Experten: Corona-Pandemie hat Armut in Deutschland verschärft

Von ella, dpa24.11.2022, 15:45

Armut hat in Deutschland mittlerweile zahlreiche Gesichter – so viele wie nie zuvor: Über zwei Millionen Menschen suchen regelmäßig Unterstützung und eine kostenlose Mahlzeit bei den Tafeln. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes können Millionen Menschen ihre Wohnung kaum angemessen heizen. Bei einer Befragung der Unternehmensberatung EY hat letztens fast jeder Zweite Konsument angegeben, aufgrund der explodierenden Lebenshaltungskosten nur noch das Nötigste einzukaufen.

t-online aktuell 24.11.2022

Der Anstieg der Armut ist aber keine plötzliche Entwicklung, die nur auf die Corona-Pandemie, den Ukrainekrieg und die so verursachte Explosion von Energie- und Lebensmittelpreisen zurückzuführen ist. Die Armut ist nach dem am Donnerstag vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaflichten Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung veröffentlichten Verteilungsbericht 2022 bereits im letzten Jahrzehnt deutlich gewachsen.

Die Quote der sehr armen Menschen, die weniger als 50 % des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, sei zwischen 2010 und 2019 von 7,9 % auf 11,1 % der Bevölkerung gestiegen, berichtete darin das WSI. Zur Einordnung: 2010 betrug das gewichtete Haushaltseinkommen pro Kopf im Mittel demnach 21 219 Euro und 2019 24 037 Euro.

Das Ergebnis der Studie fassten die Autorinnen des Verteilungsberichts, Dorothee Spannagel und Aline Zuco, so zusammen: "Im Jahr 2019 waren so viele Menschen in Deutschland von Armut betroffen wie nie zuvor". Obwohl die Jahre zwischen 2010 und 2019 von einer guten Wirtschaftsentwicklung und sinkender Arbeitslosigkeit geprägt gewesen sei, hätten die armen Haushalte davon nicht profitiert. Sie sind demnach sogar noch weiter zurückgefallen. Die Armutslücke, d. h. der Betrag, der einem durchschnittlichen armen Haushalt fehlt, um rechnerisch die Armutsgrenze hinter sich zu lassen, sei für einen Einpersonenhaushalt von 2968 Euro im Jahr 2010 auf 3912 Euro im Jahr 2019 angewachsen.

Das WSI steht mit seiner Einschätzung nicht alleine da. Von besorgniserregenden Zahlen spricht der Sozialverband Deutschland. Die Armut in Deutschland habe 2021 "einen traurigen neuen Höchststand" erreicht, warnte auch der Paritätische Gesamtverband. In Deutschland waren 2021 nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes rund 13 Millionen Menschen armutsgefährdet. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 15,8 Prozent. Nach der EU-Definition gilt eine Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens in der Gesamtbevölkerung verfügt, als armutsgefährdet.

Die ärmeren Haushalte sind der WSI-Studie zufolge aber nicht nur benachteiligt, was das Geld angeht. Neben dem Vertrauen in staatliche Institutionen seien bei den Armen auch Lebenszufriedenheit, Gesundheit und Bildung messbar niedriger als im Bevölkerungsdurchschnitt. Das sei nicht nur ein Problem der Armen, sondern eines der ganzen Gesellschaft. Die wissenschaftliche Direktorin des WSI, Bettina Kohlrausch, warnte, Armut und soziale Polarisierung könnten die Grundfesten des demokratischen Miteinanders ins Wanken bringen, vor allem, wenn sie sich verfestigten.

Tatsächlich stimmten in einer Umfrage der Böckler-Stiftung nur 59 % der Armen der Einschätzung zu, dass die Demokratie in Deutschland im Großen und Ganzen gut funktioniere, nur 68 % hielten sie für die beste Staatsform. Mehr Engagement gegen Armut sei deshalb nicht nur notwendig, um den direkt Betroffenen zu helfen, sondern auch um die Gesellschaft zusammenzuhalten, so Kohlrausch. Das gelte umso mehr in Zeiten hoher Inflation, in denen immer mehr Menschen die Angst vor dem sozialen Abstieg umtreibe.

Nach Schätzung der WSI-Experten spricht vieles dafür, dass die Corona-Pandemie und hohe Inflation in den letzten Jahren die Probleme bei den ärmsten Menschen weiter verschärft haben. Ein Beispiel: Die hohe Inflation trifft nach einer aktuellen Studie des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) derzeit v. a. Familien mit niedrigem Einkommen. Bei ihnen haben die größten Preistreiber, Haushaltsenergie sowie Lebensmittel, einen deutlich größeren Anteil am ganzen Warenkorb als bei Wohlhabenden.

Schon im kommenden Jahr rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in Deutschland mit einer erneuten Überschuldungswelle. Zählten die Experten aus Neuss in ihrem letztens veröffentlichten Schuldneratlas für 2022 noch fast 5,9 Millionen überschuldete Haushalte, dürfte sich die Lage im kommenden Jahr deutlich verschlechtern: Ein Anstieg der Überschuldungszahlen um rund 600 000 Fälle ist laut Schuldneratlas nicht unrealistisch. Es sei nicht auszuschließen, dass die Wucht des Nachzahlungsschocks bei Haushaltsenergie und die schwer kalkulierbare Dauer der inflationären Tendenzen noch mehr Haushalte in die Überschuldung treiben.

Nach Einschätzung der WSI-Experten helfen die jetzigen Entlastungspakete der Bundesregierung bei der Bekämpfung der Armut zwar. Da komme tatsächlich etwas an, lobte Spannagel. Doch gemessen an den grundsätzlichen Problemen in diesem Bereich sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

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