Katar will ab 2026 Flüssiggas nach Deutschland liefern

Von ella, dpa29.11.2022, 18:04

(Neu: mit Unionsfraktionschef Merz in 5. Absatz)

t-online aktuell 29.11.2022

Ab 2026 will Katar Flüssigerdgas nach Deutschland liefern. Die vorgesehene Menge würde reichen, um rund drei Prozent des deutschen Jahresbedarfs zu decken. Dafür hat der Energieriese Qatar Energy am Dienstag zwei Abkommen mit dem US-Unternehmen ConocoPhillips unterzeichnet, das das Gas nach Brunsbüttel liefern soll. Dort wird zurzeit ein Flüssiggasterminal errichtet. Mit Flüssigerdgas aus der ganzen Welt will Deutschland ausbleibendes russisches Erdgas ersetzen.

Bis zu zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas (LNG) pro Jahr sollen die Lieferungen aus Katar umfassen und sich über mindestens 15 Jahre erstrecken. Ryan Lance, der Chef von ConocoPhillips, sagte, das Gas solle in Deutschland bei unterschiedlichen Käufern vermarktet werden. Einzelheiten blieben zunächst unklar. Kritik gab es am Umfang der Transporte, am Vertragsbeginn sowie an der Laufzeit der Abmachung.

Die vereinbarte jährliche Menge entspricht dem Branchenverband Zukunft Gas zufolge etwa 30 Terawattstunden, das sind rund drei Prozent des aktuellen Verbrauchs in Deutschland. "Wir müssen aber knapp 500 Terawattstunden ersetzen, die bislang über russische Gaslieferungen gedeckt wurden", monierte Vorstand Timm Kehler. Zur langfristigen Sicherung der Versorgung gebe es noch sehr viel Arbeit. Der Verband sieht aber trotzdem ein "positives Signal für die landbasierten LNG-Terminals".

Die deutsche Energiewirtschaft hob dabei hervor: "Jedes zusätzliche Angebot erhöht die Versorgungssicherheit." Langfristige Lieferverträge stabilisierten das Gesamtsystem. Kerstin Andreae, die Chefin des Branchenverbandes BDEW, sagte: "Insofern profitieren sowohl private als auch industrielle Gasverbraucher von neuen Langfristverträgen."

Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU) gab sich unzufrieden. "Wir hätten jetzt Lieferverträge gebraucht in wesentlich höherem Umfang", bemängelte der CDU-Chef am Dienstag. Die Lieferungen kämen sehr spät und lösten von den derzeitigen Problemen kein einziges. Es gehe auch um eine so geringe Menge, "dass es im Grunde genommen gar nicht weiter auffällt".

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) begrüßte dagegen die Einigung: "15 Jahre ist super." Auch längere Verträge wären möglich gewesen. Die Reisen von Habeck und Kanzler Olaf Scholz (SPD) nach Katar in diesem Jahr tragen jetzt für Deutschland Früchte. Beide Länder haben im Mai eine Energiepartnerschaft geschlossen.

Mit deutschen Firmen sei Qatar Energy über weitere künftige Gaslieferungen im Gespräch, sagte Katars Energieminister Saad Scharida al-Kaabi. "Wir haben gute Beziehungen zu deutschen Unternehmen und zur deutschen Regierung."

In den Beziehungen zwischen beiden Ländern waren allerdings zuletzt Spannungen spürbar. Im Emirat wird vor allem Habeck wegen seiner scharfen Kritik an der aktuell laufenden Fußball-WM mit großen Vorbehalten betrachtet. In Katar erregte auch der Auftritt von Innenministerin Nancy Faeser (SPD) mit der vom Fußball-Weltverband FIFA verbotenen "One-Love-Binde" beim WM-Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft Kritik. Als Signal für Entspannung lassen sich jedoch die künftigen Gaslieferungen aus Katar deuten.

Das Emirat will Investitionssicherheit haben und legt daher Wert auf eine lange Laufzeit der Abkommen. Al-Kaabi sagte, es handele sich um das erste langfristige Abkommen über die Lieferung von Flüssiggas nach Deutschland. Diese trügen zur langfristigen Energiesicherheit des Landes und Europas bei. "Dies ist eine konkrete Demonstration (...) unseres Engagements für die Deutschen."

Auch die Deutsche Umwelthilfe gehört zu den Kritikern. Aus Sicht des Umweltschutzverbands hilft der Gas-Deal in der gegenwärtigen Krise nicht, schafft aber langfristige Abhängigkeit. Linksfraktionschef Dietmar Bartsch äußerte sich skeptisch. Er halte es für etwas verfrüht, das als großen Erfolg darzustellen. Denn: "Es handelt sich aus meiner Sicht vielmehr um eine PR-Maßnahme, denn es hilft weder für diesen noch für den nächsten Winter." International steht das Emirat wegen Menschenrechtsverletzungen immer wieder in der Kritik.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel hatte kritisiert, man benötige das Gas jetzt – und im Verhältnis zum Gasverbrauch in Deutschland wisse sie nicht, wo bei zwei Millionen Tonnen pro Jahr die Lösung liegen solle.

Die Bundesregierung betrachtet Gas als Brückentechnologie – der Ausbau von Ökostrom aus Wind und Sonne soll deutlich an Tempo gewinnen, derzeit gibt es noch zahlreiche Hindernisse.

Die deutschen Hoffnungen, früher Gaslieferungen von Katar zu bekommen, haben sich bislang nicht erfüllt. Von 2024 war die Rede gewesen. Im Mai hatte Katars Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani dem "Handelsblatt" gesagt, Katar wolle die US-Flüssiggasanlage Golden Pass in Texas, an der Qatar Energy 70 Prozent halte, schon 2024 so weit haben, dass man nach Deutschland liefern könne.

Aktuell baut Deutschland die Infrastruktur für die Lieferung von Flüssiggas in großem Umfang aus. Kurz vor Betriebsbeginn stehen die ersten deutschen LNG-Terminals. Ein Schwimmterminal soll dieses Jahr im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel seinen Betrieb aufnehmen. Ende Dezember soll der erste LNG-Tanker festmachen. Die German LNG Terminal GmbH plant parallel dazu eine feste Anlage, die voraussichtlich 2026 in Betrieb gehen könnte. Zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas sind knapp 35 Prozent der geplanten Terminal-Kapazität. Mit Spezialschiffen wird das LNG geliefert.

Katar zählt zu den größten Exporteuren von Flüssiggas in der Welt. Nach Russland und dem Iran verfügt das reiche Emirat über weltweit drittgrößte Gasreserven. Das Emirat unterzeichnete zuletzt ein langfristiges Lieferabkommen mit China.

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