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Warum der Patentverzicht keinen Corona-Impfstoff für die Armen bringt


Verzicht auf Impfpatente  

"Das kann zur Gefahr in der nächsten Pandemie werden"

Von Nele Behrens, Mauritius Kloft

07.05.2021, 17:46 Uhr
Warum der Patentverzicht keinen Corona-Impfstoff für die Armen bringt. Eine Ärztin bereitet eine Corona-Impfung in Nigeria vor: Kann die Aussetzung der Patente auf die Impfstoffe wirklich die Bekämpfung der Pandemie in ärmeren Ländern beschleunigen? (Quelle: AP/dpa/Sunday Alabama)

Eine Ärztin bereitet eine Corona-Impfung in Nigeria vor: Kann die Aussetzung der Patente auf die Impfstoffe wirklich die Bekämpfung der Pandemie in ärmeren Ländern beschleunigen? (Quelle: Sunday Alabama/AP/dpa)

Keine Patente auf Corona-Impfstoffe: Hinter dieser Forderung steht plötzlich die USA. Die Aktienkurse der Hersteller reagierten mit roten Zahlen. Doch bringt der Vorstoß tatsächlich mehr Impfdosen zu den Armen? 

Sie stehen für Innovation und Hoffnung inmitten der Krise: Impfhersteller wie Biontech, Moderna oder Pfizer ermöglichen mit der schnellen Entwicklung ihrer Vakzine den Impfturbo auf der ganzen Welt. Das zeigte sich auch in den Aktien der Unternehmen.

Lange Zeit steigerten sich die Kurse mit jeder neuen Studie oder Zulassung für neue Länder und Altersgruppen in ungeahnte Höhen. Selbst der deutsche Hersteller Curevac profitierte von der Zuversicht der Anleger, obwohl sein Impfstoff noch nicht fertiggestellt ist.

Doch die Impf-Zuversicht an der Börse endete am Mittwoch schlagartig, als die USA sich hinter eine Forderung der Welthandelsorganisation WTO stellten: Patente auf Impfstoffe sollten freigegeben werden. Die Bundesregierung steht einem solchen Vorschlag kritisch gegenüber. t-online erklärt, was die Ankündigung der USA bedeutet, was eine Patentaussetzung bringen kann – und was es für Anleger heißt.

Was steckt hinter dem Vorschlag der USA?

Das ist die Frage – der plötzliche Kurswechsel der Amerikaner traf den Markt jedenfalls unvorbereitet. "Bidens Ankündigung war eine Überraschung", sagt Markus Manns, selbst Mediziner und Fondsmanager bei Union Investment, im Gespräch mit t-online.

Auch Jasmina Kirchhoff, Ökonomin und Pharmaexpertin am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), sieht das so. "Ich war erstaunt, dass ein solcher Plan ausgerechnet aus den USA kommt", sagt sie. "Das größere Problem ist, dass die USA die Ausfuhr wichtiger Geräte und kritischer Materialien für die Impfstoffproduktion erschwert. Da hilft die Aufhebung des Patentschutzes nicht."

Warum stellen sich die USA nun also so entschieden hinter den Vorschlag der WTO und einiger Entwicklungsländer? Die Motivation ist ungewiss, die Wirkung dagegen bereits zu sehen. Hilfsorganisationen und die WTO applaudierten der USA – die WHO spricht bereits von einer "historischen Entscheidung". "Besonders in den Pazifikstaaten können die USA so ihren Ruf deutlich verbessern“, sagt Analyst Manns.

Bringt eine Patentaussetzung wirklich etwas?

Wahrscheinlich nicht. Experten sehen das jedenfalls kritisch. "Allein durch die Lockerung des Patentschutzes werden wir keine weitere Impfdose mehr erhalten", sagt Kirchhoff. "In Entwicklungs- und Schwellenländern fehlt oftmals das technische Know-How, geschultes Personal und das Geld, eine Impfstoffproduktion vor allem für die komplexen mRNA-Impfstoffe schnell aus dem Boden zu stampfen."

Auch Analyst Manns sieht das so. "In den nächsten zwei Jahren werden wir keinen eigenen indischen mRNA-Impfstoff sehen", sagt er. Die Hürden seien für die indischen Generika-Hersteller einfach zu hoch. Allein die Produktion vorzubereiten, werde einige Zeit in Anspruch nehmen.

Das zeigt auch das Beispiel Moderna: Der amerikanische Impfhersteller hatte einen Teil seiner Produktion an einen spezialisierten Pharmahersteller in der Schweiz ausgelagert. "Doch selbst der beste Lohnhersteller braucht ein Jahr, bis er einen Impfstoff ausliefern kann", so Manns.

Und dann ist da noch die Rohstoff-Frage. "Schon jetzt schaffen es Moderna und Biontech gerade so, sich die speziellen Rohstoffe für ihre mRNA-Impfstoffe zu sichern." Bei dieser Art Impfstoff sind bisher die Liptide besonders wichtig – das sind fettartige Moleküle, die notwendig sind, um die instabile mRNA zu verpacken.


Die Rohstoffe sind bereits hart unter den bisherigen Herstellern umkämpft. Anders als die großen Pharmakonzerne aus Europa und Asien haben die Generika-Hersteller keinen großen finanziellen Spielraum, um die Konkurrenz im Notfall überbieten zu können.

"Die weltweite Versorgung mit Impfstoffen muss unser aller Ziel sein", sagt sie. "Doch eine Patentaussetzung ist der falsche Weg. Hier wäre es wichtiger, dass Exportbeschränkungen fallen und so Lieferketten besser funktionieren." Hier könnte die USA mit gutem Beispiel vorangehen: Der Impfstoff von Curevac verzögert sich etwa, da die Amerikaner den Export wichtiger Rohstoffe ins Ausland verzögern. 

Was heißt eine Patentaussetzung für Biontech und Co.?

Laut Manns werden die Generika-Hersteller aus Schwellenländern wie Indien auch mit der Aufhebung der Patente keine Gefahr für die großen Konzerne aus Europa und den USA sein. Den Indern attestiert Manns zudem keine hohe Innovationskraft – anders als den Chinesen. 

Diese sind laut seiner Einschätzung durchaus in der Lage, eigenständig einen mRNA-Impfstoff herzustellen und testen bereits zwei solcher Impfstoffe. "Den Wissensvorsprung bei der Impfproduktion werden Biontech, Pfizer oder Moderna nicht aus der Hand geben – das wäre wirklich gefährlich für die Unternehmen", erklärt Manns.

Expertin Kirchhoff sieht noch eine weitere Gefahr. "Es kann sein, dass jetzt ein Präzedenzfall geschaffen wird", sagt sie. Das wäre für die Pharmabranche jedoch ein schwerer Schlag. Denn: Die Forschung an den Impfstoffen kostet viel Geld. Zwar haben sich auch Staaten finanziell an den Firmen beteiligt. Doch es gelte: "Pharmafirmen haben Milliarden in die Forschung und Entwicklung gesteckt – ohne zu wissen, ob es ein Ergebnis gibt, das sich verkaufen lässt. Das ist ein immenses finanzielles Risiko", so die Ökonomin.

"Wenn die Patente nun ausgesetzt werden, kann es in der Zukunft sein, dass weniger Firmen dieses Risiko eingehen. Das kann zur Gefahr in einer weiteren Pandemie werden." Manns dagegen ist überzeugt, dass die Aufhebung der Patente zukünftige Innovationen nicht hemmen werde. "Pfizer/Biontech und Moderna verkaufen in diesem und im nächsten Jahren voraussichtlich Impfstoff für 100 Milliarden Euro. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Konzerne ihre Forschung da als schlechtes Investment sehen.“ 

Was heißt der USA-Plan für die Anleger?

Innerhalb kürzester Zeit fielen die Aktien rasant ab – Biontech BioNTech Sp ADS Aktie rauschte innerhalb von zwei Tagen vom Allzeithoch mit 184 Euro auf 121 Euro am Donnerstag ab, Curevac CureVac Aktie sank von 100 Euro am Dienstag auf 75 Euro am Donnerstag. Auch der amerikanische Konzern Moderna Moderna Aktie musste herbe Verluste verzeichnen, obwohl er am Donnerstag schwarze Zahlen verkündete. Am Freitag zeichnete sich bereits eine leichte Erholung wieder ab – allerdings lagen die Kurse noch weit unter dem vorherigen Niveau.

BioNTech Sp ADS

-174,95 EUR
BioNTech Sp ADS
Hoch
200,10
Zwischenwert Hoch / Mittel
167,48
Mittel
134,86
Zwischenwert Mittel / Tief
102,24
Tief
69,62
Jan '21Apr '21

Für Anleger heißt das: Sie haben viel Geld verloren. "Es zeigt sich bereits, wie der Markt allein auf die Ankündigung einer Patentaussetzung reagiert", so Kirchhoff. "Nicht auszumalen, wie es sein wird, wenn der Plan tatsächlich durchgesetzt wird."

Manns hält die Reaktion der Anleger am Markt indes für übereilt: "Der Patententscheid ist nicht so kriegsentscheidend. Das ist kein Desaster für Moderna und Biontech", sagt der Experte. Oder wie es der CEO von Moderna ausdrückte: "I didn't loose a minute of sleep" – der CEO des Impfhersteller habe also nach dem amerikanischen Vorstoß am Mittwoch nicht eine Minute an Schlaf verloren. Ist also alles nur Symbolpolitik, die Anleger einfach aussitzen müssen? "Als Anleger würde ich mir eher überlegen, ob wir eine jährliche Booster-Impfung brauchen und ob die Impfpreise fallen oder steigen", sagt Manns.

Erste Forschungsinstitute gehen bereits von fallenden Impfstoffpreisen aus, etwa aufgrund des hohen Produktionsvolumen und einer weltweit sinkenden Nachfrage, wenn immer mehr Menschen zweifach geimpft sind. Nur noch fünf Dollar könnte in einigen Jahren eine Dosis eines mRNA-Impfstoffes kosten. "Dieses Preisniveau halte ich für zu niedrig, aber wenn der Preis so weit sinkt, dann fallen auch die Aktien", sagt der Experte.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Gespräch mit Jasmina Kirchhoff
  • Gespräch mit Doktor Markus Manns
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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