospiele im Netz herunterluden, statt sie in der Fußgängerzone zu kaufen.

Das schlug sich auf den Aktienkurs nieder. Gamestop war immer weniger an der Börse wert – und auf den weiteren Niedergang der Kette zu setzen, versprach Erfolg. Große Hedgefond-Manager hatten das schon lange erkannt. Mit speziellen Finanzprodukten wetteten sie auf einen fallenden Kurs. In der Fachsprache nennt sich dieser Vorgang "Shorten".

Was passiert beim Shorten?

Beim Shorten, auch Leerverkaufen genannt, leiht sich ein Investor Aktien und verkauft diese sofort. Fällt der Kurs anschließend, kann er die Aktie zum Ende der Leihe günstiger wieder zurückkaufen und so die Differenz von Kauf- und Verkaufspreis als Gewinn einstreichen.

  • Ein Beispiel: Ein Investor spekuliert darauf, dass der Kurs einer Aktie fällt, er entscheidet sich für einen Leerverkauf. Dafür leiht er sich fünf Aktien und verkauft sie umgehend für einen Kurs von 10 Euro. Tritt seine Erwartung ein und der Kurs fällt, kostet eine Aktie später, wenn er sie an den ursprünglichen Besitzer zurückgeben muss, etwa 7 Euro. Der Investor spart beim Rückkauf also 3 Euro pro Aktie und geht insgesamt mit 15 Euro Gewinn aus dem Geschäft. Umgekehrt heißt das: Steigt der Kurs an, muss der Investor die Aktien zu einem höheren Preis nachkaufen. Dann macht er Verluste.

So gingen mehrere große Hedgefonds auch bei der US-Kette Gamestop vor. Sie spekulierten auf eine Insolvenz des Unternehmens. Immer wieder setzten sie mit Leerverkäufen auf sinkende Aktien und drückten so den Kurs noch weiter nach unten.

Auffällig dabei: Die Hedgefonds liehen sich sogar mehr Aktien als es auf dem Markt überhaupt gab. Zu Beginn des laufenden Jahres war Gamestop weit über 100 Prozent geshortet.

Was stört die Kleinanleger an der Taktik der Hedgefonds?

Lange Zeit war das Vorgehen der Hedgefonds kaum der Rede wert. Zu üblich war das Shorten, zu wenig Beachtung fanden die Geschäfte. Das aber hat sich in der vergangenen Woche geändert.

Denn: GameStop hat seit einem Wechsel im Management eine große Basis an Unterstützern – von denen zuletzt immer mehr mit sogenannten Neobroker, also Smartphone-Apps zum Börsenhandel, ihr Geld in Aktien investieren. Die Taktik der Hedgefonds finden sie nicht in Ordnung. Im Internetforum "Reddit" machten sie ihrem Ärger zuletzt Luft.

"Das schadet dem Unternehmen", sagt etwa Jan, 28, t-online. "Man kann keine Kredite aufnehmen, geht Insolvent, muss Mitarbeiter feuern. Ich finde eine solche Investition ist moralisch nicht vertretbar."

Anleger organisieren sich im Internetforum Reddit

Auch Jan zählt zu den Reddit-Nutzern, die im vergangenen Jahr in Gamestop investiert haben. Im englischsprachigen Reddit-Forum "wallstreetbets" und im deutschen Forum "mauerstraßenwetten" tauschte er sich mit anderen börseninteressierten Nutzer über Aktien aus – und auch über Gamestop.

Bereits im Frühjahr diskutierten Nutzer darüber, wie stark unterbewertet die Aktie ist. Als dann ein Managementwechsel für ein neues Konzept und bessere Zukunftsaussichten sorgte, war die Aktie auf Reddit in aller Munde.

Manipulieren die Reddit-Börsianer die Kurse?

In den vergangenen Tagen nun verdoppelte sich der Wert der Gamestop-Aktie regelmäßig. Lag es an den neuen Börsianern, die sich bei Reddit "absprachen", die Aktie zu kaufen? Organisierten sie einen Gegenschlag, trieben den Kurs hoch, um so die Hedgefonds-Manager zum Auflösen ihrer Wetten zu drängen? Handelt es sich also um illegale Kursmanipulation?

Viele Börsenexperten sehen es genau so. So titelte unlängst etwa das "Manager Magazin": "Der Aufstand der Flashmob-Trader gegen die Wall Street" und nannte als Motivation der Anleger Machtrausch, Spieltrieb und Gier.

Auch viele amerikanischen Medien kritisierten die Anleger, die gegen Hedgefonds antreten und die die Wall Street aktuell viel Geld kosten. Sie nennen sie naiv, bezeichnen sie als "Internetkids" und sehen in ihnen eine Gefahr für den Markt. Tatsächlich habe aber eine detaillierte Analyse das Interesse vieler Nutzer geweckt.

Reddit-Nutzer wehren sich gegen Anfeindungen

Die Reddit-Nutzer finden diese Betrachtung unfair. "Dass sich irgendwelche Internet-Kids abgesprochen hätten, ist die leichteste Erklärung. Aber so einfach ist es eben nicht", sagt Reddit-Nutzer Eric, der wie Jan seinen vollen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

"Wir stellen immer klar, dass wir keinerlei illegale Absprachen, Kursmanipulationen, Pump-and-Dump-Schemes oder Ähnliches dulden", erklärt auch Jonas Weckschmied, der ebenfalls in Gamestop-Aktien investiert hat und sich auf Reddit austauscht.

Warum wurde der Handel der Gamestop-Aktien augesetzt?

Am Donnerstag ging der Börsenkrimi in die nächste Runde: Neobroker wie Robin Hood oder Trade Republic, mit denen gerade junge Anleger handeln, sperrten den Kauf bestimmter Aktien wie Gamestop. Auch der Verkauf und Kauf der Aktien von Blackberry, Nokia oder AMC verboten die Neobroker mit Verweis auf Risikoschutz zeitweise.

Viele Reddit-Nutzer wie Jan zeigen dafür wenig Verständnis. Sie sehen hinter dem Vorgehen teilweise Anzeichen von Marktmanipulation, verweisen darauf, dass etwa Robin Hood im engen Geschäftsverhältnis mit dem Finanzdienstleister Citadel stehe, der zuvor ebenfalls auf fallende Kurse der Gamestop-Aktie gewettet hatte.

In den USA hat der Vorgang inzwischen eine politische Dimension angenommen, die sogar den Graben zwischen Republikanern und Demokraten überbrückt. So stellte sich etwa der republikanische Senator Ted Cruz hinter die Kritik der progressiven Demokratin Alexandria Ocasio Cortez.

Diese hatte bemängelt, dass die Hegdefonds weiter handeln konnten, während Privatanleger durch die Handelsbeschränkungen ausgeschlossen wurden. Cortez brachte in diesem Zuge auch eine Anhörung im Repräsentantenhaus ins Spiel. 

Wird die Causa Gamestop den Markt verändern?

Das ist nicht ausgeschlossen. Die neuen Börsianer haben nach Einschätzungen von Experten durchaus das Potenzial, die Spielregeln der Börse durcheinanderzubringen – wie just im Falle von Gamestop bewiesen.

Die neue Generation an Anlegern hofft nach eigenen Aussagen auf die finanzielle Emanzipation. Zugleich sind sich viele von ihnen aber auch bewusst, dass stattdessen mehr Restriktionen für Privatanleger kommen könnten.

Fakt ist: Die Zahl der Menschen, die in Aktien investieren, ist im vergangenen Jahr – trotz oder gar wegen der Corona-Krise – deutlich gestiegen. Bei vielen von ihnen handelt es sich um jüngere Anleger, die jetzt erstmals ihre Macht demonstriert haben. Wie der Kampf an der Börse ausgeht, bleibt offen.

Verwendete Quellen:

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