Experten rechnen mit massiver Infektionswelle in China

Von ella, dpa08.12.2022, 12:41

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t-online aktuell 08.12.2022

Experten erwarten nach den Lockerungen der rigiden Null-Covid-Maßnahmen in China eine massive Infektionswelle. So geht etwa ein Regierungsberater davon aus, dass sich die große Mehrheit der 1,4 Milliarden Chinesen letzten Endes mit dem Coronavirus infizieren wird. Wie Staatsmedien am Donnerstag berichteten, würden sich nach Ansicht des ehemaligen Vizedirektors des nationalen Gesundheitsamtes, Feng Zijian, am Ende 80 bis 90 % der Bevölkerung mit dem Virus anstecken. "Egal, wie die Maßnahmen angepasst werden, die meisten von uns werden sich einmal infizieren."

Wie Modellrechnungen ergaben, dürfte die Infektionsrate in der ersten Welle etwa 60 % erreichen. Bei einem Online-Forum der Pekinger Tsinghua-Universität erklärte der Experte, dass "angemessene Maßnahmen" ergriffen werden müssten, um den Höhepunkt dieser Welle niedrig zu halten und die Belastung des Gesundheitswesens zu verringern. Krankenhäuser der Hauptstadt sehen sich nach dem jüngsten Ausbruch in Peking aktuell schon mit einem starken Zulauf von Infizierten und Personalmangel konfrontiert.

Eine Schwester teilte dem Magazin "Yicai" mit, dass die Notaufnahme voller Patienten sei. "Viele Patienten, die in die Notaufnahme kommen, erweisen sich nach einem PCR-Test als positiv." Die Mitarbeiter müssten sich deshalb darauf vorbereiten, sich selbst zu infizieren. Wie ein Anästhesist in einem anderen Krankenhaus schilderte, werde die Definition von Kontaktperson dort bereits nicht mehr so eng gefasst, um - aufgrund der dann notwendigen Isolation - Personalmangel zu umgehen.

Ein Aufsatz, wonach die kommenden ein, zwei Monate für das medizinische Personal "der dunkelste Moment" werden, war in Ärztekreisen in Umlauf. Positive Patienten würden sich in der Fieberklinik stapeln, und es gebe zahlreiche Komplikationen, erzählte ein Intensivmediziner eines Hospitals.

Experte Feng Zijian mahnte, dass der Höhepunkt der Welle massiven Druck auf das medizinische System ausüben werde. Es müssten Vorbereitungen getroffen werden und es sei entscheidend, die Impfungen zu beschleunigen – vor allem für ältere Menschen mit chronischen Krankheiten. Wer noch keine Impfung erhalten habe, solle diese zügig nachholen. Der Fachmann gehörte zu acht Experten, die Vizepremier Sun Chunlan vergangene Woche beraten hatten, bevor Chunlan von einem "neuen Stadium" im Vorgehen gegen das Virus sprach, das jetzt "weniger krankheitserregend" sei.

Am Mittwoch hatte die Regierung nach einer Protestwelle Ende November gegen die strikten Null-Covid-Maßnahmen eine Kehrtwende hingelegt und weitreichende Erleichterungen bei Lockdowns, Quarantäneregeln, Testpflicht und Reisen in China angekündigt. Für Infizierte ohne Symptome oder mit leichten Krankheitsverläufen soll es demnach prinzipiell möglich sein, zuhause in Isolation zu gehen. Auch Kontaktpersonen sollen in Zukunft die Möglichkeit haben, sich zuhause zu isolieren und so das bisher verpflichtende Quarantäne-Lager zu umgehen.

Auch die Pflicht zu häufigen PCR-Tests sowie die unaufhörliche Kontrolle über die Corona-App zum Einscannen soll gelockert werden. Von Besuchern verlangten die Behörden in Peking aber auch am Donnerstag weiterhin einen negativen Test aus den vergangenen 48 Stunden. Davon abgesehen sind zahlreiche Restaurants, Geschäfte und Schulen in der Hauptstadt nach wie vor geschlossen, während viele Beschäftigte im Home-Office arbeiten.

In Zukunft sollen für Reisen innerhalb Chinas aber auch kein negativer Test und kein Nachweis der Unbedenklichkeit über die Corona-App mehr nötig sein. Auch Lockdowns für einzelne Gebäude, Stockwerke oder Haushaltesollen sollen laut Regierungsanordnungen nur noch gezielt zum Einsatz kommen  – und nicht wie bislang "willkürlich" auf ganze Stadtbezirke oder Straßenzüge ausgeweitet werden.

Statt die Zahl der Infektionen mit drakonischen Maßnahmen auf Null bringen zu wollen, wird China mit diesen Lockerungen nun wohl dem Rest der Welt nacheifern und sich bemühen, mit dem Virus zu leben. Die Null-Covid-Strategie hatte zu massivem Unmut im Volk und erheblichen Belastungen für die zweitgrößte Volkswirtschaft geführt, während die strikten Maßnahmen gegen die neuen, leicht übertragbaren Omikron-Varianten des Virus immer weniger wirksam waren.

Internationale Gesundheitsexperten kritisierten erneut, dass moderne ausländische mRNA-Impfstoffe in China noch immer nicht zugelassen seien. Sie warnten zudem davor, dass im Milliardenvolk aktuell noch keine natürliche Immunität vorhanden sei, weil es bislang nur vergleichsweise wenige Infektionen in China gegeben habe. Die letzten Impfungen oder der Booster lägen bei vielen Chinesen auch schon eine längere Zeit zurück, was ein Problem darstellen könnte.

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